Skatepark mit springendem Skater im Vordergrund.

25.2.2010 | Von:
Klaus Farin

Die heile Bravo Welt

Organisierte Konsumverweigerung - das ging selbst Bravo zu weit. Das einstige Sprachrohr der Rock-'n'-Roll-Jugend versuchte jetzt eifrig zu bremsen.

"50 Jahre Bravo". Deutschlands bekannteste Jugendzeitschrift feierte 2006 ihren Geburtstag mit Stars von damals bis heute."50 Jahre Bravo". Deutschlands bekannteste Jugendzeitschrift feierte 2006 ihren Geburtstag mit Stars von damals bis heute. (© AP)

So empfahl Bravo, als britische Teenager angesichts der Beatles bereits serienweise in Ohnmacht fielen: "Die Teens und Twens von heute haben das Blue-Jeans-Benehmen ausgewachsen und tragen wieder Herz und Höflichkeit, frisierte Köpfe, fesche Kleider und frische Bügelfalten." (zitiert nach Herrwerth 1997, S. 40). "Die Beatles mit ihren Pilzfrisuren waren für den überwiegenden Teil der älteren Generation eine beispiellose Provokation. Ein mit Postern der vier Liverpooler vollgekleistertes Jugendzimmer im elterlichen Eigenheim wurde als Affront gegen das gesamte herkömmliche Wertesystem angesehen", erinnert sich Thommi Herrwerth, Jahrgang 1949. Dabei waren die Beatles ja erst der Anfang. "Die weit größeren Bürgerschrecks standen den Eltern erst noch bevor: die Rolling Stones. Sie waren noch kompromissloser, noch radikaler, 'vergammelter' und obszöner. Sie gebärdeten sich sexuell in nicht misszuverstehender Eindeutigkeit, führten mit ihren Unterkörpern Bewegungen aus, die bei den sauber herausgeputzten Stars der vergangenen Jahre undenkbar gewesen wären, ihre Haartracht war noch wilder als die der Beatles und sie trugen im Gegensatz zu ihren Konkurrenten – damals schier unvorstellbar! – nicht einmal eine Krawatte. 'I can't get no Satisfaction', so lautete ihr Schlachtruf, mit dem sie weltweit die Bestsellerlisten stürmten." (a.a.O.)

Nur nicht die der Bravo. "Sie lassen sich die Haare ungekämmt und unappetitlich auf die schmalen Schultern hängen. Sie stecken in erbarmungswürdig schäbigen Anzügen. Und sie sehen überhaupt höchst verhungert und verkommen aus!", kanzelte Bravo (Nr. 13/1964) die Stones ungnädig ab und hoffte wohl, das Thema sei damit durch. Es sollte natürlich anders kommen, und Bravo vergaß angesichts der realen Gefahr, einen Großteil ihres Publikums zu verprellen, schnell jegliche pädagogischen Ambitionen und setzte sich an die Spitze der Beatbewegung: Schon ein Jahr später sponserte Bravo die Deutschland-Tournee der Stones, und bei den Otto-Wahlen konnten Bravo-Käufer ab 1966 auch ihre Lieblings-Beatband wählen. Die Stones gewannen allerdings nie ...

Bravo, seit Juli 1965 im Besitz von Axel Springer, entwickelte sich im Laufe der Sechzigerjahre immer deutlicher zum Sprachrohr der Spießer. "Es ist eine heile, nette Welt, die Bravo-Lesern vorgegaukelt wird. Da gibt es keinen Krieg in Vietnam, keinen Hunger in der Welt, keine Rassenkrawalle in Amerika und keine Studenten-Rebellionen in Berlin, Frankfurt und München. Während andere Springer-Zeitungen die jungen Rebellen an den Universitäten als 'verrückte Halbstarke' abkanzeln, verlangt Bravo, 'dass es an der Zeit ist, ein Vorurteil zu korrigieren'."(Der Spiegel 7/1968, S. 65) "Die Jugend" ist in Wirklichkeit nett und brav, lautet die Botschaft. So erwiesen sich auch die Stars, die Bravo präsentierte, stets als wohlanständige, moralisch einwandfreie, prüde Jungs und Mädchen. Selbst Mick Jagger mutierte in Bravo zum "treuen Lebensgefährten", und die Ehefrau von Stones-Bassist Bill Wyman durfte zu Protokoll geben, ihr Bill sei "kein Schmutzfink" und wasche seine Haare täglich. "Meine Frau müsste immer für mich da sein und dürfte keine anderen Interessen als ihre Familie haben", ließ sich Filmstar Robert Hoffmann zitieren – eine von unzähligen Aussagen, mit denen die Bravo ihr Hauptkampffeld der Sechzigerjahre bestückte, die befürchtete Auflösung tradierter Geschlechterrollen und damit die Emanzipation der Frauen.

"Wahre Orgien an Moral und Biedersinn legten sie ihrem neuen Lieblingsstar in den Mund: Roy [Black; kf] wetterte gegen Mädchen, die rauchen, die ihr Äußeres nicht genügend pflegen, die sich allzu aufreizend schminken oder die 'nur an das eine denken'. Nichts war für ihn verabscheuungswürdiger als 'superkurze Miniröcke. Weil sie ungraziös sind und weil sie mich immer an die kaltkessen Anbiederungsversuche einer Profi-Koketten erinnern.' An Jungs verabscheute er ungepflegte Kleidung und lange Haare. 'Ich finde ja auch kein Mädchen schön, das sich die Haare militärisch kurz schneidet und einen Scheitel zieht und alles fest am Schädel anklatscht. Denn das ist männlich. Und fließend lange Haare sind weiblich.' Selbst gegen Bestrebungen, der Prüderie der Nachkriegsära ein halbwegs ungezwungenes Verhältnis zur Sexualität entgegenzusetzen, wetterte Saubermann Roy Black energisch: 'Ich bin dagegen, dass Kinder ihre Eltern nackt sehen. Der Abstand, der zwischen Vater und Mutter und Kindern bestehen sollte, geht damit verloren.'" (Und das noch 1969!, zitiert nach Herrwerth 1997, S. 53)

Merkwürdigerweise existieren von Roy Black, der seine Karriere als Rock-'n'-Roll-Sänger begann, auch ganz andere Zitate. So sprach er sich zum Beispiel gegen den Vietnamkrieg aus ("Dieser Krieg ist grausam und rechtmäßig von Amerika nicht mehr zu vertreten") oder "absolut für die Anti-Baby-Pille. Und sie sollte auch nicht nur an verheiratete Frauen ausgegeben werden, sondern an jedes Mädchen – sagen wir frühestens ab achtzehn – das sie haben will." Gäbe es eine Anti-Baby-Pille für Männer, "würde ich sie nehmen" (Löb 1997, S. 33), bekannte Roy Black für jene Jahre sogar ungewöhnlich progressiv – nur nicht in der Bravo. Dafür durfte er ab 1966 bis zum Ende der Dekade alljährlich einen "Otto" entgegennehmen. Ein sexuelles Leben hatten Bravo-Stars grundsätzlich nicht. Noch bis in die späten Sechziger hinein wurde das Thema weitgehend gemieden, und wenn es mal angesprochen wurde, dann im Stil katholischer Ratgeber für junge Mädchen aus den Fünfzigerjahren. Selbstbefriedigung sei eigentlich "Selbstbefleckung", warnt Bravo in einer Ausgabe von 1966, denn sie "bringt keinen Frieden, im Gegenteil, sie löst fast immer ein Gefühl innerer Leere und tiefer Niedergeschlagenheit aus". Mädchen könnten davon sogar "frigid" werden, "sie eignen sich nicht mehr, eine gute und erfüllte Ehe zu führen." Das Gleiche gilt für Petting: "Ein Mädchen, das lange und ausdauernd Petting betrieben hat – meist bleibt es ja auch da nicht bei einem Partner – wird verdorben und ist verdorben." (a.a.O., S. 71) "Ein Junge, der der Lust an sich selbst nachgibt, verkennt gründlich, wozu der Sex von der Natur bestimmt ist", heißt es noch 1968 in der Serie "Jugend und Sex '68". – Da darf es dann auch nicht weiter verwundern, wenn Bravo-Ratgeber "Dr. Vollmer" Homosexualität für "abartig" erklärt und männlichen Lesern in einem solchen Fall empfiehlt, einen Psychiater aufzusuchen oder sich "männliche Hormone" injizieren zu lassen, und "Lesbierinnen" rät, ihre "tiefe unbewusste Angst vor den Männern" loszuwerden.

Nachdem jedoch das Missverhältnis zwischen den von Bravo vertretenen Positionen und denen ihrer Käuferinnen und Käufer immer auffälliger wurde (so hatten etwa 1968 in einer Umfrage 89 Prozent der Jungen zwischen 15 und 20 Jahren mitgeteilt, sie würden auch ein Mädchen heiraten, das keine Jungfrau mehr ist), schwenkte Bravo um, und die "junge schwedische Ärztin Kirsten Lindstroem" durfte 1969 in der Serie "Liebe ohne Geheimnis" verkünden: "Es ist noch gar nicht lange her, dass in Deutschland von den Mädchen verlangt wurde, sie sollten ihre Unschuld bis zur Trauung bewahren und als Jungfrau vor den Standesbeamten treten. Mit dieser doppelten Moral ist es nun endgültig vorbei." (a.a.O., S. 74)

Den nötigen Denkanstoß für die Umorientierung von Bravo hatte wie üblich nicht die Redaktion gegeben, sondern die Marketingabteilung. Die hatte nämlich feststellen müssen, dass sich die Käufer von Bravo zunehmend aus der Altersstufe unter 14 Jahren rekrutierten – und die verfügten seinerzeit noch nicht über das notwendige Taschengeld, um all die schönen Waren zu kaufen, für die Unternehmen in der Bravo warben. Der Konservatismus und die Prüderie der Bravo-Redaktion waren spürbar schlecht fürs Geschäft: Es wurde für Bravo immer schwieriger, Anzeigenkunden zu finden. Da legte eine vertrauliche Leseranalyse den Verlegern "den Zeitpunkt dar, zu dem viele Jugendliche die Lektüre ihrer Star-Postille aufgaben: sobald sie nämlich begannen, sich für Sex zu interessieren." (a.a.O., S. 64) Schon wenige Monate danach, in der Ausgabe 43/1969, war es dann so weit – Bravo baute sich, wie es später in einer Verlagserklärung heißen wird, "ein zweites Bein" auf, das neben dem Starkult "zu einem zweiten tragenden Element in Bravo geworden ist": "Ein Mann von heute spricht mit den Bravo-Lesern über ihre Sorgen und Probleme: Dr. Sommer."


Literatur

Bravo 13/1964

Herrwerth, Thommi: Partys, Pop und Petting. Die Sixties im Spiegel der BRAVO. Marburg 1997.

Löb, Arno: Sweet Baby Mein. Roy Blacks wilde Jugendjahre. Königswinter 1997.

Spiegel 7/1968


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