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Skatepark mit springendem Skater im Vordergrund.

3.3.2010 | Von:
Klaus Farin

Ska & Oi!

Der Schlüssel für diese unerwartete Freundschaft war die Musik: Ska, ein Direktimport aus Jamaika, ein energiegeladener Offbeat, der seine Zuhörerschaft sofort in Vibrationen versetzte, als würden ihre Körper von rhythmischen Stromschlägen gepeinigt.

Seit den Siebzigern eine Mischung aus Ska, Reggae und Oi: Die Skaband "The Special" bei einem Konzert in Italien, 2009.Seit den Siebzigern eine Mischung aus Ska, Reggae und Oi: Die Skaband "The Special" bei einem Konzert in Italien, 2009. Lizenz: cc by/2.0/de (CC, mickstevens)

Ska ist eine fröhliche Tanzmusik, so ganz anders als die der damals dominierenden Rockgiganten von Woodstock, die wuchernden psychedelischen Klangteppiche der Hippie-Kinder, aber noch nicht so konsumentenfreundlich wie der spätere, sich aus dem Ska entwickelnde Reggae. Das Mainstream-Publikum, aber auch alle anderen Jugendsubkulturen, mochten diese Musik nicht. Ska galt als primitiv und unprofessionell. Bob Marley und Peter Tosh liefen noch nicht mit Dreadlocks, sondern kurz geschoren durch die Gegend und forderten in ihren ersten Songs nicht Ganja, sondern "Rebel!". Die Platten gab es nicht an jeder Ecke, man musste sich, vor allem als "weißes" Kid, wirklich bemühen. Freundschaften mit Einwanderern knüpfen, stundenlanges Warten am Hafen auf ein von den westindischen Inseln einlaufendes Schiff, erinnern sich Alt-Skins wie Judge Dread, einer der ersten weißen Ska-Musiker. Nur wenige Tanzclubs hatten Ska in ihrem Repertoire: die Clubs der jamaikanischen Rude Boys. "Plötzlich kamen auch weiße Jungs zu den Auftritten", berichtet Derrick Morgan, der 1962/63 sieben Songs in den jamaikanischen Top Ten platziert hatte und seitdem regelmäßig durch Großbritannien tourte, ohne dort wirklich heimisch zu werden. "Bisher hatten wir nur schlechte Erfahrungen mit Weißen gemacht. Die Teddyboys mochten uns und unsere Musik nicht. Es gab Angriffe auf die Clubs, in denen wir spielten. Dann kamen die Skins, und das waren wirklich nette Jungs. Sie liebten unsere Musik und imitierten unsere Bewegungen, unsere Tänze. Sie machten uns auch in England wirklich populär."

Die jamaikanischen Rude Boys schenkten den britischen Arbeiterjugendlichen nicht nur den Sound, auch ein Großteil der Skinheadmode - vor allem die smartere Variante mit Anzug und Pork-Pie-Hütchen - entstammt der Asservatenkammer der Einwandererkinder. Ihr expressiver Lebensstil imponierte den Skinheads, ihre toughen Straßengangs flößten ihnen Respekt ein. Die Kulturen mischten sich, eine Reihe britisch-jamaikanischer Gangs entstanden. Man tanzte gemeinsam in den Clubs und prügelte sich gemeinsam auf der Straße oder nach dem Fußball. So musste man Ende der Sechzigerjahre ziemlich schizophren denken, um gleichzeitig Skinhead und Rassist zu sein. Denn noch waren neunzig Prozent der Idole, die DJs und Musiker auf den Bühnen, so "schwarz" wie die besten Freunde der Skinheads. Und so leitete erst ein Wandel der Musik den Bruch zwischen "Weiß" und "Schwarz" innerhalb der Skinheadkultur ein.

Oi!

Zehn Jahre später. Punk war soeben dabei, ein lukrativer Zweig der Freizeitindustrie zu werden, in dem sich immer mehr Mittel- und Oberschichtenkids auf der Suche nach dem neuesten Trend ihre Wochenendkicks holten. Punk-Mode schmückte bereits Versandhauskataloge, und Bravo-Leser diskutierten über das Für und Wider von Sicherheitsnadeln in der Nase. Distanz war angesagt. Dieses Mal nicht nur zu APO-Vätern und Hippie-Kindern, sondern auch zu den Mode-Punks. In Großbritannien erinnerten sich viele Punks an den im Untergrund vor sich hin schlummernden Skinheadkult, und schon bald verwandelten sich Britanniens Schmuddelkinder - und kurz darauf auch deutsche Punks - serienweise in Skinheads: ließen sich die bunten Haare scheren, flickten ihre Hosen und ersetzten die Nadeln im Ohr durch Tattoos auf den Armen - spätestens da mussten die "Freizeit-Punks" passen.

Auch zahlreiche Bands machten weiter - härter als zuvor. Sham 69, Cock Sparrer, Cockney Rejects oder die Angelic Upstarts vergraulten die Middle-class-Mode-Punks aus ihren Konzerten, beschleunigten ihre Rhythmen noch ein Stück, mischten zum Mitgröhlen geeignete Fußballgesänge aus den Stadien dazu und säuberten den Sound schließlich von allen "Unreinheiten" der New-Wave-Ära: "Oi ist eine rituelle Reinigung von allem, was nicht nach der Stimme des mit dem Rücken zur Wand stehenden Mobs klingt. Er will alle "Unreinheiten" des "weichen", "angeberischen" Nachpunk-Rock ausmerzen - die "Künstlichkeit", das "Unheimliche", die weitschweifige Lyrik, den studioabhängigen Elektroniksound, den Flirt mit sexuell mehrdeutigen Bildern. All diese "Schandflecken" sind im Oi verschwunden. Oberflächlich gesehen spielt Oi eine ähnliche Rolle wie der frühe Punk - er will den Rock auf seine Grundlage zurückführen, der Musik eine Note von Klassenkampf zurückgeben, eine ursprüngliche Aura von Delinquenz wiederbeleben." (Hebdige 1993)

Natürlich musste auch ein neuer Name für die Musik her. Sie experimentierten zunächst ein wenig pathetisch mit Begriffen wie "Realpunk" oder "Working-class-Punk" und entschieden sich schließlich für ihren Schlachtruf aus den Stadien, das durch einen Song der Cockney Rejects bereits kultisch verewigte Begrüßungsritual in den Straßen: Oi! Oi! Oi! Damit war der Skinheadkultur zehn Jahre nach ihrer Geburt eine zweite Wurzel gewachsen.

Die Mehrzahl der Skinheads der zweiten Generation in Großbritannien (ab 1976) und der ersten in Deutschland (ab 1979) war nicht rechtsradikal. Doch mit dem Einzug des "weißen" Punk in die Skinheadkultur war die wesentliche Voraussetzung geschaffen, dass Neonazis und Rassisten in der Skinheadszene heimisch werden konnten. Der Samen für die bis heute anhaltende ideologische Spaltung der Skinheadszene in zwei einander feindlich gegenüberstehende und um das Erbe der Erstgeborenen ringende Stämme war gesät.



Literatur

Hebdige, Dick: "Gefallene Buben", in: die tageszeitung vom 12. März 1993.


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