Skatepark mit springendem Skater im Vordergrund.

3.3.2010 | Von:
Klaus Farin

Von Guten und Mitläufern

Die Jüngsten sind gerade mal dreizehn Jahre alt. Die ersten Male schwirren sie noch wie aufgeregte Motten um den Pulk herum, beobachten mit glänzenden Augen, aber aus sicherer Distanz, wie der Mob sich die Stadt erobert.

Berliner Anhänger stürmen nach dem Bundesligaspiel am 13. März 2010 gegen den 1. FC Nürnberg das Spielfeld.Berliner Anhänger stürmen nach dem Bundesligaspiel am 13. März 2010 gegen den 1. FC Nürnberg das Spielfeld. (© AP)

Bevor sie weitere Annäherungen wagen, versuchen sie, in dem scheinbar völlig ungeordneten Chaos Strukturen zu erkennen, die "Guten" aus der ersten Reihe, die "Kategorie C"-Hooligans herauszufiltern, an denen man sich orientieren kann, sich deren Gesten, Sprüche und Kleidung zum späteren Kopieren einzuprägen. Bald wissen sie die wichtigsten Spitznamen, die, im Gespräch locker fallen gelassen, ihren Insider-Status bestätigen.

Der anonyme Mob löst sich allmählich in einzelne Gesichter und Namen auf, mit denen wieder Erlebnisse verbunden sind. Untercliquen werden erkennbar, erste individuelle Freundschaften kristallisieren sich heraus, Verabredungen auch außerhalb des Fußballs kommen zustande. Dann taucht erneut Nachwuchs auf, und plötzlich ist man schon ein "Alter", einer, der "okay" ist, der von den "Guten" namentlich begrüßt wird, auch wenn man selbst nie in der ersten Reihe stand; einfach, weil man da und dort dabei war, Teil der Stammesgeschichte(n) geworden ist.

Den meisten reicht das. Sie werden sich auch zukünftig damit begnügen, am Rande dabei zu sein, mit den anderen durch fremde Städte zu sprinten, Polizeisperren zu überlisten, den gegnerischen Mob zu jagen, sich jagen zu lassen, die notwendige Kulisse für die "Verrückten" und die "Guten" zu bilden – und dabei die hautnahe Konfrontation nach Möglichkeit vermeiden. Viele bleiben nur eine Saison, springen wieder ab, wenn es sie zum ersten Mal erwischt oder sie merken, dass die Polizei ernsthaft zur Sache geht.

Gefährlicher sind die, die sehr schnell sehr hoch hinaus wollen. Da es ihnen zudem oft noch an Körperkraft und Erfahrung mangelt, gleichen sie das durch Waffen aus, die ihnen ein trügerisches Gefühl von Sicherheit geben, und manchmal auch durch Drogen, die die Angst zurückdrängen und in Euphorie verwandeln sollen. Der über die Jahre ritualisierte Ehrenkodex der Älteren, nach dem alles andere als ein unbewaffneter Kampf Mann gegen Mann im Allgemeinen verpönt ist, ist ihnen fremd. Mangelndes Selbstbewusstsein vertuschen sie durch möglichst krasse Sprüche, die fehlenden Körpersäfte durch "ein bisschen schmutziges Zwanzig-gegen-Einen".

Liegt ein Gegner erst einmal am Boden – von einem "Guten" gefällt –, traut sich auch der "Lutscher" aus der letzten Reihe heran, um noch mal nachzutreten, um – hoffentlich gucken gerade viele hin – auch etwas getan zu haben. Behält der eigene Mob eindeutig das Oberwasser, stürmt auch der Mitläuferpulk mutig mit voran. Doch sobald die Situation brenzlig aussieht, zu kippen droht, kann es passieren, dass der stolze Zweihundert-Mann-Mob plötzlich auf ein Dutzend zusammenschrumpft, der unter Umständen ganz schön blass aussieht, wenn der Gegner kommt. So sind nicht alle Alt-Hooligans glücklich über den Mode-Nachwuchs, auch wenn sie natürlich wissen, dass die Masse überhaupt erst ihr Hooligan-Dasein ermöglicht. "Ohne Mitläufer wär´ nichts los. Bei zwanzig Mann hätten zehn Bullen die Sache im Griff." Die Mitläufer "sind immer dabei, aber in der Mitte des Mobs, mit einem Bein im Rückwärtsgang. Der Mitläufer rechnet sich eher seine Chancen aus; dies heißt jedoch nicht, dass ein Guter um jeden Preis auf eine ihm weit überlegene Gruppe losstürmt, dies machen nur Irre." (Alex, zitiert nach Matthesius 1992, S. 145)

Die "Guten" zeichnen sich nicht nur und unbedingt dadurch aus, dass sie am kräftigsten zuschlagen und keiner Prügelei aus dem Weg gehen. Genauso wichtig wie Körperkraft sind Zuverlässigkeit, kameradschaftliches Verhalten, Witz und verbale Schlagfertigkeit, Organisationstalent und natürlich langjährige Zugehörigkeit zur Szene. "Die Guten prahlen nicht mit ihren Heldentaten. Wer mit großen Sprüchen von seiner eigenen Heldentat erzählt, ist kein Guter. Der Gute erzählt auch von seinen Misserfolgen. Bei den Guten herrscht ein Ehrenkodex, der es ihnen nicht erlaubt, auf Schwächere zu gehen oder Kutten anzugreifen. Ein Guter bleibt, auch wenn es hart auf hart geht, bei seinen Leuten stehen." (Alex, a.a.O.)

Niemand mag es, zusammengeschlagen zu werden, auch Hooligans nicht. Und doch begeben sie sich regelmäßig und freiwillig genau in solche Situationen, wo die Chance fifty-fifty steht, dass es sie erwischt. Ein Hooligan, der behauptet, er habe nie Angst, ist unehrlich oder verrückt (und sehr oft ein "Poser", nichts als ein großmäuliger Statist). Hooligan zu sein heißt, regelmäßig Angst zu haben. "Wenn du siehst, da kommt die Meute auf dich zu – das ist der entscheidende Moment. Wenn du dich – trotz der Muffe, die du in dem Augenblick hast – nicht umdrehst, sondern draufgehst ..." – Hooligan sein heißt auch, sich dieser Angst zu stellen.

Tausende stehen alljährlich Schlange um einmal, nur mit einem Gummiband gesichert, von einem Turm hinab in die Tiefe springen zu dürfen. Achtzehn Jugendliche kamen in den Neunzigerjahren bei dem Versuch ums Leben, während der Fahrt den S-Bahn-Waggon zu wechseln. Reinhold Messner erholte sich noch von einer Expedition, die er nur knapp überlebt hatte, als er bereits ein neues, noch waghalsigeres Unternehmen der Öffentlichkeit vorstellte. Es geht um Grenzerfahrungen, um Abenteuer, reale Abenteuer ohne Joystick, um Ausbruchsversuche aus einer hoch technisierten Welt, in der körperliches Agieren überflüssig erscheint oder gar unangenehm auffällt. Hooliganismus ist auch ein Versuch, mal wieder zu spüren, dass man noch lebt.



Literatur

Matthesius, Beate: Anti-Sozial-Front. Vom Fußballfan zum Hooligan. Opladen 1992.


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