Skatepark mit springendem Skater im Vordergrund.

3.3.2010 | Von:
Klaus Farin

Einführung

Das Eintauchen in eine Jugendkultur ist ein Versuch, die Jugend festzuhalten – selten zuvor seit der Gründung der Bundesrepublik hatten Jugendliche so viel Anlass, dem Blick auf die Realität auszuweichen. In den Achtzigern ist jeder fünfte Arbeitslose in der Bundesrepublik ein Jugendlicher.

Jugendliche beim CampingJugendliche beim Camping Lizenz: cc by-sa/3.0/de (CC, Bundesarchiv, Bild Bild 183-1982-0730-409, Foto: Thieme, Wolfgang)

6000 Jugendliche töten sich im Jahre 1980 selbst, weitere 18000 Selbstmordversuche werden registriert. Unter den Studierenden ist die Selbstmordrate doppelt so hoch wie bei nicht studierenden Jugendlichen. Mit 600 Drogentoten wird eine neue Rekordmarke erreicht, 1970 waren es noch 29 Tote. Buchtitel jener Jahre heißen "Du hast keine Chance, aber nutze sie. Eine Jugend steigt aus", "Die entmutigte Republik" oder "Die überflüssige Generation. Jugend zwischen Apathie und Aggression". "Die Jugendphase ist für Jugendliche zu einem steinigen Weg in eine unbekannte und unsichere Zukunft geworden." (Shell Deutschland 2002, S. 63) So haben sie es nicht mehr eilig, "erwachsen" zu werden. Die "Twentysomethings" werden entdeckt.

Zukunft ist out, selbst bei weiten Teilen der studentischen Linken. Auch das große Jahrzehnt der Sinnsucher ist vorbei. Die Zukunft liegt auch nicht mehr in Poona. Man hat sich eingerichtet – mehr oder weniger. Die hoffnungsvolle Empörung von einst ist der Ironie gewichen. Lach kaputt, was dich kaputtmacht. Es herrscht Distanz statt Betroffenheit zu den Dingen, die man ohnehin nicht ändern kann – Reduzierung auf das Machbare. Die Spontis sind also weiterhin da. Die Verhältnisse ändern möchte man immer noch, aber lieber heute wenig und konkret als morgen keine Revolution. "Hoffnungen sind auf das Machbare entschwunden, Leben in kleinen Schritten bestimmt den Alltag in diesem Land", stellen Ronald Glomb und Lothar Reese im Vorwort zu einer von ihnen herausgegebenen und den Zeitgeist der späten Sechziger, frühen Achtzigerjahre widerspiegelnden Lyrik-Anthologie junger deutscher Autoren fest. "Kämpferisches ist in der Minderheit. Die leisen, privaten und tastenden Versuche überwiegen. In finster-unangenehmen Zeiten zieht man sich schützend zurück in die Subjektivität. Epigrammatischer Agitprop hat seine Schuldigkeit getan. Ein Gedanke = ein Gedicht, das klappt heute alles nicht mehr. Die Welt ist komplizierter geworden." (Glomb/Reese 1980, S. 15) "Die Schlaffis kommen", prophezeit der Stern wieder einmal. "Diese Jugend geht nicht auf die Barrikaden." (Stern vom 24. April 1980, S. 112)

Die utopischen Sinnsprüche der letzten Dekade – "Wer keinen Mut zum Träumen hat, hat keine Kraft zum Kämpfen", "Seid Realisten – fordert das Unmögliche" – zieren immer noch als Aufkleber, Postkarten oder Graffiti Wohngemeinschaften und Universitäten, doch in die überall aus dem Boden sprießenden chromglänzenden Cafés und Klubs der Neue-Deutsche-Welle-Jugend passen sie nicht mehr hinein. Die Jugend denkt pessimistisch – und ist doch, vielleicht gerade deshalb, so engagiert wie nie zuvor. "Nicht nur in den Großstädten, sondern auch in Kleinstädten, die sich bisher nur durch Schützenfeste und Prozessionen einen Namen gemacht haben, kommt es zu Protestaktionen. Demonstrationen finden in einer Häufigkeit und mit Teilnehmerzahlen statt, von denen die Studentenbewegung einst nur geträumt hatte. Ende April 1981 stellte die Konferenz der Innenminister der Länder fest, das jugendliche Protestpotenzial sei heute breiter als am Ende der Sechzigerjahre und nehme weiter zu." (Bopp 1981, S. 152) Überall boomen Initiativen, Basisgruppen, Aktionsbündnisse. Friedensbewegung, Anti-Atomkraft- und Ökobewegung, Hausbesetzer und Feministinnen – die frühen Achtzigerjahre sind auch die große Zeit der Protestjugend. Besetzungen und Blockaden werden zu einem trendigen Mittel der politischen Meinungsäußerung. Es sind Minderheiten, die sich in all diesen Szenen und Netzwerken tummeln – aber sehr tatkräftige.



Literatur

Bopp, Jörg: Trauer-Power. Zur Jugend- revolte 1981, in: Kursbuch 65, 1981, S. 151–168.

Glomb, Ronald/Reese, Lothar (Hrsg.): Anders als die Blumenkinder. Gedichte der Jugend aus den 70er Jahren. Reinbek 1980.

Shell Deutschland (Hrsg.): 50 Jahre Shell Jugendstudie. Von Fräuleinwundern bis zu neuen Machern. Berlin 2002.

Stern 24.4.1980


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