Oktoberrevolution

Vor 100 Jahren: Gründung des KGB-Vorläufers, der "TscheKa"

Über die Kontinuitäten der russischen Geheimdienste bis heute


19.12.2017
Am 20. Dezember 1917 wurde der KGB-Vorläufer, die "TscheKa" gegründet. Der Politikwissenschaftler Manfred Sapper erläutert im Interview mit Felix Riefer die Kontinuitäten der russischen Geheimdienste. Noch heute ist in Russland der 20. Dezember "Tag des Mitarbeiters der Sicherheitsorgane der Russländischen Föderation".

Ein Mann tritt mit seinem Fuß auf den Kopf der Statue von Felix Dserschinski, dem Gründer und Chef der sowjetischen Geheimpolizei TscheKa, später bekannt unter dem Namen KGB. An diesem Freitag, den 23.August 1991, wird die Dserschinki-Statue vor der Lubjanka, dem Sitz des KGB, demontiert.Ein Mann tritt mit seinem Fuß auf den Kopf der Statue von Felix Dserschinski, dem Gründer und Chef der sowjetischen Geheimpolizei TscheKa, später bekannt unter dem Namen KGB. An diesem Freitag, den 23.August 1991, wird die Dserschinki-Statue vor der Lubjanka, dem Sitz des KGB, demontiert. (© picture-alliance)

Herr Dr. Sapper, im Zuge der Russischen Revolution vor 100 Jahren kam es am 7. November 1917 in Sankt Petersburg, dem damaligen Petrograd, zum Putsch. Der radikale Flügel der russischen Sozialdemokraten, die sogenannten Bolschewiki mit Lenin an ihrer Spitze, ergriff die Macht. Schon am 20. Dezember 1917 wurde mit der "Außerordentlichen Kommission", kurz "TscheKa", eine Geheimpolizei installiert. Dies geschah noch vor der Gründung der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR), die im März 1918 erfolgte und vor Gründung der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR) im Dezember 1922. Warum wurde der Geheimdienst noch vor dem eigentlichen Staat gegründet?

Die TscheKa war das Projekt einer kleinen Gruppe unter den Bolschewiki. Diese Gruppe hatte seinerzeit keine Mehrheit in Russland. Sie wähnte sich in einer feindlichen Umgebung und wollte sich machtbewusst gegen alle andersdenkenden Kräfte zur Wehr setzen, seien es andere sozialistische Strömungen, Anarchisten, Bauern, Intellektuelle oder Zaristen. Zu diesem Zweck wurde im Dezember 1918 die TscheKa gegründet, als sogenannte außerordentliche Kommission zur Bekämpfung der Konterrevolution. Sie legte die Grundlage dessen, was in den "Roten Terror" unter Stalin mündete.

Dessen Staatsterror gegen die eigene Bevölkerung verbunden mit der Inhaftierung und Ermordung von zehntausenden "Klassenfeinden" ohne Verfahren, hat also ihren Ursprung in der feindbildgeprägten Ideologie der Bolschewiki während der Oktoberrevolution und nicht erst während des anschließenden Stalinismus. Denn bereits Lenin dekretierte gegenüber Felix Dserschinski, dem ersten Chef der TscheKa, dass Gegner umzubringen seien, um die sozialistische Revolution rücksichtslos durchzusetzen.

Wie viel zaristische Geheimpolizei steckte in der TscheKa? Ist das weit verzweigte Spitzelsystem des im März 1917 entmachteten Zaren als ein Vorläufer der TscheKa zu betrachten?

Man kann immer Parallelen finden. Allerdings war die TscheKa mit neuen Praktiken verbunden. So wurden von ihr bereits im August 1918 die ersten Lager in Arzamas und Murom errichtet. Sie nutzte dafür ehemalige Kriegsgefangenlager. Statt "äußerer Feinde" wurden nun "innere Feinde" interniert. Solche Befugnisse hatte die zaristische Geheimpolizei nicht. Sie setzte in ihren Kampf z.B. gegen Sozialdemokraten oder Anarchisten in der Regel auf deren Verbannungen nach Sibirien.

Die TscheKa hatte ohne rechtsstaatliche Verfahren, ohne staatsanwaltschaftliche Ermittlungen, überhaupt ohne Hintergründe, das Recht auf Erschießungen. Willkürliche Erschließungen, das war eine völlig neue Qualität und auch der Terminus des Roten Terrors, ist einer, der sehr früh von der TscheKa geprägt wurde. Also hier würde ich nicht von Traditionslinien aus dem zaristischen Russland sprechen. Für die Bolschewiki ergab sich diese Härte aus ihrer ungefestigten Machtlage heraus und führte zum Bürgerkrieg bis 1922.

Die Kaderpolitik der TscheKa richtete sich an Loyalität und Ergebenheit und nicht an Qualifikation, sodass die Wiener Soziologin und Psychologin Anna Schor-Tschudnowskaja die sowjetische Geheimpolizei mit einer Sekte vergleicht. Würden Sie ihr zustimmen?

In ihrer Frühphase bestand die Führung der TscheKa aus der alten im Untergrund tätigen Sozialdemokratischen Partei. Im Prinzip genau das Gleiche, was auch für die Bolschewiki gilt: sehr viele, sehr gut gebildete Leute. In dem Augenblick in dem es 1918 zu einem schwunghaften Anwachsen der TscheKa kam – 1917 waren es 100 Leute und in kürzester Zeit schnellte die Zahl der Mitglieder der TscheKa auf über 10.000 an. Da wurden dann ganz schlecht ausgebildete, loyale und politisch willfährige Leute ausgewählt.

Die Idee, dass es einen Geheimbund quasi als Staat im Staate geben müsse, die hat sich in den 1920er Jahren herauskristallisiert. Schließlich waren als Schlüsselaufgaben auch der Schutz der Infrastruktur, der Eisenbahn oder der Energieversorgung später der TscheKa übertragen worden. So entwickelte sich daraus diese Idee, streng im Geheimen operieren zu müssen.

Die andere relevante Tätigkeit der TscheKa war die Bespitzlung und Überwachung der Bevölkerung. Die Erfassung von den Stimmungen in einzelnen Fabriken, in einzelnen Regionen. Die TscheKa baute ein Berichtswesen aus zahlreichen Zuträgerdiensten in allen Teilen des Imperiums auf. Diese leiteten dann das Material nach Moskau weiter. Das Personal der TscheKa war dadurch in der Regel sehr gut informiert.

Das trug dazu bei, dass die TscheKa sich als Rückgrat der Revolution herausgebildet hat und die Grundlage für dieses wuchernde Bespitzelungswesen schuf. Das führte dann in den Jahren ab 1928, also während der sogenannten zweiten, der stalinistischen Revolution, wirklich zur Vollendung, zur Spionomanie – Oppositionelle galten automatisch als feindliche Agenten. Diesen "Säuberungen" fielen am Ende auch ganze Bevölkerungsgruppen, wie die Krimtataren oder die sogenannten Russlanddeutschen, zum Opfer.

Gab es oder gibt es mittlerweile eine Aufarbeitung dieses Staatsterrors?

Hier geht es – wie in anderen Feldern auch – vor und zurück. Während der Perestroika unter Gorbatschow konnte sehr viel hierzu recherchiert werden. Heute erleben wir hingegen, dass das, was während der Perestroika und in der frühen Periode der unabhängigen Russländischen Föderation erreicht wurde, wieder zurückgedrängt wird. Somit finden sich zwei unterschiedliche Lesarten. Eine sowjetische Lesart, die den Terror, die Gewalt und die Kriminalität versucht als Abweichungen während der Stalinära zu interpretieren. Das ist das Chruschtschow'sche Model zu sagen: "Naja, das war eigentlich alles im Stalinismus".

Und auf der anderen Seite gibt es russische Historiker wie Wladimir Buldakow, Menschenrechtler wie Nikita Petrow oder Oleg Orlow von der Moskauer NGO Memorial, die sagen, dass der Terror, die Gewalt der Geheimdienste, ein Strukturelement der sowjetischen Herrschaftspraxis seit 1917 gewesen ist. Und dass dies nach der Archivöffnung in den frühen 1990er Jahren sehr gut dokumentiert wurde.

Infobox "Sowjetische/russische Geheimdienste"

Am 20. Dezember 1917 gründet Felix Dserschinski im Auftrag von Wladimir Lenin die "Außerordentliche Gesamtrussische Kommission zur Bekämpfung der Konterrevolution, Spekulation und Sabotage" häufig abgekürzt durch die zwei Buchstaben "Ч" (gesprochen "Tsche") und "К" – die "TscheKa".

Diese Geheimpolizei wird ab 1922 als "Vereinigte staatliche politische Verwaltung" - OGPU oder häufiger GPU bezeichnet.

Die GPU wird ab 1934 dem "Volkskommissariat für innere Angelegenheiten" NKWD als übergeordnete Behörde zugeordnet.

Das NKWD wird 1946 in das "Ministerium für innere Angelegenheiten" - MWD umbenannt.

Aus dem MWD heraus entsteht von 1954 bis 1991 das "Komitee für Staatssicherheit beim Ministerrat der UdSSR", der KGB. Der KGB ist sowohl für das In- als auch das Ausland zuständig.

Ab 1995 besteht der "Föderale Dienst für Sicherheit der Russischen Föderation" FSB als Nachfolgedienst des KGB. Dessen Infrastruktur der FSB – mit wenigen Ausnahmen wie den "Dienst der Außenaufklärung" SWR – übernommen hat.

Noch heute ist in Russland der 20. Dezember "Tag des Mitarbeiters der Sicherheitsorgane der Russländischen Föderation", umgangssprachlich "Tag des Tschekisten".

Die übergeordnete politische Linie von Wladimir Putin versucht dagegen die Schattenseite der sowjetischen Geschichte zurückzudrängen und eher auf die Erfolge der Sowjetzeit, wie z.B. den Sieg im "Großen Vaterländischen Krieg" oder ihre Weltmachtrolle zu fokussieren. Die Erforschung und Erinnerung der verbrecherischen Dimension der Geheimdienste passt hier nicht ins Bild. Also wird versucht sie einzuschränken oder zurückzudrängen.

Wenn man den Umgang mit den KGB-Archiven betrachtet, so ist das, was unter Boris Jelzin 1991-93 beschlossen wurde und die Öffnung der Materialien betrifft, heute nicht mehr gültig. Im vollen Widerspruch zu der eigentlichen Archivgesetzgebung der frühen 1990 Jahre, entscheidet heute faktisch Russlands Geheimdienst FSB, was er freigibt und was nicht.

Somit ist die Bewertung in Russland heute, sehr, sehr widersprüchlich. Allerdings ist es in der Fachwissenschaft der Historiographen unbestritten, dass nach dem Putsch einer kleinen radikalen Bolschewiki-Gruppe, der Rote Terror bereits in dieser Frühphase begann. Die Aktivitäten der TscheKa, der GPU, bzw. des NKWD – je nachdem wie die Geheimdienste zum jeweiligen Zeitpunkt hießen – sind dokumentiert. Das Wissen darüber ist vorhanden, aber im Massenbewusstsein ist es bis heute nicht wirklich angekommen.

Am 3. Dezember 1991 löste Michail Gorbatschow den KGB auf. Doch Beobachter wie die Politologinnen Karen Dawisha und Margareta Mommsen oder der Fachjournalist Andrei Soldatov sprechen bereits von einem "Geheimdienststaat" im heutigen Russland. Sehen Sie Kontinuitäten, die in die heutige Zeit hineinreichen?

Absolut. Der stabile autoritäre Charakter des heutigen Russland lässt sich durch zweierlei erklären: Die eine zentrale Erklärung ist, dass die Kontinuität von Schlüsselteilen der 1991 eigentlich untergegangenen Sowjetunion unverändert geblieben ist. So wurden viele Institutionen, also die repräsentativen Strukturen der Sowjetunion, wie die Staatsanwaltschaft, das Innenministerium, die Armee, die Geheimdienste oder die Justiz, zwar umbenannt, allerdings sind sie im Kern weitgehend unverändert geblieben. Sie überlebten faktisch den Zusammenbruch der Sowjetunion. Neben der Kontinuität der Institutionen – und das haben wir lange unterschätzt – steht natürlich auch die Kontinuität vieler Menschen in ihrem Denken.

Die aktuelle politische Elite in Russland, besteht aus einer Generation, die von A bis Z in der Sowjetunion – und zwar in der Logik geheimdienstlicher Weltbilder – sozialisiert wurde. Sie haben eine außerordentlich schlichte Weltsicht, ein klares Freund-Feind-Denken. Das ist deren Begriff des Politischen. Diese Weltbilder wurden aus dem Zusammenbruch der Sowjetunion hinein in die Gegenwart transformiert. Insofern gibt es in dieser Hinsicht absolute Kontinuität. Menschen wie Wladimir Putin sind in dieser Hinsicht geradezu idealtypische Sowjetmenschen.

Es gibt sogar noch etwas Schlimmeres: Während der Sowjetperiode in der sogenannten vegetarischen Phase der Sowjetunion, also nach der Überwindung des blutigen Grauens im Stalinismus, hatte es eine politische Unterordnung des KGB unter das Politbüro bzw. unter die KPdSU, also unter die Partei, gegeben. Heute haben wir eine faktische Kontrolle der politischen Macht durch die sogenannten Silowiki, von Amtspersonen in Macht- oder Gewaltbehörden. Die meisten von ihnen stammen aus eben diesem Umfeld des Geheimdienstes. Und was sich auch gegenüber dem KBG in der Sowjetunion komplett verändert hat, ist, dass die Geheimdienstleute heute neben ihrer politischen Macht gleichzeitig über erhebliche ökonomische Macht verfügen. Das ist anders als zwischen 1962-1985.

Damals wusste der KGB viel besser Bescheid über die strukturellen Mängel, die in der Sowjetunion existierten. Somit war es kein Zufall, dass die Reformoffensive nach dem Tode Leonid Breschnews 1982 ausgerechnet von Leuten aus dem KBG initiiert wurde. Jurij Andropow wurde damals als Chef des KGB zum Generalsekretär der KPdSU ernannt. Er wusste über die gravierende Rückständigkeit gegenüber den USA und dass es eine Reform an Leib und Gliedern dieses Gesellschaftskörpers Sowjetunion bedurfte.

Heute kontrollieren alte KGB-Leute, gewendet als FSBler oder als ehemalige FSBler, selbst die Schlüsselbereiche der Volkswirtschaft. Das ist etwas, was es in der Sowjetunion nicht gab. Insofern ist beispielsweise die Charakterisierung die Margareta Mommsen in ihrem neuen Buch als Titel gewählt hat "das Putin Syndikat" relativ plausibel. Ich halte das für eine sehr präzise Darstellung, wenn man mit dem scharfen Blick politischer Ökonomen genauer drauf schaut, wer eigentlich die ökonomische und politische Macht in den Händen hat.

Warum bleiben dann Reformen aus? Schließlich sagten Sie gerade, dass sie zu Sowjetzeit von den Geheimdienstlern initiiert worden sind, weil sie eben diesen Informationsvorsprung hatten. Heute besetzen FSBler die Schlüsselbereiche der Volkswirtschaft und haben doch ebenfalls Informationsvorsprung?

Aber ihre Machtstellung verführt zu einem anderen Verhalten. Durch ihre Kontrolle über die Ressourcen und ihre ökonomischen Interessen sind sie stark an ihrem Selbsterhalt an der Macht interessiert - und nicht an der Reform des Landes. Bis 1991 gab es die politische Unterordnung des KGB unter die KPdSU. Damals hatte der KBG aus der Logik des Kalten Krieges agiert. Man sah sich in einer weltpolitischen Konkurrenz mit den USA und wollte die Wettbewerbsfähigkeit des Landes erhöhen, um mit den USA mithalten zu können. Das politische Interesse war ein anderes, was Jurij Andropow dann zum ersten Reformen-Schwung 1982/83 bewegte. Eine solche Form der zukunftsorientierten Modernisierung haben Russlands Geheimdienstler heute überhaupt nicht. Die Fixierung Russlands heute ist die Fixierung auf die Geschichte. Und eben nicht mehr die Fixierung auf die Zukunft. Das ist ein ganz prekärer Befund.

Russlands Präsident Wladimir Putin auf einer Feier im Rahmen der Sicheitheitsdiensttage im Dezember 2015.Russlands Präsident Wladimir Putin auf einer Feier im Rahmen der Sicheitheitsdiensttage im Dezember 2015. (© picture-alliance)

Wie schätzen Sie die Rolle der sowjetischen/russischen Geheimdienste in den internationalen Beziehungen ein? Gestern und in der Gegenwart.

Ich plädiere auch hier für eine differenzierte Analyse. Fakt ist, dass das Weltbild der russischen Geheimdienstler aus schwarz-weiß-Denken, also einer Nullsummen-Logik, besteht. All das, was wir rund um die Ukraine beobachtet haben, speist sich stark aus verschwörungstheoretischem Denken, wie der Legende, hinter dem Maidan stecke die USA.

Auch militärisch wurden Praktiken angewandt, die aus dem Geheimdienstmilieu rekrutiert wurden, zum Beispiel die Tarnung eingesetzter Soldaten als "freundliche" oder "grüne Menschen" ohne Hoheitszeichen. Russlands Regierung tat so, als gäbe es überhaupt keine militärische Operation auf der Krim, stattdessen gebe es nur Leute, die faktisch als Quislinge, als Kollaborateure agieren. Ähnliches hat der KGB 1941 in den Baltischen Staaten praktiziert. Die ganze Desinformationskampagne und die hybride Kriegsführung gehören zu Praktiken, die jeder Geheimdienst weltweit in seinen Schulungen lehrt und die im Krieg Russlands gegen die Ukraine sehr durchsichtig angewendet worden sind.

Gleichzeitig warne ich davor, hinter allen politischen Problemen und politischen Entwicklungen, die weltweit existieren, das Wirken des russischen Auslandsgeheimdienstes oder anderer Geheimdienste zu sehen. Das wäre wiederum völlig absurd. Die Amerikaner haben nicht deshalb Donald Trump gewählt, weil es eine Einmischung Russlands in den US-Wahlkampf gab. Das ist lächerlich. In Deutschland protestierten Russlanddeutsche im "Fall Lisa" nicht deshalb vor dem Kanzleramt, weil dies eine Aktivität des russischen Geheimdienstes war. Sondern weil es ein kleines reaktionäres Milieu innerhalb der Aussiedler gibt, das sich gegen Migration stemmt.

Ich möchte also davor warnen, dem Geheimdienst eine geradezu gigantische Handlungsfähigkeit zuzuschreiben. Denn der Geheimdienst allein kann in der Regel überhaupt nicht viel ausrichten. Es sind die gesellschaftlichen, politischen Bedingungen, die dafür entscheidend sind, wohin sich etwas entwickelt.

Womit wir allerdings innergesellschaftlich in Russland konfrontiert sind, ist, dass wir einen Polizeistaat, eine autoritäre Ordnung haben. Dort kommen ganz stark die Interessen der Geheimdienste und die Instrumente der Geheimdienste zum Tragen. Sie stabilisieren das autoritäre Regime.

Seit 2012 müssen sich in Russland Nichtregierungsorganisationen, die finanzielle Unterstützung aus dem Ausland erhalten, als "ausländische Agenten" registrieren lassen. Und Anfang Dezember 2017 wurden neun ausländische Medien per Gesetzesrevision ebenfalls zu "ausländische Agenten" ernannt. Ist das nur ein Sprachgebrauch oder eine sehr ernstzunehmende Fortführung alten Feindbilddenkens der sowjetischen und russischen Geheimdienste? Auch das Wort "Volksfeinde" wird immer wieder laut. Können Sie näheres zu diesen Instrumenten sagen?

Das speist sich natürlich auch wieder aus dieser Verschwörungslogik. Die entscheidende Situation war, als im Winter 2011/12 die Menschen auf die Straßen gingen um gegen die gefälschten Wahlen zu demonstrieren. Das erste was ihnen unterstellt wurde: sie seien die "fünfte Kolonne" – ein Geheimdienstbegriff – der USA. Sie seien gelenkt, sie seien bezahlt – auch wieder in dieser Logik.

Die anschließende Stigmatisierung erfolgte im Rückgriff auf Termini, die während des Stalinismus aus dem Kreis des NKWD entwickelt wurden. Jeder der Demonstranten, der eine abweichende Meinung formulierte, wurde als "Volksfeind", als "Saboteur" oder "ausländischer Verräter" diskreditiert.

Dass es nun offiziell 2012 wieder möglich wurde, politische Opposition als "ausländische Agenten" zu diffamieren und zu diskreditieren, hat in Russland jedem klargemacht, dass dies "Volksfeinde" sein müssen, so, wie vor 100 Jahren zur Zeit der Russischen Revolution. Und mit diesen Instrumentarien spielt das aktuelle Putin-Regime ganz, ganz virtuos. Es versucht politische Gegner zu diskreditieren um die eigene Macht zu erhalten. Darüber hinaus gibt es die gleichen Praktiken in Russland, wie wir sie aus China und anderen autoritären Ländern kennen, zum Teil wurden sie zeitverzögert umgesetzt. Dazu zählt die komplette Überwachung des Netzes, was in der frühen Phase der Putin Periode 1999 bis 2008 überhaupt noch nicht im Bewusstsein war. Damals war das Internet ein Zufluchtsort für kritisch denkende Publizisten und all jene, die eine abweichende Meinung formulieren wollten, während die zentralen Medien bereits komplett unter Kontrolle des Kremls standen. Andersdenkende Medienmacher - wie Wladimir Gusinski von NTV 1999/2000 – wurden mit Geheimdienstpraktiken diskreditiert und ins Ausland getrieben.

Seit 2012 wird das Netz in Russland systematisch überwacht. Geheimdienst-Praktiken, wie man die aus anderen politischen Sphären kennt, nämliche der Einflussnahme über Chefs, durch Manipulation, Diskreditierung oder den Einsatz von Kompromat (kompromittierendem Material) und Einschüchterung von Führungsfiguren der Opposition, reicht nicht mehr als Instrumentarium. Mittlerweile wird auch im FSB ganz massiv technisch aufgerüstet, um die Freiheitskreise ziviler Gesellschaft auch im Internet zu beschränken. Somit befinden wir uns in einer Periode, in der die Freiräume der Zivilgesellschaft, die freie Meinungsäußerungen normalerweise für sich reklamiert, immer enger werden. Das ist eine Entwicklung, die im Grunde eine neo-sowjetische, aber eine ganz stabil autoritäre ist. Und diese Entwicklung gibt Anlass zur Sorge.

Lubjanka Hauptquartier des FSB (vormals KGB) in Moskau.Lubjanka Hauptquartier des FSB (vormals KGB) in Moskau. (© picture-alliance)

Am 23. August 1991 wurde die Felix Dserschinski-Statue vor der Lubjanka, dem Sitz des KGB, demontiert. Beides, sowohl die Lubjanka als auch der TscheKa-Chef Dserschinski gelten als die Symbole des Staatsterrors gegen die eigene Bevölkerung. Gleichzeitig ist der 20. Dezember in Russland "Tag des Mitarbeiters der Sicherheitsorgane der Russländischen Föderation". Der Nachfolger Wladimir Putins als FSB-Direktor, Nikolaj Patruschew, sprach im Jahr 2000 an eben diesem Feiertag sogar vom "neuen Adel" in Bezug auf die Geheimdienstmitarbeiter.

Das ist völlig paradox. Das ist eine der Quadraturen des Kreises der aktuellen Elite. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Putin trat mehrfach auf und kritisierte Lenin als Verbrecher dafür, dass er das russische Imperium durch seine Nationalitäten-Politik zerstört habe. Lenin habe eine Bombe mit einem Zeitzünder unter das multinationale Imperium gelegt.

Gleichzeitig wurde die sogenannte Oktoberrevolution natürlich nicht groß gefeiert, weil dies ein Problem für ein Regime gewesen wäre, das sich ein neues Image als Konterevolutionär geschaffen hat: Russland hat Syrien bei der Niederschlagung der Revolution massiv geholfen. Zur Niederschlagung der angeblich faschistischen Revolution – wie es propagandistisch überhöht wurde – sah sich Russland auch legitimiert, in der Ukraine die Krim zu annektieren und einen verdeckten Krieg gegen die Ukraine zu führen. Dieses Regime soll gleichzeitig der Revolution gedenken? Das funktioniert nicht. Also wurde die Revolution in die Ecke geschoben und so getan als gäbe es eine große Traditionslinie, die wir heute im Blick haben müssen, zwischen dem Russischen Reich und der Sowjetunion bis heute. Und die Periode dazwischen sei so etwas wie eine zweite Smuta (1598-1613), eine Zeit der Wirren.

Gleichzeitig steht dieselbe politische Führung in der Tradition der TscheKa - und es gibt natürlich keine TscheKa ohne Lenin. Es gibt also keine TscheKa ohne die Revolution. Und diese Paradoxie ist Ausdruck von der widersprüchlichen, eklektizistischen Art der Erinnerung, die wir in Russland heute beobachten können und einer politischen Führung, die keine Aufarbeitung der Vergangenheit haben möchte, in der alles auf den Tisch kommt.

Stattdessen ist Russlands Führung auf eine heroische Idee des Machtstaates, der autoritären Ordnung und Weltmachtrolle der Sowjetunion fixiert, rückwärtsgewandt und zutiefst autoritär. Daher ist es nicht abseitig, dass in Russland derzeit auch der Tradition des FSB, KGB, NKWD,GPU und TscheKa gedacht wird.

Das Gespräch führte Felix Riefer.

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