Das Bistro Zum Kaiser in der namibischen Stadt Swapokmund: Zeugnis der deutschen Kolonialvergangenheit in "Deutsch-Südwest-Afrika", die im Juli 1915 mit der Kapitulation vor den Truppen der südafrikanischen Union endete.

30.7.2004 | Von:
Paulette Reed-Anderson

"Ein Platz an der afrikanischen Sonne"

Deutsche Hegemonie auf dem afrikanischen Kontinent

Bestätigung des Schutzvertrages zwischen König Bell (Häuptling der Duala) und Vertretern der Firmen Woermann und Thormälen vom 12. Juli 1884 durch 12 afrikanische Stammeshäuptlinge aus Kamerun am 15. Juli 1884.Bestätigung des Schutzvertrages zwischen König Bell (Häuptling der Duala) und Vertretern der Firmen Woermann und Thormälen durch 12 afrikanische Stammeshäuptlinge am 15. Juli 1884. (© Wikimedia)
Ein Ausgangspunkt für die Betrachtung der Kolonialgeschichte bildet die noch heute bekannte Äußerung von Bernhard von Bülow (1849-1929), der zunächst Staatssekretär im Auswärtigen Amt und von 1900 bis 1909 Reichskanzler und preußischer Ministerpräsident war. Im Winter 1897 stellte von Bülow vor dem Reichstag den deutschen Anspruch auf Kolonialbesitztum als "das Verlangen nach unserem Platz an der Sonne" dar.[2]

In den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts kündigten die Europäer die Vorherrschaft ihres Staatswesens, ihrer Kultur und ihrer moralischen und religiösen Werte an. Die europäische Hegemonie diente als Rechtfertigung für die Angriffe auf Fremdgebiete, für körperliche Misshandlung und emotionale Demütigung der Bewohner und für die wirtschaftliche Ausbeutung der Ressourcen des Kontinents.

Um an "einen Platz an der afrikanischen Sonne" zu gelangen – gemeint ist die Herrschaft über die Afrikaner und die Eroberung und Verwaltung ihres Landes – wurde, auf der Grundlage der europäischen Vorherrschaft, ein Unrechtssystem erfunden und aufgebaut. Die Kernstücke der deutschen Kolonialherrschaft waren Eroberungskriege, Vertragsbruch, Enteignung der Afrikaner, Entschädigung der weißen deutschen Siedler.

Widerstand gegen die deutsche Eroberung

Der Widerstand gegen die europäische Eroberung mit allen Mitteln ist ein Tabuthema der europäischen Kolonialgeschichtsschreibung. Der bewaffnete Widerstand der Bewohner gegen die deutsche Eroberung dauerte von 1884 bis etwa 1909. Parallel zum bewaffneten Kampf entstanden die Petitionsbewegung und die Pan African-Bewegung.

Die Eingaben und Beschwerden von Königen und Amtsträgern aus Kamerun und Togo sind Beispiele für die Petitionsbewegung. Anfang 1913 überreichten Könige und Amtsträger aus Duala (Kamerun) Eingaben und Beschwerden an den deutschen Reichstag: Sie erklärten, dass "durch den ... [abgeschlossenen politischen Vertrag vom 12. Juli 1884 mit den Vertretern der Firmen C. Woermann und Jantzen & Thormählen] das Deutsche Reich keineswegs die volle absolute Souveränität über die Machtsphäre der Dualas erworben hat". Sie erklärten ferner, eine rechtliche Basis für "die Okkupation [ihres Grund und Bodens] besteht also nicht".[3]

Ludwig Mpundo Akwa, Beauftragter seiner Landsleute aus Kamerun.Ludwig Mpundo Akwa, Beauftragter seiner Landsleute aus Kamerun. (© Privatarchiv Paulette Reed-Anderson)
Im Herbst 1913 übersandte eine Gruppe aus Lomé, Togo, eine Eingabe an den Staatssekretär des Reichs-Kolonialamtes. In dem Schreiben verlangte sie unter anderem: die "Beseitigung der Kettenhaft und Prügelstrafe", die "Zulassung einer Vertretung der [Einheimischen] in die Gouvernementssitzung", die "Einführung eines allgemeinen Landesgesetzbuches" und "Frei-Handel für die [Einheimischen]".[4]

Die Forderung nach Entschädigung wegen der deutschen Kolonialpolitik wurde schon 1906 Inhalt einer Eingabe der Kameruner an den Reichskanzler. Während seines Aufenthaltes in Deutschland überreichte der Bevollmächtigte des Königshauses Dika Mpundo Akwa von Bonambela, Prinz Ludwig Mpundo, Eingaben an die Reichsregierung. Ludwig Mpundo engagierte einen Anwalt und versuchte, sich auch auf dem Rechtsweg Gehör in der Öffentlichkeit zu verschaffen. Das Verfassen von Petitionen und Beschwerden blieb nicht ohne Konsequenzen. Die Beteiligten wurden später festgenommen, inhaftiert, verbannt oder hingerichtet – ohne Rechtsbeistand und ohne Gerichtsverfahren.

Enteignung der Afrikaner, Entschädigung der deutschen Siedler

In dem 1913 in Leipzig veröffentlichten Band "Das deutsche Reichsstaatsrecht, Bd.1: Die deutsche Reichsverfassung, 2. Auflage" ist eine Erläuterung der Reichs-Kolonialpolitik zu finden. Zum rechtlichen Status der Kolonien wurde erklärt: "Die Kolonien sind nicht als 'Bestandteile' des Reiches aufzufassen, sondern als 'Reichsnebenländer'. Die Deutsche Reichsverfassung [ist] in ihnen [den Kolonien] nicht eingeführt und somit nicht gilt".[5] Ferner heißt es: "Die meisten Kolonien sind im Wege der Okkupation an das Reich gelangt. Zur Sicherung, ... und Erschließung des neuen Besitzes schloss das Reich eine dreifache Art von Verträgen ab: mit anderen Staaten, mit Eingeborenenhäuptlingen und mit deutschen Handelsunternehmungen".[6] "Die Verträge mit den Stammeshäuptlingen", so der Autor, "sind völkerrechtlich bedeutungslos, weil diese keine Staaten im Rechtssinne vertreten; sie waren lediglich dazu bestimmt, den Eingeborenen die Annektierung ihres Landes wenig fühlbar zu machen und so die Okkupation zu erleichtern."[7]

Obwohl nach Darstellung in dem oben erwähnten Band zum Reichsstaatsrecht die Deutsche Reichsverfassung keine Rechtsgültigkeit in den Kolonien hatte, berief man sich auf die Verfassung, um die deutschen Siedler zu entschädigen. Nach der Niederschlagung des Widerstandes in Deutsch-Südwest-Afrika (dem heutigen Namibia) wurden die Einheimischen enteignet und "die deutschen Siedler erhielten fünf Millionen Reichsmark Entschädigung".[8] Die Entschädigungsansprüche der Afrikaner wurden von den Kolonial-Befürwortern und der Kolonial-Verwaltung verspottet.

Die deutschen Siedler und die Kolonialfirmen wurden nach dem Ersten Weltkrieg für die Schäden an Leben und Gesundheit durch die Entschädigungsverordnungen der Kolonialgouverneure begünstigt. Die Verordnungen, bemerkte ein Jurist im Jahr 1926, wurden "praktisch freilich ohne besondere Rechtsgrundlagen angewandt".[9] Die Entschädigungssumme konnte sich auf annähernd 6 Milliarden Reichsmark belaufen.[10]

Veränderung des Geschichtsbildes

Die deutsche Kolonialgeschichte umfasst einen Zeitraum von Mitte des 19. Jahrhunderts bis Mitte des 20. Jahrhunderts. Unsere Einstellung zur Geschichte und Gesellschaft basiert immer noch weitgehend auf dem Fundament des überlieferten Geschichtsbildes, das während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden ist. Am Anfang des 21. Jahrhunderts sind ein anderes Fundament und ein anderes Geschichtsbild nötig. Die für diesen Aufsatz erarbeitete Chronologie zur Deutschen Kolonialgeschichte benennt Eckdaten und Hauptereignisse und soll zur Veränderung des Geschichtsbildes und zu einer umfassenden Überarbeitung der Kolonialgeschichte beitragen.

Fußnoten

2.
G. Fesser: Der Traum vom Platz an der Sonne: Deutsche "Weltpolitik" 1897 - 1914, Bremen 1996, S. 25.
3.
A. Kum'a N'Dumbe: Ach Kamerun: Unsere alte deutsche Kolonie: Ein Dokumentarstück, Lyon 1970, S. 49f.
4.
P. Reed-Anderson: "Die Afrikanischen Bevollmächtigten in Deutschland 1896 bis 1933": Initiative Schwarze Deutsche und Schwarze in Deutschland e.V Köln (Hg.), Dokumentation zur Veranstaltungsreihe: "Deutsch-Afrikanische Geschichte oder das Ende eines Mythos", Köln , 03.12.1996, S. 7-39, hier S. 27.
5.
P. Zorn: Das deutsche Reichsstaatsrecht: Bd.1: Die deutsche Reichsverfassung, 2. Auflage, Leipzig 1913, S. 103.
6.
Ebd., S. 102.
7.
Ebd.
8.
Westphal, S. 178.
9.
T. Korselt: "Die Entschädigung kolonialer Kriegsschäden", in: Koloniales Hand- und Adressbuch 1926-27, Berlin 1926, S. 44f.
10.
N. Aas/H. SippelI: "Die 'Höllenmaschine' im Reichsentschädigungsamt für Kriegsschäden", in: U. van der Heyden/J. Zeller (Hg.): Kolonialmetropole Berlin, Berlin 2002, S. 243.

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