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22.8.2018 | Von:
Jan Pauer

50 Jahre nach Prag 68

Das Reformexperiment des "Prager Frühlings" dauerte nur acht Monate. Es wurde im August 1968 durch die größte Militäraktion in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg und die einzige gemeinsame Aktion des Warschauer Paktes gewaltsam gestoppt. Damit scheiterte der erste friedliche und tiefgreifende Reformversuch "von oben", der im ehemaligen Ostblock einen Systemwandel einleiten und einen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" verwirklichen wollte. Er war also kein antikommunistischer Aufstand und sprengte mit seinen Intentionen die Muster des Kalten Krieges. Eine Bestandsaufnahme der Aufarbeitung in Tschechien und der Slowakei.

Zurück blieben an mehreren Plätzen, an denen Menschen durch die einmarschierten Truppen 1968 zu Tode gekommen waren, Blumen und Fotos.Zurück blieben an mehreren Plätzen, an denen Menschen durch die einmarschierten Truppen 1968 zu Tode gekommen waren, Blumen und Fotos. (© bpb, holger kulick)

Der Prager Frühling war ein dreifacher Prozess: Eine Selbsttransformation und Modernisierung der Machtsphäre, eine soziale Bewegung, die die Demokratisierung des Landes anstrebte und eine Bewegung für die nationale Emanzipation der Slowakei. Er war nicht Produkt einer plötzlichen wirtschaftlichen Krise, sondern das Ergebnis eines kumulativen Prozesses. Ihm ging die Desillusionierung großer Teile der kommunistischen Eliten über die Natur der Sowjetunion und des eigenen Regimes voraus.

Seine Besonderheit bestand darin, dass der sonst typische Konflikt zwischen der Parteibürokratie und der Öffentlichkeit keine Bürgerkriegskonstellation in der Gesellschaft hervorbrachte, sondern dass eine osmotische Beziehung zwischen dem siegreichen Reformflügel der Partei und der demokratischen Bewegung von unten hergestellt wurde.

Die Reformer fanden einen politischen und institutionellen Übergang zur gesellschaftlichen Veränderung, die das System reformieren, modernisieren, jedoch nicht sprengen sollte. Die Abschaffung der Zensur hat Grundlagen für die Meinungs-, Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit gelegt. Grundelemente des Rechtsstaates sollten einen erneuten Justizterror unmöglich machen und Rechtssicherheit für die Bürger garantieren. Die Menschenrechte wurden als eine normative Grundlage der Politik anerkannt. Die Kombination von Plan und Markt sowie betriebliche Selbstverwaltung sollten eine neue Wirtschaftsdynamik ermöglichen und die Föderalisierung des Landes die nationalen Spannungen in der Slowakei entschärfen.

Reformkurs mit Janusgesicht

Die meisten Reformvorhaben wurden nicht in die Praxis umgesetzt und die personelle und machtpolitische Absicherung des Reformkurses blieb aus. In allen Phasen der Entwicklung hatte der Reformkommunismus ein Janusgesicht – halb demokratisch offen und halb in der Diktatur verwurzelt.
Am Tag ihrer Vereidigung, am 9. April 1968 in Prag: Der tschechoslowakische KP-Chef Alexander Dubcek, sein Vize-Premierminister und Wirtschaftsreformer Ota Šik (r.) und in der Mitte Justizminister Bohuslav KuceraAm Tag ihrer Vereidigung, am 9. April 1968 in Prag: Der tschechoslowakische KP-Chef Alexander Dubcek, sein Vize-Premierminister und Wirtschaftsreformer Ota Šik (r.) und in der Mitte Justizminister Bohuslav Kucera (© picture-alliance, CTK)

Die gesellschaftliche Entwicklung führte in ihrer Logik jedoch zur Transformation des Systems. Das erkannten auch die Kremlführer und schickten gemeinsam mit fünf Warschauer Pakt Staaten am 21. August 1968 eine halbe Million Soldaten um das Land unter Kontrolle zu bringen und den Status quo der Blockspaltung Europas aufrechtzuerhalten.

Die Normalisierungspolitik unter dem als Reformstopper eingesetzten Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei, Gustav Husák, schuf ein Regime der Säuberungen und des Vergessens. Politisch unbequeme Personen, Bücher und Dokumente wurden aus allen öffentlichen Bibliotheken entfernt. Sogar das eigene Programm der Kommunistischen Partei von 1968 wurde auf den Index gesetzt. Lange Zeit standen der Orwellschen Lüge von der "brüderlichen Hilfe" im August 1968 nur die persönlichen Erlebnisse der Bürger und vergilbte Zeitungen im Keller oder auf dem Hausboden entgegen.

Neben einer Dokumentensammlung tschechischer Historiker über die Intervention, dem sog. Schwarzbuch[1] zirkulierten in der inoffiziellen Öffentlichkeit bis zum Jahr 1989 zwei persönliche Zeugnisse hoher Parteifunktionäre - das Smrkovský-Interview von 1974[2] und die Memoiren des ehemaligen Politbüromitglieds Zdeněk Mlynář von 1978[3]. Darin wurde Zeugnis über die gewaltsame Entführung der Partei- und Staatsspitze, über den gescheiterten Putschversuch am 21.8. 1968 und über das Verhalten einzelner Politiker und das Moskauer Diktat vom 26.August 1968 abgelegt. Bis zur friedlichen Revolution 1989 hatte in der Partei und im Staat die Gruppe der prosowjetischen Kollaborateure von 1968 die Macht inne und blockierte die Auswirkungen der Perestrojka Michail Gorbatschows, die seit Mitte der 1980er Jahre den Prager Frühling wieder ins öffentliche Bewusstsein gerückt hat.
Ein sowjetischer Panzer in Prag am 21. August 1968 - von Demonstrierenden mit einem Hakenkreuz bemalt, als Zeichen der Kritik, dass der Einmarsch des Warschauer Pakts gleich gesetzt wird mit der Besetzung der Tschechoslowakei durch die Nazis am 15. März 1938.Ein sowjetischer Panzer in Prag am 21. August 1968 - von Demonstrierenden mit einem Hakenkreuz bemalt, als Zeichen der Kritik, dass der Einmarsch des Warschauer Pakts gleich gesetzt wird mit der Besetzung der Tschechoslowakei durch die Nazis am 15. März 1938. (© mlkmemorial / linhart)

50.000 Dokumente nach Archivöffnung zusammengetragen

Nach der friedlichen Revolution 1989 war die Klärung der Hintergründe der Ereignisse 21 Jahre zuvor nicht nur deswegen das Gebot der Stunde, weil 1968 die nationale Geschichte gewaltsam aus der Bahn geworfen wurde. Die Vergangenheit war noch allgegenwärtig und ihre Aufklärung war auch ein Teil der Wiedergewinnung staatlicher Souveränität. Die Verantwortlichen für den versuchten Staatsstreich im August 1968, für die 21 Jahre währende Unterdrückung der Kultur, Wissenschaft, der Missachtung der Menschenrechte, für politische Prozesse und für die wirtschaftliche Stagnation wurden gerade erst entmachtet und hüllten sich in Schweigen. Zudem standen im Land noch 73.500 stationierte sowjetische Soldaten, deren Anwesenheit die Souveränität des Landes begrenzte.4[4] Die tschechoslowakischen Protagonisten des versuchten Staatsstreichs 1968 konnten nur anhand von Dokumenten zur Verantwortung gezogen werden.

Die Aufklärung der Ereignisse war für die Konstituierung der Demokratie und für die Aufarbeitung der jüngsten nationalen Vergangenheit dringend geboten. Im Land herrschte Konsens darüber, dass maximale Offenheit bei der Rekonstruktion der kommunistischen Vergangenheit für die Konstituierung einer neuen demokratischen politischen Kultur von zentraler Bedeutung ist. Der erste Schritt für die Aufklärung der Ereignisse um 1968 war die Einsetzung einer Historikerkomission (1990-1992), die einen ungehinderten Zugang zu den Partei- und Staatsarchiven der Tschechoslowakei hatte. Die rund 50.000 Dokumente, die die Historikerkommission zusammengetragen hat, bilden eine einmalige Sammlung von Dokumenten aus den ZK-Archiven, Ministerien und Botschaften aus Polen, Ungarn, der DDR, Bulgariens und der UdSSR, aber auch wertvolle Zeugnisse früherer Akteure, deren Aussagen mit den vorhandenen Dokumenten konfrontiert werden konnten.

Der Zugang zu den Materialien der fünf an der Intervention beteiligten Staaten gestaltete sich unterschiedlich. Während aus Polen, Ungarn und der ehemaligen DDR wertvolle Dokumente wie die stenographischen Aufzeichnungen der geheimen Kollektivtreffen zur Verfügung gestellt wurden, übergab die Regierung in Moskau der Kommission zunächst nur ein Dossier von Telegrammen des sowjetischen Außenministeriums. Der Durchbruch bei der Öffnung sowjetischer Archive brachte erst der gescheiterte Militärputsch gegen Gorbačev im August 1991. Unter dem damaligen Präsidenten Boris Jelzin wurden den tschechoslowakischen Historikern brisante Dokumente zur Verfügung gestellt, so auch die Kopie des geheimnisumwitterten "Einladungsbriefes" zur sowjetischen "brüderlichen Hilfe", der durch die Unterschriften von fünf prosowjetischen Kollaborateuren besiegelt war.[5] Die Materialien der Historikerkommission wurden dem im Jahr 1990 gegründeten "Institut für Zeitgeschichte" in Prag übereignet. Dort entstand das größte kommentierte Quelleneditionsprojekt nach 1989. Die Edition "Quellen zur tschechoslowakischen Krise in den Jahren 1967 – 1970" umfasst mittlerweile 23 Bände[6]. Eine weitere nennenswerte Öffnung der sowjetischen Quellen fand anlässlich des vierzigjährigen Jahrestages des Prager Frühlings 2008 vor zehn Jahren statt[7]. Sie hat unser Wissen um die Vorgänge in der KPdSU-Führung erweitert, ohne eine kopernikanische Wende bei der Bewertung der Ereignisse von 1968 auszulösen. Die Archivöffnung hat verhindert, dass sich Legenden oder Verschwörungsszenarien halten konnten.

Im Strudel politischer Instrumentalisierung - Die Aufarbeitung nach 1989

Der "Prager Frühling" 1968, der zum Symbol der Hoffnung für Millionen Bürger in der Tschechoslowakei wurde, ist nach dem Zusammenbruch des Kommunismus 1989 zu einem umstrittenen Schlüsselereignis der modernen Geschichte der Tschechen und Slowaken geworden. Hatte die Umarmung von Václav Havel und Alexander Dubček während der "samtenen Revolution" 1989 für eine kurze Zeit den Anschein erweckt, als würden der demokratische Durchbruch von 1968 und der historische Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa 1989 zwei Fluchtpunkte eines einheitlichen Freiheitskampfes bilden, geriet der "Prager Frühling" alsbald in den Strudel politischer Instrumentalisierung. Hatte sich das Anfangsinteresse der Historiker und der Öffentlichkeit primär auf die Aufklärung der Hintergründe der militärischen Okkupation des Landes und des versuchten Machtputsches konzentriert, so verschob sich der Fokus der Rezeption des "Prager Frühlings" zu Fragen nach seiner Einordnung in die kommunistische Vergangenheit.

Gestritten wurde in den 1990er Jahren primär über die politische Ausrichtung des Reformprozesses. Die Debatte verlief im Kontext einer umfassenden Delegitimierung des Kommunismus.

Fußnoten

1.
Otáhal, Milan, Prečan, Vilém Hg.: Sedm pražských dnů: 21. – 27. srpen 1968, Praha 1968.
2.
Abgedruckt in: Skála, Jan (Pseudonym für Pauer) : Die ČSSR. Vom Prager Frühling zur Charta 77. Berlin 1978, S. 128 - 168
3.
Mlynář, Zdeněk: Nachtfrost. Erfahrungen auf dem Weg vom realen zum menschlichen Sozialismus, Köln u.a. 1978
4.
Die Zahl der sowjetischen Truppen war bis dahin geheimgehalten worden. Pecka, Jindřich: Odsun sovětských vojsk z Československa 1989 – 1991, Praha 1996, S.14
5.
Abgedruckt in: Pauer, Jan: Prag 1968. Der Einmarsch des Warschauer Paktes. Hintergründe, Planung, Durchführung, Bremen 1995, S.196f.
6.
Prameny k dějinám československé krize v letech 1967 – 1970. Die Quellenedition wurde von mehreren Historikern des Prager Instituts für Zeitgeschichte (ÚSD) Jindřich Pecka, Jaromír Navrátil, Jitka Vondrová, Jiří Hoppe u.a. herausgegeben.
7.
Karner, Stefan, Tomilina, Natalja, Tschubarjan, Alexander, Bischof, Günter, Išcenko, Viktor, Prozumenšcikov, Michail, Ruggenthaler, Peter, Tuma, Oldrich, Wilke, Manfred (Hg.): Prager Frühling. Das internationale Krisenjahr 1968. Köln, Weimar, Wien 2008, Bd.I,II.

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