Junge im Sonnenuntergang in Kobane im Irak

14.2.2018 | Von:
Bahman Ghobadi

"Filmemachen als Normalitätsersatz"

Der Produzent Bahman Ghobadi berichtet über die Herausforderungen bei der Entwicklung von „Life on the border“ und die Zusammenarbeit mit den jungen Filmemacherinnen und Protagonisten.

Regisseur und Produzent Bahman GhobadiRegisseur und Produzent Bahman Ghobadi während der Dreharbeiten. (© MijFilm )

Sie haben den Film “Life on the border” produziert und Kinder und Jugendliche dabei unterstützt Filme zu drehen und so ihre Geschichten und Erfahrungen zu erzählen. Wie haben Sie diese Heranwachsenden kennengelernt und was haben Sie sowohl als Filmemacher als auch als Mensch von ihnen gelernt?

Ich bin zunächst in die kurdischen Gebiete des Irak gefahren, um die Kinder zu unterstützen und als ich in die Geflüchtetenlager kam, entschied ich mich mein Wissen und meine Erfahrungen mit ihnen zu teilen. Die Kinder dort wuchsen auf, ohne irgendetwas zu tun zu haben und ihre Wut darüber wurde von Tag zu Tag größer. Mit dem Geld, das ich durch meine voherigen Filme verdient hatte, kaufte ich Kameras und brachte ihnen bei, wie Filme gemacht werden. Ich habe von den Kindern gelernt, nicht zu große Träume zu haben. Sie haben mich an meine eigene Kindheit erinnert, als der Erste Golfkrieg herrschte und die iranische Regierung auch die iranischen Kurden bekämpfte. Die Kinder waren für mich wie die Schnur beim Drachensteigen, die mich wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholt.

Können Sie das genauer erklären?

Schon vor vielen Jahren, noch bevor ich „Schildkröten können fliegen“ gedreht habe, schwebte mir ein Projekt wie „Life on the border“ vor. Ich bin so vielen Kinder begegnet, die unter der Kriegssituation litten, die Erwachsene zu verantworten haben. Mit diesen Kindern wollte ich arbeiten, ihnen eine Stimme geben. Die Ausgangsidee war also, insbesondere den Kindern zu helfen, die während ihrer Kindheit, der eigentlich schönsten und unschuldigsten Lebenszeit, das schlimmste menschliche Verhalten erfahren mussten. Ich wusste wie wichtig es ist, die Grausamkeit des Krieges durch die Augen der Kinder zu zeigen und entschied mich, eine Gruppe Heranwachsender zu finden, sie zu unterrichten und anzuleiten, um mit der Filmkamera ihre eigenen Geschichten zu erzählen.

Life on the borderJunge Filmemacherinnen bei der Arbeit. (© MijFilm)

Können Sie uns etwas über die Entwicklung und den Prozess dieses Filmprojekts erzählen? Welchen Herausforderungen und Schwierigkeiten mussten Sie sich während der Zusammenarbeit stellen?

Die größte Schwierigkeit bestand darin, das Projekt zu finanzieren und die Mentoren zu bezahlen, die gemeinsam mit mir die Kinder und Jugendlichen betreuten. Ich habe die irakische Regierung um Hilfe gebeten, aber niemand interessierte sich für die Kinder dort. Auch die Länder, die behaupten helfen zu wollen, probieren es nicht wirklich. Denn das Einzige was hilft, sind konkrete Bildungsangebote. Weil die Kurden aus dem Iran, dem Irak und Syrien nicht die gleiche Sprache sprechen, brauchten wir für jede einzelne Filmklasse einen Übersetzer. Wir wählten 200 sehr intelligente Kinder aus insgesamt 2000 aus. Ich bin in meinen Leben noch nie so schlauen Kindern begegnet.

Wie genau haben Sie diese 200 Kinder denn ausgewählt?

Meine Assistenten aus Kurdistan besuchten Geflüchteten-Camps und organisierten dort Treffen mit den Kindern. Es war nicht einfach die 200 talentiertesten Kinder auszuwählen, weil alle wirklich gerne Teil des Projekts sein wollten. Wir haben uns für diejenigen entschieden, die kreativ, motiviert und bereit waren, ihre Geschichte zu teilen. Wir berücksichtigten dabei auch, ob die Kinder offen waren, beziehungsweise keine Angst hatten vor der Kamera zu stehen.

Life on the borderAlles bereit am Set für Sami Hosseins Film ”Brot und Joghurt”. (© MijFilm)

Seit einigen Jahren organisiert Ihre Produktionsfirma Mij film Filmworkshops für junge Geflüchtete aus dem Irak. Neben dem fertigen Film am Ende des Projekts, tritt der Prozess des Filmemachens in den Vordergrund. Was kann Film in diesem Kontext erreichen?

Mit diesem Projekt wollte ich die Möglichkeit geben zu lernen und das Wissen aus den Workshops anzuwenden. Die Kinder haben keinen strukturierten Tagesablauf oder Lernangebote. In den Camps fehlt es nicht nur an Schulbüchern, Notizheften und Schreibmaterialien, sondern auch an warmer Kleidung oder Decken. Für den gesamten Projektzeitraum war „Life on the border“ ein Ersatz für Normalität. Die Kinder waren beschäftigt und arbeiteten hart, was eine große Auswirkung auf ihre Psyche hatte. Sie konnten in eine Welt voller Träume eintauchen und den harten Alltag vergessen. Ich hoffe, dass wir jedes Jahr einen neuen Film von diesen Kindern sehen können. Momentan bin ich in den USA und kann leider nicht zurück in den Irak, da ich um mein Leben fürchte. Aber ich koordiniere noch immer die Klassen und die Produktion durch Anrufe und via Skype.

Der Film, den Sie gerade erwähnt haben, heißt „Life on the road“ und erzählt von der Rückkehr junger Geflüchteter nach Hause. Haben auch Kinder aus „Life on the border“ an dem Film mitgewirkt und stehen Sie noch in Kontakt mit den jungen Filmemacherinnen und Filmemachern?

Ja, ich und andere Regisseure und Protagonisten sind im Kontakt, weil ich noch immer versuche sie auf jede mögliche Weise zu unterstützen und auch wegen unseres neuen gemeinsamen Projekts, das Sie gerade erwähnt haben. In Deutschland, Österreich und der Schweiz organisieren wir Filmvorführungen von „Life on the border“, an denen die jungen Filmemacher teilnehmen. So können die Kinder reisen und andere Orte der Welt sehen.

Unser neues Projekt „Life on the road“ zeigt die andere Seite der ersten Produktion. Es fokussiert die Rückkehr von kriegsgebeutelten und vertriebenen Kindern und ihren Familien, deren Verwandte oder Freunde vom ISIS ermordet wurden. Alles was ihnen für ihren Neubeginn bleibt, sind die Ruinen der Städte und die Erinnerung an die Namen derer, die die schrecklichen Angriffe nicht überlebt haben. Das bemerkenswerte ist, dass die Kinder im Angesicht der Ruinen trotzdem bleiben wollen, um alles wieder neu aufzubauen, weil das ihr ZU HAUSE ist. Die Bedeutung des Ortes an dem sie vor dem Krieg gelebt haben, die Bedeutung einer Heimat ist riesig für sie.

Die Handlung besteht aus insgesamt vier Episoden, die jeweils 25 Minuten lang sind. Bei jeder Episode führte ein anderes Kind Regie und erzählt seine eigene Geschichte. Einige der Protagonisten und Regisseurinnen aus „Life on the border“ sind auch Teil von „Life on the road“. Der Film ist momentan in der Postproduktion.


Interview: Eva Flügel


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