Dossierbild Moschee DE

29.5.2019 | Von:
Marguerite Seidel

Baustelle Integration – eine Filmbesprechung

In einem Randbezirk Berlins wird eine Moschee gebaut. Proteste, Demonstrationen und kontroverse Diskussionen begleiten den Prozess. Der Film "Moschee DE" führt die Positionen der verschiedenen Akteurinnen und Akteure vor Augen, die von deutlicher Ablehnung über ambivalente Offenheit und Toleranz bis zu Selbstvergewisserung reichen.

Im Bild ist der Vorsitzende der Bürgerinitiative. Neben ihm steht: "Wir ham nix gegen die Menschen als Menschen".Moschee DE: Der Vorsitzende (© Kundschafter Filmproduktion)

Rassist oder gar Neonazi sei hier keiner. Diesen Verdacht räumt der Vorsitzende der Bürgerinitiative gegen den Moscheebau gleich zum Auftakt des Films aus dem Weg. Auch die nachfolgenden Figuren präsentieren sich in dem Film "Moschee DE" von Mina Salehpour und Michał Honnens zunächst als offene, tolerante und friedliebende Personen, die Gewalt und Extremismus ablehnen. Abwechselnd sprechen sie frontal in die Kamera und wirken, als ob sie den Zuschauenden gegenüberstehen und sich direkt an sie richten würden.

Vielfalt und Verdichtung der Stimmen

Neben dem Moscheebaugegner, einem alteingesessenen Bürger um die sechzig, sind dies der künftige Imam des Gebetshauses, der Pfarrer der örtlichen Kirche, ein zum Islam konvertierter Deutscher und eine zugezogene junge Familienmutter. Letztere engagiert sich ebenfalls in einer Bürgerinitiative, aber sie ist für den Moscheebau und ein interkulturelles Miteinander.

Zurückgehend auf die durch Medienberichterstattung bundesweit bekannt gewordenen realen Debatten, Initiativen und fremdenfeindlichen Eskalationen rund um die Entstehung der Khadija-Moschee der Ahmadiyya-Gemeinschaft im Berliner Stadtteil Heinersdorf zwischen 2006 und 2008, repräsentieren die fünf Kunstfiguren einen Teil der vielfältigen Stimmen und Positionen, die in diesem Zusammenhang laut wurden.

Geschaffen wurden sie vom Journalisten und Schriftsteller Kolja Mensing und dem Theater- und Filmregisseur Robert Thalheim, der durch eine Unterschriftensammelaktion in seiner Nachbarschaft und durch Fernsehbilder von Rechtspopulisten und deren Drohgebärden auf den Konflikt aufmerksam wurde.

Zwischen Kritik und Anfeindung

Erschrocken über die unverhohlen feindseligen Äußerungen von Moscheebaugegnern, die zuvor offenbar kaum je mit muslimischen Menschen und dem Islam in Kontakt gekommen waren, beschloss er gemeinsam mit Mensing die Hintergründe für die Ressentiments zu beleuchten. Sie führten Gespräche mit Beteiligten und verdichteten sie zu einem dramatischen Text, der als Theaterstück unter dem Titel „Moschee DE“ 2010 in Hannover uraufgeführt wurde. Im Jahr 2016 adaptierten Salehpour und Honnens den Stoff als Film.

Meist wortgetreu reinszenieren die Theaterregisseurin und der Filmproduzent die fünf Figuren der Textvorlage als äußerlich unscheinbare Charaktere. Alle gleichermaßen von einer fixen Kamera vor neutralem, weißen Hintergrund aufgenommen, geben ihre reduzierten Kostüme, bis auf die Gebetsmütze des zum Islam konvertierten Deutschen, keinen Rückschluss auf ihre Rolle und Position im Moscheebaukonflikt. In ausdrucksvoll vorgetragenen Monologen wird die Grundhaltung der Protagonisten/innen indes schnell deutlich.

Neben bekannten Debatten von der Kopftuch-Frage bis zum Extremismus-Vorwurf kommen auch geläufige Gedanken, Ängste, Argumente und Kritikpunkte zur Sprache, die den Neubau von Moscheen auch in anderen Städten Deutschlands und Europas häufig begleiten. Insbesondere die Sorge vor der Entstehung einer von außen undurchsichtigen Parallelgesellschaft von Menschen islamischen Glaubens bzw. mit Migrationshintergrund, die Angst vor islamistisch motivierter Gewalt oder die Frage nach der (Un-)Gleichheit von Mann und Frau prägen auch hier die Diskurse. Mal konstruktive Kritik, mal offen islamophob, sind die Ausführungen gegen den Bau oft zugleich Ausdruck von Unsicherheit im Umgang mit dem Anderen.

Bürgerschaftliches Engagement im Widerstreit

So mischt sich in "Moschee DE" die rechtskonservative Gesinnung eines alteingesessenen Anwohners, verkörpert durch die Figur des Vorsitzenden der Bürgerinitiative, und seine persönliche Abneigung von Fremdem mit infrastrukturellen und rechtlichen Bedenken, um seine Haltung durch scheinbar rationale Argumente zu legitimieren. Verweise auf Parkplatzengpässe und Radioempfangsstörungen durch die Moscheekuppel wechseln sich mit Bezügen auf islamistische Gewalttaten und Pauschalisierungen wie „Diese Frauen haben keine Rechte!“ ab und liefern ihm den "Treibstoff", um sich gegen den Moscheebau zu engagieren. Implizit stellt er auch das im Grundgesetz verankerte Grundrecht auf Religionsausübung für Musliminnen und Muslime in Frage.

Seine neu zugezogene Kontrahentin wartet hingegen mit der naiven Multikulti-Vision einer ebenfalls von den eigenen Werten überzeugten Frau auf. Da sie wegen ihrer Kreditverpflichtungen nicht einfach wieder wegziehen könne, sollen nach der Moschee nun auch Nachbarschaftshaus, Bioladen, Gentrifizierung und weitere junge Familien aus dem Zentrum Berlins folgen. Dass sie weder vom Islam noch von ihrem durch DDR-Geschichte, Mauerfall und die darauffolgenden Veränderungen geprägten Stadtteil ("‘ne große Menge von Kleingärtnern in Trainingshosen") eine Ahnung hat, leuchtet in überheblichen Kommentaren auf – und in Argumenten jenseits von Faktizität und Objektivität ("Also ich habe nur nette Muslime kennengelernt."). Gleichzeitig stehen sie und ihre nachbarschaftliche Initiative "Heinersdorf öffne dich" stellvertretend für den Mut einiger, sich nicht mit den Protesten gegen den Moscheebau abzufinden, sondern für Grundrechte und Humanismus einzutreten.

Karikatur, Klischee oder mehrdimensionale Repräsentation?

Ähnlich legen die Monologe von Imam, Pfarrer und Konvertit Widersprüche, Unsicherheiten und Pauschalisierungen offen, die immer auch von der eingeschränkten Sichtweise eines Individuums auf das globale Ganze zeugen – ganz gleich wie aufgeklärt und aufgeschlossen sich die Figuren geben oder fühlen. Während der deutsche Konvertit sich in seinen Auftritten meist darauf beschränkt, die Vorzüge seiner archaischen Vorstellung vom Islam in höchsten Tönen zu loben – etwa die Vermittlung einer arrangierten Ehe als Offenbarung wahrer Liebe darstellt – geben sich christlicher Pfarrer und muslimischer Iman zunächst reflektierter, indem sie ihre Weltläufigkeit, Toleranz und Dialogbereitschaft betonen. Sobald es in ihren Reden jedoch um Theologie geht, gibt es keine Gleichheit und Akzeptanz mehr. Der eine stellt seine Religion über die andere und umgekehrt, bis hin zur Anzweiflung und offenen Anfeindung.

In dieser Mischung aus Selbstvergewisserung durch Betonung eigener bzw. bekannter Werte, emotionalen Ausbrüchen und teils ambivalenten Äußerungen offenbaren sich alle fünf Protagonistinnen und Protagonisten als ebenso starke und überzeugte wie schwache und kritikwürdige Persönlichkeiten. Unterstützt durch Mimik und Gestik der Schauspielerinnen und Schauspieler wechseln die Figuren zwischen menschlicher Mehrdimensionalität und humorvoll-plakativer Darstellung als klischeehafte Karikatur (rechter Ossi, besserwisserischer Wessi, patriarchalischer Muslim und konservative Geistliche). In der Übererfüllung ihrer Rollen wird deutlich, dass es nicht nur um Mitteilung geht, sondern um Selbstinszenierung. Eingestreute biografische Anekdoten erklären nicht, aber lassen erahnen, welche Kontexte und Erfahrungen sie zu den Menschen gemacht haben könnten, die sie repräsentieren.

Scheitern des Dialogs

Wenngleich in den virtuos zusammengestellten Reden bis zum kleinsten Ausruf oder Nachschub auf den Punkt gebracht wird, welche Themen, Vorbehalte und Konflikte die Beziehungen zwischen christlich bzw. säkular geprägter deutscher Mehrheitsgesellschaft und muslimischer Minderheit dominieren, so ist die Bilanz von "Moschee DE" dennoch eine ernüchternde.

Zwar stellt der Film durch Kapitelstruktur, Zwischentitel und Montage die Aussagen der Protagonistinnen und Protagonisten zueinander in Beziehung, doch ins Gespräch kommen sie nicht. Sie stehen stets allein im Raum und verharren im Monolog. Die Aufnahmen ihrer Reden sind lediglich so geschnitten, als ob sie miteinander sprechen würden, und damit filmische Illusion.

Die Khadija-Moschee in Berlin-Heinersdorf empfängt inzwischen seit über zehn Jahren muslimische Gläubige aus Berlin und Umgebung. Organisierte Proteste gibt es seit ihrer Eröffnung keine mehr. Das heißt nicht, dass sich alle Vorbehalte aufgelöst hätten. Der Stadtteil sei bis heute gespalten, lässt sich in Presseberichten anlässlich des zehnten Jahrestages nachlesen. Auch jüngere Beispiele aus anderen deutschen Städten, etwa Köln oder Leipzig, zeigen, dass Moscheeneubauten nach wie vor Anlass zu Protesten geben.

Appell für aufmerksames Zuhören und Selbstreflexion

Im Film "Moschee DE" wirkt die Widergabe authentischer Sprachzeugnisse in Kombination mit der reduzierten und augenscheinlich künstlerischen Inszenierung wie eine Verstärkung dieser Wirklichkeiten. Obwohl der Film mehr Zuspitzung bietet als eine differenzierte Analyse gegenseitiger Vorbehalte und von (Fremden-)Feindlichkeit, macht er verschiedene Denk- und Argumentationsmuster bewusst, die im Umfeld interkultureller Konflikte auftreten können und den Dialog erschweren.

Humoristische Pointen und teils zwiespältige Wiedererkennungseffekte regen Zuschauende zur Hinterfragung eigener Selbstverständlichkeiten und der Gewissheiten anderer an. In einem Interview fassen die Autoren Mensing und Thalheim ihre Absicht wie folgt zusammen: "So erlebt man als Zuschauer, wie es uns während unserer Recherchen in Heinersdorf ergangen ist: Es ist schwierig, sich auf eine sichere Haltung zurückzuziehen. Man kann sich […] nicht eindeutig auf eine Seite schlagen, wie man es gerne tun würde." [1]

Fußnoten

1.
In: Mensing, Kolja & Thalheim, Robert "MOSCHEE DE", Verbrecher Verlag 2011, S.109-110
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