"Wer wenn nicht wir"

20.8.2007 | Von:
Prof. Dr. Christopher Daase

Die erste Generation

Die Vorgeschichte der RAF: Studentenproteste der 1960er Jahre

Den Hintergrund für die Entstehung der RAF bildeten die Studentenbewegung und Debatten innerhalb des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS). Der SDS war bis 1961 die Jugendorganisation der SPD. Als sich die Sozialdemokraten im Rahmen ihres Godesberger Programms politisch neu ausrichteten und die Mitgliedschaft in SPD und SDS als unvereinbar erklärten, wurde der SDS zum Sammelbecken der linken Außerparlamentarischen Opposition (APO). Dabei war es vor allem der Vietnamkrieg, der zu einer Radikalisierung der Studentenschaft und zu zunehmend gewalttätigen Demonstrationen führte, wie z.B. gegen den US-amerikanischen Vizepräsidenten Hubert H. Humphrey, der im April 1967 West-Berlin besuchte. Gleichzeitig fand eine breite Solidarisierung mit den Freiheitsbewegungen in der Dritten Welt statt.

Aufmerksam wurden die Debatten auf der Konferenz der Trikontinentale in Havanna 1966 registriert, auf der die kommunistischen Regime der Welt sich auf eine Strategie zur Unterstützung marxistischer Freiheitsbewegungen zu einigen versuchten. Noch im gleichen Jahr übersetzten Rudi Dutschke und Gaston Salvatore die Botschaft von Ernesto Che Guevara an die Trikontinentale, die in der Aufforderung gipfelte, "zwei, drei, viele Vietnam" zu schaffen. In ihrer Einführung zogen Dutschke und Salvatore die Konsequenzen, die sich ihrer Meinung nach aus diesem Aufruf für die deutsche Studentenbewegung ergab: "Der Beitrag der Revolutionäre aus den Metropolen [...] ist doppelter Natur: und zwar die Mitarbeit an der Herstellung der 'Globalisierung der revolutionären Opposition' (H. Marcuse) durch direkte Teilnahme am aktuellen Kampf in der dritten Welt, durch Herstellung der internationalen Vermittlung, die nicht den Parteibürokraten überlassen werden darf, und durch die Entwicklung spezifischer Kampfformen, die dem in den Metropolen erreichten Stand der geschichtlichen Entwicklung entsprechen."

Welche Form des Kampfes der geschichtlichen Entwicklung in Deutschland genau entsprach, ließen die Autoren freilich offen. Auf dem Internationalen Vietnam-Kongreß, den der SDS im Februar 1968 in West-Berlin organisierte, wurde die "Gewaltfrage" kontrovers diskutiert und in der Schlusserklärung folgendermaßen resümiert: "In dieser Situation muß die Oppositionsbewegung in den kapitalistischen Ländern ihren Kampf auf eine neue Stufe heben, ihre Aktionen ausweiten, verschärfen und konkretisieren. Die Oppositionsbewegung steht vor dem Übergang vom Protest zum politischen Widerstand." Die durch diese Debatte verschärfte Krise des SDS erreichte ihren Höhepunkt, als am 11. April 1968 Rudi Dutschke auf offener Straße angeschossen und lebensgefährlich verletzt wurde. Die danach einsetzende Desintegration des SDS und die Zersplitterung der Studentenbewegung erzeugten eine Vielzahl linker und linksextremer Gruppen, die ihre Ziele auf die unterschiedlichsten Weisen verfolgten. Die Gruppe, die die Aufforderung, den Befreiungskampf in der Dritten Welt mit "spezifischen Kampfformen [...] in den Metropolen" zu unterstützen, am radikalsten umsetzte, war die RAF.

Che Guevara und die Focustheorie

Ernesto "Che" Guevara: Der Revolutionär und Guerilla-Krieger wurde unter Linksradikalen als Pop-Ikone verehrt.Ernesto "Che" Guevara: Der Revolutionär und Guerilla-Krieger wurde unter Linksradikalen als Pop-Ikone verehrt. (© AP)
Allerdings konnte dabei nicht einfach die Guerillatheorie von Che Guevara übernommen, sondern musste den Bedingungen der "Metropole" angepasst werden. Die Focustheorie, von der Guevara irrtümlich behauptete, sie fasse die Erfahrungen des kubanischen Freiheitskampfes zusammen, besagte nämlich Folgendes:
    "1. Die Kräfte eines Volkes können einen Krieg gegen eine reguläre Armee gewinnen.
    2. Nicht immer muß man warten, bis alle Bedingungen für eine Revolution gegeben sind, der aufständische Fokus kann solche Bedingungen selbst schaffen.
    3. Im unterentwickelten Amerika müssen Schauplatz des bewaffneten Kampfes grundsätzlich die ländlichen Gebiete sein."
Als Focus bezeichnete Guevara eine kleine Gruppe professioneller Revolutionäre, die durch bewaffnete Aktionen den revolutionären Funken auf die Bauernschaft überspringen lässt. Diese Theorie wurde von Guevara selbst in der sogenannten "Zweiten Havanna-Deklaration" 1962 und später von Régis Debray, einem französischen Intellektuellen und engen Vertrauten Fidel Castros, 1965 überarbeitet. Dabei wurde die Focustheorie allerdings eher den strategischen Interessen Kubas als den Erfahrungen lateinamerikanischer Freiheitsbewegungen angepasst.

Interessant ist nämlich, dass die Sowjetunion sich immer wieder kritisch gegen über der Theorie des guerrillismo geäußert hatte und stattdessen den Aufbau kommunistischer Parteistrukturen in den lateinamerikanischen Staaten befürwortete. Che Guevaras Focustheorie hielt Moskau für revolutionäres Abenteurertum. Doch Guevara und Debray hielten – mit Unterstützung Castros – an der Idee eines aktiven Revolutionsexports nach Lateinamerika fest und lehnten den Aufbau traditioneller Parteikader ab.

Auf der bereits erwähnten Konferenz der Trikontinentale 1966 akzentuierte Fidel Castro den politischen Gegensatz zwischen Kuba und der Sowjetunion, indem er zur ideologischen Begründung Mao Tse-tung zitierte und sich zumindest verbal auf die Seite der Volksrepublik China stellte. Erst als Che Guevara mit seinem Plan scheiterte, in Bolivien einen revolutionären Brückenkopf zu errichten, und 1968 umgebracht wurde, musste die Focustheorie auf den Prüfstand. Dabei wurde allerdings nicht die Idee in Frage gestellt, dass eine bewaffnete Avantgarde das revolutionäre Bewusstsein der Massen wecken könne. Lediglich die Betonung des ländlichen Raumes wurde revidiert und durch die Forderung ersetzt, die revolutionären Aktionen in die städtischen Zentren zu tragen. Während Carlos Marighella dieses Konzept in Brasilien theoretisch ausarbeitete, setzten es die Tupamaros in Uruguay praktisch um.

Strategie: Revolutionäre Praxis in der Metropole

1971 verschickt die RAF ihre erste Kampfschrift "Das Konzept Stadtguerilla", in der sie versucht, ihren "bewaffneten Kampf" ideologisch zu begründen.1971 verschickt die RAF ihre erste Kampfschrift "Das Konzept Stadtguerilla", in der sie versucht, ihren "bewaffneten Kampf" ideologisch zu begründen. (© HDG)
Mit dem "Konzept Stadtguerilla" stellte sich die RAF in die Tradition des lateinamerikanischen guerrillismo und zog für sich die Konsequenzen aus dem Scheitern der Studentenbewegung: "Die Studentenbewegung zerfiel, als ihre spezifisch studentischkleinbürgerliche Organisationsform, das 'Antiautoritäre Lager' sich als ungeeignet erwies, eine ihren Zielen angemessene Praxis zu entwickeln [...]. Die Rote Armee Fraktion leugnet im Unterschied zu den proletarischen Organisationen der Neuen Linken ihre Vorgeschichte als Geschichte der Studentenbewegung nicht, die den Marxismus-Leninismus als Waffe im Klassenkampf rekonstruiert und den internationalen Kontext für den revolutionären Kampf in den Metropolen hergestellt hat." Trotz der Betonung des Marxismus-Leninismus ist die Nähe zum Castrismus und Maoismus unverkennbar.

Das "Konzept Stadtguerilla" ist mit Mao-Zitaten gespickt; Che Guevara und Régis Debray werden zustimmend zitiert. Damit übernimmt die erste Generation der RAF die Kritik am orthodoxen Kommunismus sowjetischen Stils. Für sie bestand die Welt zwar aus zwei Blöcken, aber nicht aus Ost und West, sondern aus Imperialismus und Dritter Welt. In den frühen Verlautbarungen der RAF kommt deswegen die Sowjetunion kaum vor. Im "Konzept Stadtguerilla" findet sich sogar eine vage Kritik am "Ausgleich und Bündnis zwischen US-Imperialismus und Sowjetunion". Später, 1976 aus dem Gefängnis, äußern sich Baader, Ensslin, Meinhof und Raspe dezidiert kritisch über den "Rückzug [der Sowjetunion, C. D.] von der Führung des inter nationalen Klassenkampfes und ihre Ersetzung durch die Außenpolitik der 'friedlichen Koexistenz' und die Instrumentalisierung der kommunistischen Parteien für diese Politik".


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