"Wer wenn nicht wir"

20.8.2007 | Von:
Prof. Herfried Münkler

Der Weg in den Untergrund

Die terroristische Ideologie der RAF bot eine "Totaldeutung" der Welt mit einem klaren Freund-Feind-Schema. Gewalt wurde als adäquates Mittel zur Überwindung der politischen Perspektivlosigkeit propagiert.



Die alltägliche Perspektivlosigkeit

Ein Fahndungsplakat aus dem Jahr 1997: Flucht vor der Sinn- und Perspektivlosigkeit ihres bisherigen Lebens?Ein Fahndungsplakat aus dem Jahr 1997: Flucht vor der Sinn- und Perspektivlosigkeit ihres bisherigen Lebens? (© AP)
Nachdem er die dritte oder vierte legale linke Gruppe nach deren Auseinanderbrechen hinter sich gelassen und "jedesmal den gleichen Katzenjammer danach" in sich verspürt habe, mache mancher sich immer stärker mit dem Gedanken vertraut, es jetzt einmal mit Gewalt zu versuchen und in den Untergrund zu gehen. Möglicherweise hat Hans-Joachim Klein bei dieser Beschreibung des Einstiegs in den Terrorismus seine eigene Biografie vor Augen gehabt, die ihn von der Frankfurter "Roten Hilfe" über die "Revolutionären Zellen" schließlich bis zum Überfall auf die OPEC-Konferenz in Wien geführt hat.

Zur Frustration und Resignation, so Klein, komme "die ungeheure Angst der Perspektivlosigkeit hinzu", die "Angst, wieder in den alten bürgerlichen Sumpf zurückzufallen oder gar keine politische Meinung mehr zu haben oder haben zu wollen. Die Angst, in all dies zurückzukehren, aus dem man verdammt mühevoll in 'ner Masse von Jahren hervorgekommen ist."

Fast gleichlautend beschreibt auch Volker Speitel, wie seine politische Orientierungslosigkeit durch das Engagement in der Stuttgarter "Roten Hilfe" überwunden wurde: "Sie [die Gruppe] entwickelte ein Ziel und eine Perspektive, in der ich meinen Individualtrip endlich als eine Sache erkennen konnte: Macht kaputt, was euch kaputt macht." Auch Horst Mahler hat in der Retrospektive den Terrorismus als "die Antwort auf eine erdrückende Umwelt, die uns feindlich ist, die wir nicht mehr beherrschen, die wir nicht kontrollieren und die die Menschen zugrunde richtet", bezeichnet.

Folgt man diesen Selbstzeugnissen, so erweist sich die These, der Einstieg in den Terrorismus sei eine späte Folge der Verbreitung bestimmter politischer und philosophischer Theorien oder gar der Versuch zu deren konsequenter Verwirklichung, als zumindest fragwürdig. Im Gegenteil hat es den Anschein, dass – verbunden mit den Sinndefiziten des alltäglichen Lebens und der beschriebenen Perspektivlosigkeit – eher ein Mangel an ausgeformten politischen Vorstellungen den Einstieg in den Terrorismus gefördert, zumindest aber begünstigt hat.

Dagegen ließe sich einwenden, dass sowohl Klein als auch Speitel zur dritten Generation der RAF-Terroristen gehörten, eher den Status von "Experten" als den von politisch-ideologischen Köpfen der Gruppe hatten und dass zur Zeit ihres Einstiegs in den Terrorismus dessen Ideologie bereits weitgehend ausgebildet war.

Doch selbst für Horst Mahler und Ulrike Meinhof, den theoretisch produktivsten Köpfen der RAF, lässt sich zeigen, dass der Beginn terroristischer Gewaltaktionen nicht das Ergebnis und die Folge ausgeformter politisch-philosophischer Theorien gewesen ist, sondern vielmehr der fast verzweifelte Versuch, angesichts des Zerfalls und der zunehmenden Fraktionierung der Außerparlamentarischen Opposition (APO) deren Ende der 1960er Jahre erreichte politische Bedeutung durch eine "Steigerung des Militanz-Niveaus" zu retten und möglicherweise auszubauen.

Die Gefahr des "Abschlaffens" sollte durch eine erhöhte Dosis Gewalt gebannt werden. Nachdem dieses "Militanz-Niveau" durch die Befreiung Andreas Baaders aus der Haft erst einmal demonstriert war, kam eine Eigendynamik terroristischer Gewalt in Gang, der gegenüber die Ideologie der Gruppe eher die Funktion nachträglicher Rechtfertigung als die einer vorausgegangenen Motivierung und Handlungsanleitung hatte. Das Identitätsgefühl der RAF hat sich stärker durch die kollektive Verfolgung der Gruppe als durch gemeinsame politisch-theoretische Grundüberzeugungen der ihr Angehörenden ausgebildet.

RAF-Terrorist Peter-Jürgen Boock: "Mit wichtigen [..] politischen Fragen zu wenig auseinandergesetzt."RAF-Terrorist Peter-Jürgen Boock: "Mit wichtigen [..] politischen Fragen zu wenig auseinandergesetzt." (© AP)
Nicht erst in der dritten Generation, sondern bereits bei den Initiatoren der RAF waren politische Perspektivlosigkeit und Ohnmachtserfahrung ausschlaggebende Momente bei der Entscheidung, in den Untergrund zu gehen. Dass man diese Perspektivlosigkeit und Ohnmacht glaubte mit erhöhtem Einsatz von Gewalt überwinden zu können, verweist eher auf ein gesellschaftlich weit verbreitetes Reaktionsmuster als auf ein hohes Maß an politisch-strategischer Reflexion.

Dies gilt in gesteigertem Maß für die Mahler und Meinhof nachfolgenden "Generationen" der Terroristen: So gibt Volker Speitel an, vor seinem Einstieg in den Terrorismus zusammen mit seiner Frau Angelika und Willy Peter Stoll (wie Speitel schlossen sich beide der RAF an) in einer "absolut unpolitischen" Wohngemeinschaft gelebt zu haben, und auch Peter-Jürgen Boock spricht davon, sich früher mit "wichtigen inhaltlichen politischen Fragen zu wenig auseinandergesetzt, Widersprüche gar nicht ausgetragen" zu haben.

Dies macht verständlich, warum, wie ein ehemaliger RAF-Angehöriger berichtet, die Theorie der RAF bei ihm "Ehrfurcht" ausgelöst habe und ihm "über-menschlich" erschienen sei; bei ihrer Lektüre habe er ein "Weltgefühl" bekommen, eine Gänsehaut bei dem Gedanken, dass sich die "wirklichen Dinge der Welt bei der RAF abspielen".

Die Verbote, die seitens der Bundesanwaltschaft gegen die Verbreitung von RAF-Schriften erlassen wurden, haben schließlich das Ihrige dazu beigetragen, dass sich bei potentiellen Einsteigern in den Terrorismus der Eindruck verfestigen konnte, hier sei endlich der "Stein der revolutionären Weisen" gefunden worden, den der Staatsapparat auf jeden Fall unter Verschluss halten müsse.

An dieser Stelle wird der Stellenwert sichtbar, den die – nicht als vorbereitende Reflexion, sondern als nachträgliche Rechtfertigung der Aktionen entworfene – Ideologie der RAF für die Rekrutierung neuer Angehöriger und den inneren Zusammenhalt der Gruppe gehabt hat: Sie hat dazu gedient, Perspektivlosigkeit und Ohnmachtserfahrungen zu strukturieren, mit griffigen Interpretationen zu versehen und die Perspektive ihrer vollständigen Überwindung bereitzustellen.


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