"Wer wenn nicht wir"

20.8.2007 | Von:
Gisela Diewald-Kerkmann

Frauen in der RAF

Welche Rolle spielt die damalige Frauenbewegung? Gab es für die Frauen in der RAF feministische Beweggründe?

Nein, zwar wurden zur Begründung des weiblichen Terrorismus auch die Ziele der sich in den sechziger Jahren neu konstituierenden Frauenbewegung angeführt. Sie seien dafür verantwortlich, dass Frauen sich mit der maskulinen Rolle identifizierten und den bewaffneten Kampf aufnahmen, wobei vor allem die Medien auf die "Emanzipationsthese" verwiesen.

Die RAF-Terroristin Inge Viett (Fahndungsfoto aus dem Jahr 1984): "Es war für uns keine Frage Mann-Frau."Die RAF-Terroristin Inge Viett (Fahndungsfoto aus dem Jahr 1984): "Es war für uns keine Frage Mann-Frau." (© AP)
Demnach galten die weiblichen Mitglieder der RAF und der Bewegung 2. Juni als skandalträchtige Frauen, die als "neue Amazonen" und überemanzipierte, rücksichtslose, besonders gewalttätige, sexuell überstimulierte, enthemmte und abartige "Flintenweiber" beschrieben wurden. Nach Auffassung des damaligen Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz Günther Nollau stellte das Handeln der Terroristinnen einen "Exzeß der Befreiung der Frau" dar. Ähnlich argumentierte der Leiter des Hamburger Verfassungsschutzes Christian Lochte, wonach die Frau ihre Ebenbürtigkeit am besten beweisen könne, wenn sie noch härter als ein Mann sei. Oder, wie das Bundeskriminalamt im Fall von Gudrun Ensslin formulierte: "Die stärksten unter diesen jungen Frauen, in der Subkultur überkompensieren nun schon aus Notwehr die weibliche Emanzipation, das heißt, auch Gudrun wurde noch männlicher als die Männer, mit denen sie zu tun hatte". Hierin kommen gesellschaftliche Deutungsmuster zum Ausdruck, die die Frauenbewegung für das Phänomen gewaltbereiter Frauen verantwortlich machen.

Aber demgegenüber legen die Selbstdefinitionen der weiblichen Mitglieder der RAF und der Bewegung 2. Juni den Schluss nahe, dass sie sich nicht in erster Linie als Frauen, sondern als "Revolutionäre" und als "Kämpfer" im bewaffneten Kampf verstanden. Für die meisten Frauen in der RAF schien es bedeutungslos zu sein, dass sie Frauen waren. Exemplarisch erklärte Inge Viett 1997 in einem Interview mit der tageszeitung: "Wir sind alle nicht aus der feministischen Bewegung gekommen (...) Wir haben nicht bewusst so einen Frauenbefreiungsprozess für uns durchleben wollen (...) Wir haben uns einfach entschieden, und wir haben dann gekämpft und dieselben Dinge getan wie die Männer. Es war für uns keine Frage Mann-Frau. Das alte Rollenverständnis hat für uns in der Illegalität keine Rolle gespielt."

Ulrike Meinhof war eine alleinerziehende, berufstätige Mutter - eine ungewöhnliche Rolle in der damaligen Männergesellschaft der frühen 70er Jahre. Als Journalistin beschäftigte sie sich intensiv mit sozialen sowie Frauenfragen. Lässt sich der Weg vom "Protest zum Widerstand" biographisch erklären?

Ulrike Meinhof nach ihrer Festnahme im Jahr 1972: Übertritt zum Terrorismus als "Endphase wachsender Kommunikationsbarrieren".Ulrike Meinhof nach ihrer Festnahme im Jahr 1972: Übertritt zum Terrorismus als "Endphase wachsender Kommunikationsbarrieren". (© AP)
Ja, gerade der Weg von Ulrike Meinhof belegt, dass die Entscheidung für die RAF vielfach die – wie es einmal der Jurist Hans-Dieter Schwind formulierte – "Endphase eskalierender Konflikte und wachsender Kommunikationsbarrieren" markierte. Ulrike Meinhof war Sprecherin des "Anti-Atomtod-Ausschusses" im Jahre 1957, Präsidiumsmitglied des "Ständigen Kongresses aller Gegner der atomaren Aufrüstung in der Bundesrepublik" und Mitglied im Sozialistischen Studentenbund. Ab 1959 prangerte sie als Journalistin und ab 1960 als Chefredakteurin von konkret Missstände in der Gesellschaft an, unterzeichnete 1963 den Aufruf zum "Ostermarsch", demonstrierte gegen den Vietnamkrieg, gegen die Notstandsgesetze und unterstützte mit gesellschaftskritischen Artikeln die studentische Protestbewegung. Tatsächlich spiegelt sich dieser Prozess in ihren Aufsätzen und Polemiken wider.

Den männlichen RAF-Terroristen werden viel eher politische Beweggründe zugesprochen. Bei den RAF-Terroristinnen wird vielmehr nach psychologischen oder biographischen Ursachen geforscht. Trauen Medien und Forschung den Frauen einfach nicht zu, aus denselben Gründen wie Männer terroristische Energien zu entwickeln?

Dass Entscheidungen oder Handlungen - hier der Frauen - die nicht nachvollziehbar oder unverständlich erscheinen, als Ausdruck organischer und psychischer Defekte verstanden werden, ist kein neues Phänomen der siebziger Jahre. So darf nicht unterschätzt werden, dass die weiblichen Mitglieder der RAF und der Bewegung 2. Juni ein "doppeltes Verbrechen" begingen. Sie verstießen nicht nur gegen Straftatbestände des StGB, sondern auch gegen traditionelle Geschlechterrollen. Bereits die Tatsache, dass Frauen an der studentischen Protestbewegung beteiligt waren und eine Rolle eingenommen hatten, "die ihnen im sonstigen politischen Leben der westdeutschen Demokratie, ob nun in Gewerkschaften, Kirchen, Parlamenten oder gar der Regierung, verwehrt war", löste Unverständnis aus.

Insgesamt dokumentiert ein Vergleich der Wege von weiblichen und männlichen RAF-Mitgliedern in die Illegalität, dass sich die Zugänge kaum unterschieden und - trotz des vielfach behaupteten Zusammenhangs - weder frauenspezifische Zugänge noch "weibliche Besonderheiten" ausgemacht werden können. Die Wege der Frauen, vielfach der Endpunkt eines langen Politisierungsprozesses, waren genauso vielfältig wie die der Männer. Es gab eine vergleichbare Ausgangssituation, vergleichbare politische Konstellationen und Überlegungen, aus denen sich einige Frauen und Männer für terroristische Aktionen entschieden. Tatsächlich scheinen sich die Bedingungen, die Frauen in den Terrorismus führten, nicht von denen der Männern unterschieden zu haben. Umso kritischer sind die in der öffentlichen Debatte vorgebrachten Interpretationen und Erklärungsmuster zu bewerten.

Die Fragen stellte Stephan Trinius für die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb.

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