Szenenfoto aus "For Eyes Only – Streng geheim".

9.9.2011

Handout: "For Eyes Only – Streng geheim"

DDR 1962/63
Agentenfilm

Handout mit umfangreichen Informationen zum Film, Anregungen zur Unterrichtsvertiefung sowie einem Arbeitsblatt für die Gruppenarbeit von Schülerinnen und Schülern.

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    Uraufführung: 19.07.1963, Ost-Berlin, Kosmos
    Verleih: Progress-Film, Berlin
    Regie: János Veiczi
    Drehbuch: Harry Thürk, János Veiczi
    Kamera: Karl Plintzner
    Schnitt: Christel Ehrlich
    Musik: Günter Hauck
    Darsteller: Alfred Müller, Helmut Schreiber, Ivan Palex, Hans Lucke, Werner Lierck u.a.
    Produktion: DEFA-Studio für Spielfilme, Potsdam-Babelsberg
    Laufzeit: 104 Min.
    Format: 35 mm, s/w

    FSK: ab 12 J.
    Altersempfehlung: ab 15 J.
    Klassenstufen: ab 10. Klasse
    Themen: Ost-West-Konflikt, Geheimdienste, (Deutsche) Geschichte
    Unterrichtsfächer: Geschichte, Politik/Sozialkunde, Ethik/Religion, Deutsch

    Rechtekontakt für (Schul-)Vorführungen: PROGRESS Film-Verleih. Die DVD ist bei Icestorm erschienen.

    Inhalt

    Stasi-Mitarbeiter Hansen ist ein Doppelspion: Beauftragt vom MfS hat er sich in die Zentrale des US-amerikanischen Militärgeheimdienstes MID in Würzburg eingeschleust. Die Amerikaner halten ihn für einen Überläufer. Doch Hansen nutzt ihr Vertrauen, um seinen Auftrag zu erfüllen: Er soll hoch brisante Unterlagen über einen geplanten NATO-Angriff auf die DDR entwenden und über die Grenze schmuggeln. Mit Tricks, Kalkül und raffiniertem Spionagewerkzeug verfolgt der Agent seinen Plan, doch plötzlich wird sein MID-Vorgesetzter Major Collins misstrauisch. Er vermutet ein Leck in den eigenen Reihen und lässt Hansen vernehmen. Hansen gelingt es, einen Spion des westdeutschen BND zu enttarnen und die Aufmerksamkeit von sich abzulenken. Nachdem er alle Hindernisse aus dem Weg geräumt hat, belädt er seinen Wagen mit dem als Kühlschrank getarnten Safe. Der Fluchtplan scheitert jedoch, und so gerät der Grenzübertritt zum actiongeladenen Showdown.

    Entstehungskontext

    Mit For Eyes Only – Streng geheim bringt das staatliche Filmstudio der DDR im Juli 1963 ein halbes Jahr nach der Premiere des ersten James-Bond-Films in der Bundesrepublik seinen eigenen Agenten-Helden auf die Leinwand. Der Film basiert auf realen Ereignissen aus dem Jahr 1956, als dem Geheimdienst der DDR ein erfolgreicher Coup in Westdeutschland gelang. Im Rahmen der "Aktion Schlag" brachte der Geheime Mitarbeiter des MfS Horst Hesse (Deckname: Horst Berger) im Mai 1956 in der Zentrale des US-amerikanischen Militärgeheimdienstes in der Bundesrepublik einen Panzerschrank mit geheimen Akten in seinen Besitz und schmuggelte ihn über die Grenze nach Ostdeutschland. Im Vorspann von For Eyes Only – Streng geheim wird auf diesen Fall angespielt: "Die Handlung des Films ist frei erfunden – Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten und lebenden Personen sind beabsichtigt".

    For Eyes Only – Streng geheim entsteht sechs Jahre später, in einer der Hochphasen des Kalten Krieges: Der Bau der Berliner Mauer (13. August 1961), mit der sich die DDR gegenüber dem Westen abgeschottet hat, liegt ein Jahr zurück; während der Kubakrise kommt es beinahe zu einem Atomkrieg zwischen den USA und der Sowjetunion (16.-28. Oktober 1962). Produziert wird der Film vom staatlichen Filmstudio der DDR, der DEFA, in Potsdam-Babelsberg. Das Filmschaffen in der DDR ist staatlich kontrolliert, bereits vor dem Dreh wird jedes Drehbuch der Zensurbehörde "zur Abnahme" vorgelegt. Obwohl die Filmpolitik den Filmschaffenden nach dem Beginn des Mauerbaus zunächst mehr Freiheiten zubilligt, haben Parteifunktionäre in der DEFA stets das letzte Wort. Der Stoff zu For Eyes Only – Streng geheim passt gut ins Konzept der sozialistischen Kulturpolitik. Ein Film, der die Schwächen der westlichen Geheimdienste herausstellt und einen Stasi-Spion als Helden feiert, kann und soll die öffentliche Meinung lenken. Der größte Propagandaschachzug ist dabei der erfundene NATO-Angriffsplan, der im Film den Aktendiebstahl legitimiert. In Wirklichkeit befanden sich in dem von Horst Hesse 1956 entwendeten Panzerschrank Personalakten, die 137 Mitarbeiter des US-amerikanischen Geheimdienstes in der DDR auffliegen ließen. Die seit 1957 geltende NATO-Nuklearstrategie der "Massiven Vergeltung" bildet den realen Hintergrund für den in For Eyes Only – Streng geheim ausgebreiteten angeblichen Plan eines Angriffs auf die DDR.

    Nicht nur den Kinobesuchern sollte das Bedrohungsszenario als reale Gefahr im Gedächtnis haften bleiben. Auch der echte Spion Horst Hesse wurde von seinen Vorgesetzten lange in dem Glauben gelassen, er habe der Stasi tatsächlich einen NATO-Angriffsplan übergeben und damit sein Land gerettet. Der Dokumentarfilm For Eyes Only – Ein Film und seine Geschichte (D 2008) von Gunther Scholz beleuchtet die Hintergründe des Spionagefalls und dessen Verfilmung und zeigt, dass Doppelagent Hesse trotz seiner gefährlichen Mission nur ein austauschbares Rädchen im Getriebe des DDR-Geheimdienstes war und für propagandistische Zwecke missbraucht wurde. Dass seine Geschichte verfilmt wurde, erfuhr Hesse erst nach der Premiere des Films. Die Parteifunktionäre hatten eine Begegnung des Drehbuchautors Harry Thürk mit dem ehemaligen Agenten bewusst vermieden. Der Film war ein Riesenerfolg: Bereits nach drei Monaten hatten ihn über eine Million DDR-Bürger gesehen.

    Figuren und Figurengruppen

    Hansen
    MfS-Agent Hansen ist der Sympathieträger des Films, verkörpert durch den damals noch unbekannten Schauspieler Alfred Müller. Pflichtbewusst und zielstrebig erledigt der Doppelagent seine Arbeit, wobei er sich raffinierter Spionagewerkzeuge bedient und mit der Waffe umzugehen weiß. Er ist intelligent, charmant und hat auch in brenzligen Situationen immer einen lässigen Spruch auf den Lippen. Obwohl er auf Menschen schießt und seinen Sohn in Ostdeutschland zurückgelassen hat, bleibt seine moralische Integrität unbestritten. Hansen gibt den Prototyp des loyalen DDR-Bürgers ab, der für den Aufbau des Sozialismus arbeitet und dabei sogar sein Leben riskiert. Damit wird er zu einem Vorbild für die Bevölkerung stilisiert.

    Die westlichen Geheimdienste
    Die westlichen Geheimdienste, die im Film vorkommen, sind der US-amerikanische Militärgeheimdienst MID und der westdeutsche Bundesnachrichtendienst (BND). Sie kooperieren nicht, sondern arbeiten gegeneinander. Schuck, der Agent des BND, wird von Major Collins beim Abfotografieren geheimer Akten des US-amerikanischen Militärgeheimdienstes überrascht. Konkurrenz als konstituierendes Merkmal des Kapitalismus, so legt es der Film nahe, führt zu Uneinigkeit und Verwundbarkeit. Die Mitglieder des amerikanischen Geheimdienstes und ihre Zuarbeiter werden im Film als unmoralisch und korrupt gekennzeichnet. Ihre Freizeit verbringen sie mit Glücksspiel, Amüsement und Bestechung.

    MID-Major Collins
    Major Collins ist Hansens Vorgesetzter beim MID. Im Film wird er als Prototyp des unmoralischen und raffgierigen West-Geheimdienstagenten dargestellt. In der heißen Phase des Verdachts der Unterwanderung verlässt er seinen Posten, um einer sexuellen Affäre nachzugehen. Einen Doppelspion in den Reihen des MfS, der für ihn arbeitet, zieht er bei der Bezahlung über den Tisch, um sich selbst zu bereichern.

    Der Stasi-Oberst
    Der Stasi-Oberst ist Hansens Chef beim MfS. Im Gegensatz zu Major Collins wird er als väterlicher Vorgesetzter charakterisiert, der seine Agenten wie seine eigenen Söhne behandelt und ihre Sorgen teilt. Seine Solidarität steht als sozialistische Tugend im Kontrast zum Egoismus der West-Agenten.

    Filmästhetische Mittel

    Genre
    For Eyes Only – Streng geheim ist ein Spionagefilm mit einer ideologischen Prägung, wie sie typisch für das Genre zur Zeit des Kalten Krieges ist. Spionagefilme spiegeln klassischerweise die Angst vor dem unbekannten Anderen, das das eigene Territorium zu überwältigen und zu beherrschen droht. Während des Kalten Krieges ist dieses Andere der politische Feind jenseits des Eisernen Vorhangs. Paradigmatisch für den Spionagefilm ist eine schwarz-weiß malende Figurenzeichnung, die dem Zuschauer "Gut" und "Böse" zu unterscheiden hilft und ihn dazu bringen soll, sich mit den Protagonisten der "richtigen" Seite zu identifizieren. Im Kontext des Kalten Krieges entscheidet der Produktionsstandort, welche Seite im Film die "gute" ist. Das Genre des Spionagefilms eignete sich hervorragend, um es für propagandistische Zwecke zu instrumentalisieren. In den sozialistischen Ländern zeichneten sich Spionagefilme meist durch eine überspitzte Figurenzeichnung westlicher Geheimdienstagenten aus, so auch For Eyes Only. Neben der Charakterisierung der Figuren werden auch filmästhetische Mittel eingesetzt, um Fremd- und Selbstbilder zu konturieren.

    Ausstattung, Musik und Licht
    Wie For Eyes Only – Streng geheim durch die Raumgestaltung, den Einsatz von Licht und die musikalische Untermalung subtil vermittelt, welcher der Geheimdienste "Freund" ist und wer "Feind", soll anhand jener Sequenz zu Beginn des Films herausgestellt werden, in der die Abteilungsleiter beider Seiten zu Planungstreffen zusammenkommen. Die Arbeitsatmosphäre im Headquarter in Frankfurt am Main ist nüchtern. Neonleuchten und Lamellenvertäfelung verleihen dem Raum etwas Kühles, Steriles. Die Sitzung wird vom MID-General vom Kopfende eines langen Tisches aus geleitet, jeder der Abteilungsleiter hat ausschließlich Fakten vorzutragen. Die Berichte über die Vorbereitungen des Angriffs werden mit einer Spannung erzeugenden Musik unterlegt.

    Ganz anders die Sitzung im Ministerium für Staatssicherheit in Ost-Berlin: Hier ist die Atmosphäre aufgelockert, der MfS-Oberst sitzt nicht auf seinem Chefsessel, sondern beugt sich neben seinen Mitarbeitern stehend über eine Landkarte. Im Verlauf des Gesprächs bewegt er sich durch den Raum, setzt sich auf die Tischkante. Man raucht, trinkt Kaffee. Das Licht wirkt warm, der Raum ist mit Büchern und Fotos sozialistischer Führungsfiguren ausgestattet. Die beiden Gespräche sind in einer Parallelmontage gegeneinander geschnitten, so dass der Kontrast und damit das Feind- und Selbstbild spürbar werden.


  • Dossier

    Der Filmkanon

    Auf Initiative der Bundeszentrale für politische Bildung wurden 35 bedeutende Werke der Filmgeschichte zusammengestellt. Ziel war es, für das Medium Film zu sensibilisieren und der filmschulischen Bildung in Deutschland Auftrieb zu geben.

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    Film als Teil schulischer Bildung

    Programm

    Die Tagung gliederte sich in drei Sektionen, die in thematisch verbundenen Vorträgen und Workshops jeweils einen Aspekt der Filmbildung in der Schule im Detail behandelten. Im Mittelpunkt der ersten Sektion stand die Auseinandersetzung mit dem Filmkanon der Bundeszentrale für politische Bildung sowie Möglichkeiten, mittels der Kanonfilme Filmgeschichte im Unterricht zu vermitteln. Die zweite Sektion fragte nach Methoden, filmische Techniken zu behandeln. Die dritte Sektion schließlich konzentrierte sich auf Filmästhetik und wie diese in verschiedene Fächer eingebunden werden kann.

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    Wird die DDR-Diktatur verharmlost? Und warum begann die intensive Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit erst so spät? Die Deutung von Geschichte ist oft umstritten - und nicht selten ein Politikum.

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