Dossierbild zum Spezial Kino in Europa

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2.2.2009 | Von:
Wolfgang Martin Hamdorf

Spanien jenseits von Almodóvar

Kino der inneren Emigration

Erreichte das Kino Berlangas und Bardems noch ganz klar sein Publikum gerade durch den Bezug auf ganz eindeutige populäre und volkstümliche Motive, so war das "nuevo cine español", der neue spanische Film der 1960er- und frühen 1970er-Jahre ein Kino der inneren Emigration, der dunklen Distanz zum Regime. Auf ausländischen Festivals waren die verschlüsselten Meisterwerke Carlos Sauras wie "Ana Y Los Lobos" ("Anna und die Wölfe", 1972) oder Victor Erices brillanter "El Espíritu de la Colmena" ("Der Geist des Bienenstocks", 1973) große Erfolge, ein spanisches Publikum erreichten sie allerdings nicht. In den spanischen Filmtheatern dominierte ein sehr plattes Unterhaltungskino, meist Komödien, aber immer auch wieder kleine Meisterwerke des populären Kinos.

Nach Francos Tod im November 1975 und besonders nach dem Ende der Zensur und der Verabschiedung einer neuen Verfassung im Jahr 1978 kam es im kommerziellen Film zum "destape", zum Boom des erotischen Films und zu einem Zuwachs des militanten politischen Kinos. Eine faszinierende Zeit neuer Formen und neuer politischer Pamphlete.

Provokative Subkultur

Vogelperspektive auf die posierende spanische Schauspielerin Penelope Cruz auf dem roten Teppich bei den 79. Academy Awards. Sie war für den Oscar als beste Schauspielerin mit ihrer Hauptrolle in "Volver" nominiert.Die spanische Schauspielerin Penelope Cruz auf dem roten Teppich bei den 79. Academy Awards. (© AP)
War die Kultur der Siebzigerjahre besonders vom plakativen politischen Engagement geprägt, dass auszudrücken, was so lange nicht gesagt werden konnte, kam mit den Achtzigerjahren eine plakativ apolitische, hedonistische Avantgarde zum Zug, die besonders mit lokalen Subventionen in der grauen Beamtenstadt Madrid für Furore sorgte. Die "Movida" war besonders aktiv auf dem Gebiet der Musik, der bildenden Künste und schlug sich auch im Film nieder.

Die Provokation lag in der Subkultur, der Boheme, der Transvestiten und Homosexuellen. Neben Pedro Almodóvar und seinen provokanten Großstadtkomödien wie "Pepi, Luci, Bom y otras Chicas del Montón" (1980), "Laberinto de Pasiones" ("Labyrinth der Leidenschaften", 1982) oder "¿Que he hecho para merecer eso?" ("Womit hab' ich das verdient?", 1984) gehörten ebenso dazu: Fernando Colomos spanisch-marokkanische Drogenkomödie "Bajarse al Moro" (1989) oder Bigas Lunas "Bilbao" (1978) und später seine Spanien-Trilogie "Jamón Jamón" (1992), "Huevos de Oro" ("Macho", 1993) und "La Teta y la Luna" (1994).

In den 1990er-Jahren kamen sehr unterschiedliche Filmemacher mit ihren Erstlingswerken in die Kinos. Mit "Vacas" (1991) begann der ausgebildete Psychiater Julio Médem eine Reihe sehr poetischer, stellenweise geheimnisvoll-symbolischer Filme, die ganz stark an die Kraft des "nuevo cine español", des spanischen Autorenkinos der 1960er-Jahre anknüpften.

Neben Julio Medem standen weitere junge Regisseure wie Juanma Bajo Ulloa und Alex de la Iglesia für ein neues spanisches Kino Anfang der 1990er-Jahre. Auch Mariano Barroso begann mit sehr persönlichen Autorenfilmen wie "Mi Hermano del Alma. Die ersten Filme Ulloas, "Alas De Mariposa" ("Schmetterlingsflügel" 1991) und "La Madre muerta" ("Die tote Mutter", 1993) gingen ebenfalls in diese Richtung, sein dritter Film "Airbag" (1997) war allerdings genau das Gegenteil, eine Hochgeschwindigkeitskomödie, nach allen Regeln des grotesken spanischen Humors. Dort fanden sich auch von Anfang an die Filme Álex de la Iglesias wieder mit "Acción Mutante" (1992), "El Dia de la Bestia" ("Der Tag der Bestie", 1995), "La Comunidad" ("Allein unter Nachbarn", 2000) oder "Crimen Ferpecto" ("Ein ferpektes Verbrechen", 2004)

Faszination des Grauens

Mit Alejandro Amenábar trat ein junger Filmemacher auf den Plan, der sich vehement für einen spanischen Genrefilm einsetzt, während fast zur gleichen Zeit der fünf Jahre ältere Fernando León de Aranoa 1998 mit "Barrio", einer anrührenden Geschichte dreier Jugendlicher in den verödeten Vorstädten Madrids einen ganz neuen sozialen Realismus geschaffen hat.

Viele junge spanische Filmemacher sind heute fasziniert vom klassischen Genre, vom Horror-, Fantasy- oder Science-Fiction-Film. 2008 kamen zwei sehr unterschiedliche Horrorproduktionen in die deutschen Kinos: "El Orfanato" ("Das Waisenhaus") ist der erste Spielfilm des spanischen Regisseurs Juan Antonio Bayona. Handwerklich ist "El Orfanato" solide inszeniert, jedoch vorhersehbar. Klassische Genre-Elemente kommen zum Einsatz, jedoch ohne besondere Effekte oder Emotionen. Kurzum: eine etwas farblose Kopie großer Vorbilder. Ganz anders der fast gleichzeitig entstandene Horrorfilm "Rec". Jaume Balagueró und Paco Plaza verbinden mediensatirische Elemente mit knallharten Genre-Vorgaben. In vielen Nebenfiguren und Handlungselementen werden dabei Themen der spanischen Populärkultur aufgegriffen: Die Formeln des trivialen Fernseh-Infotainments werden ebenso aufs Korn genommen wie die Sensationslust der Nachbarn oder die bösartigen Vorbehalte unter verschiedenen ethnischen Gruppen.

Das erfolgreichste Genre des spanischen Films ist nach wie vor die Komödie. Oft allerdings nur audiovisuelles Boulevardtheater mit beliebten Fernsehschauspielern und abgegriffenen Pointen, Großstadtkomödien um homosexuelle Spitzenköche und trunksüchtige Theaterdiven oder heitere Liebesgeschichten orientierungsloser Jugendlicher. Es gibt aber auch immer wieder konkrete Gesellschaftskritik. So erzählt "Pajaros Muertos" (2008) der Regisseure Guillermo und Jorge Sempere von zwei Familien in einem wohlhabenden Wohnviertel im Grünen, deren sorgsam gehegte Wohlstandsfassade langsam zerbröckelt. Die Familie steht hier, wie häufig im spanischen Film, für die sich auflösenden Werte einer isolierten, neureichen Mittelschicht. Viele Filme drehen sich um die Absurditäten des Arbeitslebens, oder die politische Korruption. So erzählt der Thriller "El Menor de los Males" (2007) von Antonio Hernández mit schwarzem Humor von einem konservativen Politiker, der sich auf dem Landsitz einer Familie in Galizien einer schwangeren Geliebten "entledigen" muss.

Augenzwinkernde Solidarität mit dem Publikum

Viele spanische Filmemacher entdecken auch einfach den Alltag. So erzählt die 34-jährige Irene Cardona in ihrem Debüt "Un Novio para Yasmina" von 2008 humorvoll und einfühlsam vom Leben marokkanischer Immigranten in der südspanischen Provinz. Die Themen der jungen Filmemacher sind häufig privaten Ursprungs, reflektieren dabei aber auch die spanische Gesellschaft. Gemeinsam ist vielen die technische Perfektion, die Kombination von sozialem Realismus und einer augenzwinkernden Solidarität mit dem Publikum.

Von der Ausbildung her kommt die neue Regie-Generation eher vom unabhängigen Kurzfilm als von den staatlichen und privaten Filmschulen. Ein charakteristisches Beispiel ist Daniel Sánchez Arévalo, der in seinem ersten abendfüllenden Spielfilm "Azuloscurocasinegro" ("dunkelblaufastschwarz") einen seiner preisgekrönten Kurzfilme fortführte. Stellt Sánchez Arévalo seine Protagonisten in ein durch soziale Unterschiede vorgegebenes Spannungsfeld, so erzählen andere junge Filmemacher ihre Generationskonflikte im Milieu der spanischen Linken, der in die Jahre gekommenen Generation der Transición der 1970er-Jahre. So greift der katalanische Regisseur Roger Gual in "Remake" (2006) auf eigene Kindheitserlebnisse zurück und erzählt von einem Wochenende zweier geschiedener Ehepaare und ihrer Kinder, die nach Jahren in ein nordspanisches Bergdorf zurückkehren, wo sie vor Jahren eine Hippiekommune bildeten.

Spanisches Rekordjahr 2007

Der Boom des spanischen Nachwuchsfilms begann vor mehr als zehn Jahren, als direkte Filmförderung nur noch für Debütprojekte vergeben wurde und so junge Regisseure plötzlich für gestandene Produzenten attraktiv wurden. Das führte stellenweise zu ästhetisch und narrativ sehr konventionellen Erstlingsfilmen, die wenig Originalität und eigene Handschrift erkennen ließen. Mittlerweile setzen sich zahlreiche Filme vom konventionellen Erzählduktus des spanischen Films ab. So zeichnet "Yo" (2007) von Rafa Cortés ein ungewohnt dunkles, unheimliches Bild Mallorcas, mit "La Soledad" erzählt Jaime Rosales in drei Handlungssträngen von Tod, plötzlichem Verlust und vom Alleinsein. Und in seinem brillanten Episodenfilm "De Bares" (2006) zeichnet der galizische Regisseur Mario Iglesias in unterschiedlichen Kneipensituationen ein vielschichtiges Bild der Pilgerstadt Santiago de Compostella. Der spanische Film präsentiert im Moment eine Vielfalt von Themen und Stilen. Neben den zahlreichen Nachwuchsregisseuren, den bekannten Matadoren des spanischen Films wie Pedro Almodóvar oder Alejandro Amenábar sind auch die Veteranen des spanischen Films wie Carlos Saura, Jaime de Armiñan oder Manue Gutierrez Aragon weiterhin aktiv. Die Vielfalt des spanischen Films liegt auch an einer zunehmenden Dezentralisierung. Neben den traditionell autonomen Film-Regionen - wie dem Baskenland und Katalonien - kommen seit Jahren auch Impulse aus anderen Gegenden, etwa aus Valencia, Andalusien und aus Galizien.

2007 war ein Rekordjahr für die spanische Produktion: Insgesamt 172 lange Filme, 57 davon Koproduktionen, 37 Dokumentar- und fünf Animationsfilme. Dazu wurden nach offiziellen Angaben noch mindestens 156 Kurzfilme produziert. Das entscheidende Problem des spanischen Films, heißt es von Seiten der Vereinigung der spanischen Produzenten, sei nicht die Produktion, sondern der Verleih, also der Weg spanischer Filme zu ihrem Publikum. Aber da steht das spanische Kino in Europa nicht alleine.


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Ungeachtet der Bedeutung neuer digitaler Entwicklungen spielt auch der Film als historisch gewachsene und nach wie vor sehr massenwirksame Kunstform eine zentrale Rolle für die Medienbildung. Die Frage nach dem Wie und Warum filmischer Darstellungformen ist dabei wesentlich für eine mündige Rezeption und sachkundige Einordnung der dargebotenen fiktionalen wie auch dokumentarischen Stoffe. Jeder Film spiegelt stets seine sozialen und kulturellen Kontexte wider. Daher ist es wichtig, das Medium nicht nur als mehr oder minder künstlerisch ambitioniertes Unterhaltsprodukt zu betrachten, sondern sich immer auch kritisch mit seinen offenen und verborgenen politisch-ideologischen Botschaften auseinanderzusetzen - und der Art und Weise, wie sie vermittelt werden.

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