kulturelle Bildung

1.8.2018

Von Vorbildern, Vorbetern und Influencern: Wer entscheidet wer ich bin?

Wer beeinflusst wer wir sind? Wie entsteht unsere Identität? Diese Fragen standen im Mittelpunkt des Vortrags von Susanne Boshammer, Professorin für Philosophie an der Universität Osnabrück. Dass dies genuin praktische Frage seien, die eng mit der Gestaltung unseres Lebens zusammenhängen, war dabei Teil ihrer Antwort.

Susanne Boshammer, Professorin für Philosophie an der Universität OsnabrückSusanne Boshammer, Professorin für Philosophie an der Universität Osnabrück (© Ast/Juergens)

Zu Beginn ihres Vortrags wies Boshammer darauf hin, dass die Frage nach der Identität eine typisch menschliche Frage sei. Dies bedeute weniger, dass sie vorwiegend von Menschen gestellt werde, als dass in ihr das Menschsein zum Ausdruck komme. Schließlich sei der Mensch das Wesen, dass sich seiner selbst bewusst ist, sich jedoch auch selbst fragwürdig werden kann. Boshammer begann ihre Ausführungen dieser Feststellung mit der Kindergeschichte des Kaninchens "He Duda". Im Mittelpunkt steht dabei He Duda, das nicht weiß was für ein Tier es ist. Daraus folgt, dass es auch nicht weiß, wo es wohnen soll, was es essen soll oder warum es "so große Füße“ hat. Nachdem es die möglichen Optionen gesichtet hat, entscheidet es sich in einem Baum zu wohnen. Eines Tages wird es von dem Wiesel "Langeluda“ attackiert, da dieses es als Kaninchen identifiziert. Es wehrt das Wiesel ab, woraufhin die anderen Kaninchen es für einen Held halten – dabei dachte es, es "wäre ein Kaninchen“.

Die Praxis der Identität

Boshammer machte deutlich, dass die Frage nach der Identität eine praktische sei, da immer ein praktisches Interesse im Hintergrund stehe. Phasen, in denen nach Identität gefragt werde, seien nicht von Ahnungslosigkeit oder Unwissen geprägt, sondern durch den Zweifel. Es fehlt also nicht das Wissen, es fehlt die Selbstgewissheit – der oder die Fragende ist auf der Suche nach einer Handlungsorientierung. Unter Rekurs auf den Einspieler ist offenkundig, dass auch He Duda lebenspraktisch orientierungslos ist. Dem entgegen starten Menschen jedoch nicht bei null, sondern sehen sich eher damit konfrontiert, dass sie ihre eigene Geschichte nicht mehr verstehen. Die Frage nach der Identität sei mit der Frage "wie ich leben will“ verbunden, wie sie sich bereits in der aristotelischen Ethik des Guten Lebens niederschlage. Wer entscheidet was ich bin, entscheidet also auch wie ich lebe. Boshammer hob hervor, dass Fremdzuschreibungen große Auswirkungen auf uns hätten. Dementsprechend handele es sich bei Identitätsfragen auch um Machtfragen.

Das liege zum einen daran, dass Menschen Angst davor hätten, andere zu enttäuschen sowie zum anderen an der Tatsache, dass Identitätszuschreibungen das eigene Selbstverständnis maßgeblich bedingten. In diesem Sinne beeinflussen auch "Vorbilder, Vorbeter und Influencer“ das Selbstverständnis, da sie etwas vorgeben, woran wir uns – oft ohne Reflexion – orientieren (ein Phänomen, dass sich auch im höheren Alter finde). Der Mensch neige dazu, durch die Nähe zu etwaigen Vorbildern, deren Eigenschaften aufzunehmen. Wie gesehen gehe damit auch eine Adaption von bestimmten Handlungsweisen einher. Die Sorge von Eltern vor "schlechten Vorbildern“ sei paradigmatisch für diese Koinzidenz von Macht und Identität – wer entscheidet wer ich bin? Und ist es überhaupt eine echte Wahl?

Mit dem Ausspruch: "Wer wir sind, entscheiden wir selbst, aber nicht allein'“ schloss Boshammer an die aufgeworfene Frage an: Wieder illustrierte sie ihre Überlegungen durch das einführend gezeigte Video: He Duda weiß nicht, wer er ist, er hat im klassischen Sinne ein Identitätsproblem. Anhand der Welt orientiert er sich und checkt seine Optionen. Dabei entscheidet er sich für die – aus seiner Sicht überzeugendste – Alternative: das Leben als Baumbewohner. In der Konfrontation mit dem Feind, dem Wiesel Langeluda, erkennt er seine "echte“ Identität, da dieser ihm sein selbstgewählte nicht abgenommen und ihn attackiert hatte: Die Auseinandersetzung mit Identitätsfragen zeige also, dass Selbsterkenntnis, Selbstzuschreibung und auch Fremdzuschreibung von höchster Bedeutung sind.

Das bedeutungsvolle Leben

Gegen die erste Intuition schließen sich in Bezug auf die Identität Bildung und Findung nicht aus – die Identität sei fluide. Veränderungen können entweder durch eine Erfahrung des Bruchs oder der Transformation hervorgerufen werden, wie auch durch andere personelle Entwicklungen: Es ist denkbar, dass wir uns zu einer Person entwickeln, die nicht mehr zu unserer alten Identität passt. Die Gesamtheit unserer Identität setze sich, so Boshammer, aus verschiedenen Aspekten zusammen. Sie besteht aus einer naturalen, einer sozialen und einer persönlichen Komponente. Gemeint ist: Erstens, die Persistenz eines Gegenstands, also in concreto die natürlichen Eigenschaften einer Person. Zweitens meint der soziale Aspekt die Identität in der Gruppe; es müsse gefragt werden, wie wir in sozialen Kontexten wahrgenommen werden und uns selbst wahrnehmen. Dabei handele es sich um eine Dimension der Identität, die unentwegt bestätigt werden muss, da sie ansonsten nicht stabil bleibe. Umgekehrt vollzieht sich eine Destabilisierung, wenn ein bestimmtes (praktisches) Selbstverständnis nicht anerkannt werde – schließlich verdichte sich jenes zur eigenen Lebensgeschichte. Die Wahrnehmung unseres Selbst bilde, drittens, die persönliche Identität, die allerdings nur sehr begrenzt vermittelbar sei, da sie in unserer eigenen Perspektive (der ersten Person) bestehe.

Wer entscheidet wer ich bin?

Für die Beantwortung der Frage "wer entscheidet wer ich bin?“ knüpfte Boshammer an diese Dreiteilung an. Der Mensch sei immer gleichzeitig ein biologisches wie soziales Wesen, das die Option hat, eine Person zu werden. Dies bedeute, dass es sich zu sich selbst in Beziehung setzen kann. Offenkundig bestimme dabei nicht allein eine Dimension. Ferner scheint es, als habe sich der Spielraum für die Konstruktion von Identität in der Moderne vervielfacht – der "Mensch muss Vorgaben der Natur nicht einfach akzeptieren“, es bestehe mittlerweile stärker denn je die Option einzugreifen. Unsere Rolle in der Gemeinschaft müsse nicht einfach hingenommen werden. Dabei relativierte Boshammer dies im Gespräch mit der bpb dahingehend, dass zwar die formale Freiheit zugenommen habe, die Möglichkeit diese auch zu ergreifen für manche Teile der Bevölkerung jedoch geringer geworden sei – was insbesondere durch ökonomische Faktoren bestimmt werde.

Die Identität erweise sich also in der Lebenspraxis. Der menschliche Wunsch nach Selbstgewissheit sei der Motor für die Suche nach Identität: Es gelte nicht, jemand zu sein, sondern im emphatischen Sinne ein Leben zu führen, was jedoch nur in Gemeinschaft möglich sei. Mit Berthold Brecht gesprochen: "wir müssen einander kenntlich sein und kenntlicher werden."

von Simon Clemens


Dossier

Film

Ungeachtet der Bedeutung neuer digitaler Entwicklungen spielt auch der Film als historisch gewachsene und nach wie vor sehr massenwirksame Kunstform eine zentrale Rolle für die Medienbildung. Die Frage nach dem Wie und Warum filmischer Darstellungformen ist dabei wesentlich für eine mündige Rezeption und sachkundige Einordnung der dargebotenen fiktionalen wie auch dokumentarischen Stoffe. Jeder Film spiegelt stets seine sozialen und kulturellen Kontexte wider. Daher ist es wichtig, das Medium nicht nur als mehr oder minder künstlerisch ambitioniertes Unterhaltsprodukt zu betrachten, sondern sich immer auch kritisch mit seinen offenen und verborgenen politisch-ideologischen Botschaften auseinanderzusetzen - und der Art und Weise, wie sie vermittelt werden.

Mehr lesen