kulturelle Bildung

10.9.2019

Wir alle sind das Volk

Workshopam 5. Juni 2019 mit Christian Neuhäuser und Jürgen Wiebicke

Zwei Männer sitzen auf der Kante der Bühne und schauen ins Publikum. Im Hintergrund eine Redepult und ein länglicher senkrechter Aufsteller mit der Aufschrift "phil.cologne – Internationales Festival der Philosophie - 7".Christian Neuhäuser und Jürgen Wiebicke fragen auch danach, wie weit die demokratische Verfassung eigentlich ins alltägliche Leben hinein reicht. Was wäre alles anders ohne sie? (© Ast/Juergens)

In der KLASSE DENKEN Veranstaltung von Christian Neuhäuser und Jürgen Wiebicke diskutierten die Schüler/-innen, vor welchen Herausforderungen eine Gesellschaft stehe, die ihren Mitgliedern viele Freiheiten gewähre. Gleich zu Beginn der Veranstaltung kritisierten die Schüler/-innen, dass sie zwar vergleichsweise viele Freiheiten haben, aber sie sich mehr Anerkennung von der älteren Generationen wünschen. Dazu gehöre auch die Bereitschaft, mehr in Entscheidungsprozesse eingebunden zu werden. Darüber hinaus vertrat ein Schüler die These, dass eine freie Gesellschaft für ihn schwer zu greifen sei: Um Freiheit wirklich schätzen zu können, brauche es eine Erfahrung von Unfreiheit.

Demokratie versus Ochlokratie

Um den anfangs diskutierten Freiheitsbegriff zu konkretisieren, differenzierte Neuhäuser die Staats- und Lebensform Demokratie von der Ochlokratie, der sogenannten Herrschaft des Pöbels. Die Schüler/-innen reflektierten daraufhin ihre Möglichkeiten zu Mitsprache, Partizipation und Empowerment und vertraten die These, dass in einer Demokratie auch die stumme Mehrheit mitdiskutieren müsse, damit die, die am lautesten pöbeln nicht freie Bahn haben. Ein Schüler kritisierte zudem, dass die Bereitschaft zur politischen Mitsprache und Teilhabe der jungen Generation auch ernst genommen werden müsse: Geschlossen kritisierten die Schüler/-innen beispielweise den Vorschlag ihrer Schule, aus der Teilnahme an den Fridays-for-Future-Demonstrationen eine Exkursion zu machen und damit das Schwänzen einiger Schüler/-innen sozusagen zu legalisieren. Für die Schüler/-innen sei dies eine Diskreditierung ihrer Bereitschaft, in demokratischen Prozessen mitzuwirken.

Wo steckt überhaupt das Politische?

Gemeinsam mit den Referenten diskutierten die Schüler/-innen, was zum Politischen überhaupt gehöre. Dabei bemerkten Neuhäuser und Wiebicke, dass sich in einer Demokratie das Politische auf die alltägliche Lebenswelt und individuelle Entscheidungen beziehe und deshalb mehr sei als ein abstrakter Verwaltungsapparat. Mit Hannah Arendt bekräftigte Neuhäuser, man lebe nur, indem man mit anderen etwas aushandle [1]. Die Schüler/-innen stimmten Neuhäuser grundsätzlich zu, wiederholten zugleich aber ihre Kritik, dass ihnen zu wenig Partizipation und Teilhabe geboten werde. Die Vereinnahmung der Fridays-for-Future-Anliegen durch ihre Schule sei ein Beispiel dafür, dass ihnen zu wenig Mitsprache eingeräumt werde und das Politische dadurch abstrakt bleibe. Wiebicke stellte in diesem Zusammenhang die These auf, dass Menschen immer dann aktiv werden, wenn sie gegen etwas seien. Hervorzuheben seien hier insbesondere Bürgerbegehren gegen Kläranlagen, AKWs aber auch gegen Flüchtlingsheime. Entscheidend dabei sei, nicht das gesamte System Demokratie in Frage zu stellen, sobald das eigene Begehren keine Durchsetzung finde oder man eine Diskussion verliere. Die Demokrat/-innen und Wutbürger/-innen unterscheide letztlich, dass erstere bereit seien, Verantwortung für sich und ihre Gemeinschaft zu übernehmen, während letztere sich in den Prozess der Aushandelns nicht einbrächten, aber zugleich alle getroffenen Entscheidungen bequem kritisierten oder ablehnten. Zum Abschluss der Veranstaltung wurde deutlich, dass Demokratie nicht nur eine Staats- und Regierungsform, sondern eine Lebensform sei, die es gelte weiterzudenken und zu verteidigen.

von Niko Gäb

Fußnoten

1.
Hannah Arendt, Vita activa oder Vom tätigen Leben, 1960.

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