kulturelle Bildung

29.9.2009 | Von:
Wolfgang Sander

Was ist politische Bildung?

  1. Überwältigungsverbot. Es ist nicht erlaubt, den Schüler ... im Sinne erwünschter Meinungen zu überrumpeln und damit an der 'Gewinnung eines selbstständigen Urteils' (Minssen) zu hindern. ...
  2. Was in Wissenschaft und Politik kontrovers ist, muß auch im Unterricht kontrovers erscheinen. ...
  3. Der Schüler muß in die Lage versetzt werden, eine politische Situation und seine eigene Interessenlage zu analysieren, sowie nach Mitteln und Wegen zu suchen, die vorgefundene Lage im Sinne seiner Interessen zu beeinflussen."[7]
Der Beutelsbacher Konsens gilt im Kern bis heute als akzeptiert und ist inzwischen auch international wirksam geworden. Im Osten Deutschlands wurde nach der demokratischen Revolution in der DDR sehr schnell, noch im Herbst 1989, das in der Bevölkerung völlig diskreditierte Fach Staatsbürgerkunde in den Schulen abgeschafft. In der Folgezeit kam es in der politischen Bildung zu einer Übernahme westlicher Konzepte und Traditionen.

Die Infrastruktur der politischen Bildung in Deutschland

Anders als in der Weimarer Republik ist in der Bundesrepublik Deutschland der nachhaltige Aufbau einer demokratischen politischen Bildung gelungen. In den Schulen gibt es in allen Bundesländern ein Unterrichtsfach für politische Bildung, wenn auch unter verschiedenen Fachbezeichnungen und teilweise in Kombination mit anderen Fächern. Die wissenschaftlichen Grundlagen für Lehren und Lernen in der politischen Bildung werden in der Politikdidaktik (resp. Didaktik der politischen Bildung) erarbeitet, die sich seit den 1960er-Jahren als eigene Wissenschaftsdisziplin an Hochschulen etabliert hat. Die Fachlehrerschaft hat sich in der 1965 gegründeten Deutschen Vereinigung für politische Bildung (DVPB) organisiert. Ergänzend wurde als wissenschaftlicher Fachverband für die Politikdidaktik 1999 die Gesellschaft für Politikdidaktik und politische Jugend- und Erwachsenenbildung (GPJE) gegründet.

In der außerschulischen Jugend- und Erwachsenenbildung in der Bundesrepublik Deutschland werden Veranstaltungen zur politischen Bildung von unterschiedlichen öffentlichen und privaten Trägern angeboten. Neben gesellschaftlichen Großorganisationen wie den Kirchen, den Arbeitgeberverbänden und den Gewerkschaften gibt es auch zahlreiche kleine Träger. Ein großer Teil der Träger ist im "Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten" zusammengeschlossen. Bei einigen Trägern – z.B. bei den parteinahen Stiftungen oder bei kirchlichen Akademien – spielt politische Bildung im Gesamtspektrum ihrer Angebote zur Erwachsenenbildung eine herausragende, bei anderen – etwa den Volkshochschulen oder den Sportverbänden – eine eher marginale Rolle.

In Gestalt der Bundeszentrale und der Landeszentralen für politische Bildung existiert ein bedeutsames staatliches Unterstützungssystem, das unter anderem kostenfreie Lernmaterialien sowie Weiterbildungsangebote für das pädagogische Personal in allen Praxisfeldern politischer Bildung zur Verfügung stellt und Veranstaltungen außerschulischer politischer Bildung durch Zuschüsse fördert. Von der Bundeszentrale für politische Bildung erhalten derzeit zwischen 300 und 400 Träger finanzielle Förderung für Veranstaltungen.

Der Trägerpluralismus in der außerschulischen politischen Bildung führt einerseits zu einem breiteren und auf unterschiedliche Adressatengruppen bezogenen Angebot, erschwert andererseits aber die Entwicklung einer von den weltanschaulichen Hintergründen der Träger unabhängigen fachlichen Professionalität. Historisch spielt bei der Etablierung von politischen Lernangeboten für Erwachsene das Interesse der Träger, ihre weltanschaulichen und politischen Positionen in das eigene politisch-kulturelle Milieu wie in die Gesellschaft insgesamt zu kommunizieren, eine wichtige Rolle. Erst in der jüngeren Geschichte der politischen Erwachsenenbildung setzt sich die Erkenntnis durch, dass die fachliche Identität und Qualität politischer Bildung eine pädagogische Autonomie gegenüber allen durch Trägerinteressen determinierten politisch-weltanschaulichen Vorgaben erfordert.

Fußnoten

7.
Wehling 1977, 179 f.
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