kulturelle Bildung

6.1.2010 | Von:
Ursula Stenger

Frühkindliche Erziehung und kulturelle Bildung

Kinder brauchen dabei Erwachsene, die ihnen feinfühlig Resonanz geben und so antworten, dass in Interaktionen kleine Dialoge oder Geschichten entstehen, in denen Kinder sich selbstwirksam erfahren können. Von frühester Kindheit an sind Kinder Akteure in Geschichten, die ihnen erzählt werden, zum Beispiel: Jetzt machen wir einen Spaziergang, jetzt kommt der Nikolaus oder die Oma zu Besuch. Kindern werden – im günstigen Fall – Geschichten erzählt, in denen sie vorkommen, bis sie selbst Wörter einfügen können und nach und nach selbst zu Erzählern werden. Eine Geschichte wird durch ein Ereignis in Gang gesetzt und entwickelt dann eine eigene Dramaturgie: Es brennt, die Feuerwehr muss kommen, löschen und Menschen retten! In allen Spielhandlungen erzählen Kinder Geschichten, noch bevor sie sprechen können. Diese Geschichten wollen gehört, aufgegriffen und erzählt werden!

Beim Geschichten-Erzählen sind alle geistigen Fähigkeiten aktiv: Wünsche, Ängste, Gefühle, bisher erworbene Kenntnisse, Erlebnisse und Erfahrungen, kreative, fantastische und logische Fähigkeiten, Bewusstes und Unbewusstes verbinden sich miteinander. Durch das Geschichten Erfinden kann von gefestigten Denkstrukturen und vorgefassten Meinungen abgewichen werden, das Denken kann sich offener, flexibler und erfinderischer entfalten. Durch solche fantastischen Geschichten wird Realität aktiv bewältigt. Die Geschichten greifen Elemente aus der Wirklichkeit auf und verändern sie zum Besseren. Fantasien übersteigen und kontrastieren die tatsächliche Wirklichkeit und machen sie dadurch erfahrbar.

Ein weiteres Beispiel: Leo zeichnet im Alter von fünf Jahren immer wieder ähnliche Geschichten von Piraten oder Rittern, die irgendwo einen Schatz besitzen, der gut versteckt, vergraben oder in tiefen Kerkern verschlossen ist. Diesen kostbaren Schatz gilt es zu verteidigen mit allen Mitteln gegenüber den "Bösen". Grundmuster aus Märchen und Sagen werden hier weiter gesponnen. Leo selbst fühlt sich wichtig und mit einer geheimen Mission betraut, wenn er sich in Rollenspielen gegen vermeintliche Angreifer wehrt. Hoffentlich wissen die anderen von seiner Geschichte, sonst würden seine Handlungen nicht sinnvoll erscheinen. Aber: Sind das nicht nur Fantasien? Können wir darauf verzichten? Kinder beschäftigen sich in einer existenziellen Weise mit der Frage, wer sie selbst sind und sein können in den Ausdrucksformen, die ihnen dafür zur Verfügung stehen. Kultur stellt Formensprachen, Bilder, Dramaturgien und Melodien zur Verfügung, um hier nach Antworten zu suchen. Die äußere Welt wird in kulturellen Gestalten als Deutung der inneren Welt entworfen. So erst werden wir uns selbst zugänglich, können uns anderen mitteilen und im Medium symbolischer Artikulationsformen verständigen. Kulturelle Bildung ist immer auch Arbeit am Selbst- und am Weltbild.

Welche kulturellen Kompetenzen brauchen Pädagoginnen und Pädagogen?

Erzieher/-innen und Frühpädagogen/-innen, die Kindern ästhetische Erfahrungen ermöglichen wollen, brauchen eine Ausbildung bzw. ein Studium, in dem sie selbst derartige Erfahrungen machen und eigene Kompetenzen entwickeln können, auch wenn dies nur exemplarisch und nicht für alle Künste möglich ist. Die eigene Erfahrung, etwas künstlerisch entwickelt und präsentiert zu haben, ist eine zentrale Voraussetzung für eine niveauvolle Arbeit mit Kindern. Kunst, Musik, Tanz und Theater sind hier gefragt, was keineswegs nur in Form von Fingerspielen und "Kasperltheater" vor sich gehen kann. Wer zudem Interesse entwickelt an künstlerischen Ausdrucksformen der Gegenwart, wer selbst ein Theater oder ein Museum besucht, wird auch Situationen schaffen wollen, in denen Kinder die Symbolsysteme kennenlernen, zugleich diese aber auch auf eigene Erfahrungen beziehen können. Es geht hier nicht um die Aneignung eines bildungsbürgerlichen Wissens, sondern um das Ernstnehmen der Traditionen und Horizonte, die in den Gestaltungen angesprochen sind, kommuniziert und lebendig dargestellt werden.

Kinder brauchen Lerngelegenheiten, Materialien und Angebote, sie brauchen vor allem aber auch kompetente Pädagoginnen und Pädagogen, die ihnen etwas zeigen, sie auf vielfältige Weise begleiten und ihnen Raum geben, um die kulturellen Bilder und Produktionsformen auf eigene Empfindungen und Erfahrungen hin beziehen zu können. Kinder wollen experimentieren mit ihrem Können und selbst Ideen entwickeln.

Kinder kommen aus unterschiedlichen Lebenswelten und kulturellen Kontexten, die sie gestaltend in eine Gruppe einbringen wollen. Sie haben ein Recht auf eine neue Interpretation der Dinge, auf provisorische "Theorien" und neue Gestaltungsformen, die sie ständig erproben, wenn man ihnen Gelegenheiten gibt und sich für das interessiert, was sie daraus machen.

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