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kulturelle Bildung

6.1.2010 | Von:
Olaf-Axel Burow

Warum brauchen wir kulturelle Bildung in der Schule? Ein Plädoyer

Hartmann zufolge bestimmt der klassenspezifisch geprägte Habitus als Produkt spezifischer Klassenlagen durch die dauerhaft übertragenen Dispositionen den Spielraum des Verhaltens der Akteure. Wenn es stimmt, dass der Habitus entscheidend durch die soziale Herkunft und die entsprechende kulturelle Praxis geformt wird, dann ist kulturelle Bildung für alle eine Voraussetzung für die gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft. Denn: Der in einer bestimmten Klasse erworbene Habitus definiert den Lebensstil und die Distinktionsstrategien zwischen den Klassen. Nur die Kenntnis dieser Strukturierungs- und Reproduktionsmechanismen ermöglicht Freiheitsgewinne. Kulturelle Bildung in der Schule ist aus dieser Perspektive eine Voraussetzung zur Erschließung dieser Freiheitsgewinne!

2. Kulturelle Bildung – ein Weg zur inklusiven, begabungsförderlichen Schule

Der Begriff der Inklusion entstand Anfang der 1990er-Jahre, wobei die Internationale Konferenz der UNESCO, die 1990 in Thailand stattfand, einen sehr wichtigen Moment darstellte. Im Rahmen dieser Konferenz, die unter dem Motto "Bildung für alle" stattfand, wurde erstmalig das englische Wort "inclusion" statt "integration" benutzt. Zentrales Prinzip der inklusiven Pädagogik ist die Wertschätzung der Diversität in Bildung und Erziehung. Befürworter der Inklusion gehen von der Tatsache aus, dass Heterogenität die Normalität darstellt. Aus ihrer Sicht sind alle Schüler "Sonderschüler", in dem Sinn, dass jede/jeder über besondere Begabungen und Limitierungen verfügt. Deshalb plädieren sie für die Schaffung einer Schule für alle, welche die Bildungs- und Erziehungsbedürfnisse aller Schüler zu befriedigen hat. Dies ist keine illusionäre Forderung, denn bereits heute folgen laut Wilfried Bos, dem Leiter des Dortmunder Instituts für Schulentwicklungsforschung, 95 Prozent aller Schulsysteme weltweit dem Modell 6:3:3. Also: Sechs Jahre gemeinsames Lernen in der Primarstufe, drei Jahre in der Sekundarstufe und dann die leistungs- und neigungsbezogene Trennung in der Sekundarstufe II. Deutschland nimmt hier mit seinem ständisch orientierten Selektionssystem eine Sonderstellung ein.

Unterstützt wird die Forderung nach einer inklusiven Schule durch die Begabungsforschung, wie sie der amerikanische Sozialpsychologe Howard Gardner mit seinem Konzept der "multiplen Intelligenzen" vorgestellt hat. Ihm zufolge ist schulische Bildung derzeit verengt durch eine fast ausschließliche Fokussierung auf sprachliche und logische Intelligenzen. Dabei käme es darauf an, neben der sprachlichen und logisch-mathematischen Intelligenz, auch musikalisch-rhythmische, bildlich-räumliche, körperlich-kinästhetische, inter- oder intrapersonelle sowie existenzielle Intelligenzen zu fördern. Die verschiedenen Angebote der kulturellen Bildung haben sich als besonders geeignet erwiesen, genau diese Lücken zu schließen und zu einer Erweiterung des schulischen Lern- und Leistungsbegriffs beizutragen, der hilfreich ist, den unterschiedlichen Begabungen der Schüler/-innen gerecht zu werden.

3. Kulturelle Bildung – eine Antwort auf Anforderungen der globalisierten Wissensgesellschaft

Der amerikanische Wirtschaftsgeograf Richard Florida [3] behauptet in seinem Buch "The Rise of the Creative Class", dass in den entwickelten Industrienationen bereits heute bis zu 30 Prozent der Arbeitnehmer/-innen mit der Entwicklung oder Anwendung von Neuem beschäftigt sind. Dies führe zur Herausbildung einer neuen "Kreativen Klasse", die immer mehr Schlüsselpositionen der Gesellschaft besetze. Die "Kreative Klasse" siedele sich bevorzugt an Orten an, die sich durch die Verbindung von Technologie, Talent und Toleranz auszeichneten. Entscheidend seien offene Begegnungs- und Anregungsräume. Nach Burow [4] führt das Crossover zwischen vormals getrennten Fach- und Personengruppen zur Bildung "kreativer Felder".

Kulturelle Bildung in der Schule erfordert demnach den Wandel von der "Unterrichtsanstalt zum Kreativen Feld" [5]. Wie diese Felder funktionieren, zeigt sich besonders eindrücklich am Zusammenfließen von Kunst und Medien im Web 2.0. Pasuchin [6] verwendet für die neuen Formen von Crossover-Produktion und -kommunikation den Begriff der "Intermedialität". Am Beispiel von Schülerproduktionen auf YouTube zeigt er, wie Schüler neue Gestaltungs- und Ausdrucksformate entwickeln. Aufgabe der Schule ist es, die Schülerinnen und Schüler darin zu unterstützen und reflexive Gestaltungskompetenzen zu fördern. Mit einer Förderung intermedialer Gestaltungskompetenzen ermöglicht kulturelle Bildung Teilhabe und bietet Hilfen zur aktiven Aneignung neuer Produktions- und Kommunikationsformen einer globalisierten Wissensgesellschaft.

Fußnoten

3.
Florida 2002
4.
Burow 1999/2000
5.
Burow & Pauli 2006
6.
Pasuchin 2006
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