kulturelle Bildung

6.1.2010 | Von:
Thomas Busch

Kulturelle Bildung an Ganztagsschulen – Raum und Zeit für mehr?

Hier bedarf es in naher Zukunft neuer Modelle der lokalen Zusammenarbeit vor Ort. Eine mögliche Orientierung bietet das in der Jugendhilfe schon verbreitete Konzept der Sozialraumorientierung: Ganztagsschulen werden dabei zu offenen Mittelpunkten eines Gemeinwesens, Fachlehrer/-innen der künstlerischen Fächer zu Multiplikatoren und Koordinatoren der künstlerischen und kulturellen Arbeit vor Ort. Zumal individuelle Förderung auch an Ganztagsschulen noch ein dringendes Entwicklungsfeld darstellt, können gerade außerschulische Partner mit ihren Fähigkeiten und alternativen Arbeitsformen einen Beitrag dazu leisten, Schüler/-innen entsprechend ihrer persönlichen Entwicklungswünsche zu unterstützen. In neigungsorientierten Angeboten ist dies an vielen Ganztagsschulen mittlerweile auch im Vormittagsbereich möglich.

Schülerinnen und Schüler aktiv an wichtigen Entscheidungen in Schule und Unterricht zu beteiligen, stellt ein weiteres wichtiges pädagogisches Entwicklungsfeld der Ganztagsschule dar: Projekte und Vorhaben der kulturellen Bildung bieten hier besondere Möglichkeiten der Aktivierung und Partizipation von Schülern, Eltern und Gemeinwesen. Dennoch sind die Möglichkeiten der Ganztagsschule keine hinreichende Voraussetzung für die Umsetzung von partizipativen Vorhaben im Schulalltag: Auch Künstler und Kultureinrichtungen müssen hier ihre Arbeitsformen und Orientierungen überdenken, wenn sie Beteiligung und Selbststeuerung von Schülern in der Zusammenarbeit mit Ganztagsschulen unterstützen wollen.

Nur Raum und Zeit für mehr – oder auch für bessere Qualität der Angebote zur kulturellen Bildung?

Eine systematische Weiterentwicklung des Feldes der kulturellen Bildung an der Ganztagsschule ist wohl nur möglich, wenn weitere Schulen grundlegend ihre Konzeption von kultureller Bildung überprüfen und sich Prozessen der fachlichen Selbstevaluation unterziehen: Solche Unternehmungen können schmerzhaft sein und mögen nicht im direkten Interesse von Musik- oder Kunstlehrern, Künstlern oder Kulturpädagogen liegen. Allerdings können diese zyklisch angelegten Vorhaben der Qualitätsentwicklung wesentlich dazu beitragen, tatsächlich abgestimmte neue Formen kultureller Bildung im Sozialraum zu entwickeln, anstatt in der Ganztagsschule einfach nur ein "Mehr desselben" zu produzieren. Dazu benötigen viele Schulen finanzielle und zeitliche Unterstützung ebenso wie professionelle Begleitung. Und sie brauchen Zeit: Ein solcher Reformprozess nimmt viele Jahre in Anspruch.

Wie die "Studie zur musisch-kulturellen Bildung an Ganztagsschulen" (MUKUS) der Universität Bremen jüngst feststellte: Die Entwicklung der Ganztagsschule führt nicht automatisch zu einer veränderten Schulkultur oder zu verstärkter kultureller Bildung. Wenn allerdings bestimmte zeitliche, räumliche und personelle Voraussetzungen geschaffen werden und Schule bereit ist, sich für weitere künstlerische Professionen aus dem Sozialraum zu öffnen, kann die Ganztagsschule zur Chancengerechtigkeit in der kulturellen Bildung von Kindern und Jugendlichen beitragen und deren oftmals unverbunden in einen Vor- und einen Nachmittag zerbrochene Lebenswelt wieder zu einem sinnvollen Ganzen zusammenfügen helfen.

Nicht alle Modelle der kulturellen Bildung benötigen dabei die Ganztagsschule: Bläserklassenmodelle oder Kooperationen mit Kultureinrichtungen haben bewiesen, dass auch im traditionellen Schulbetrieb mit Projekten der kulturellen Bildung beeindruckende Ergebnisse erzielt und wesentliche Kompetenzen entwickelt werden können. Das Zeitfenster für pädagogische Reformen an den neu entstandenen Ganztagsschulen ist noch offen: Vielleicht ermöglicht der in den vergangenen Jahren erzeugte Schwung noch weitere Veränderungen in der kulturellen Bildung an deutschen Ganztagsschulen – und an weiteren Schulen darüber hinaus.

Dazu können auch zahlreiche öffentliche und private Initiativen wie das "ARTuS"-Projekt in Brandenburg oder die neue Initiative "Ganz in – mit Ganztag mehr Zukunft" der Stiftung Mercator in Nordrhein-Westfalen beitragen: Hier werden junge Ganztagsschulen systematisch dabei unterstützt, ihr Handeln in der kulturellen Bildung grundlegend zu überdenken und neue Wege einzuschlagen. Es wird weiterer öffentlicher wie privater Unterstützung bedürfen, um dafür Sorge zu tragen, dass in der Ganztagsschule neue Formen kultureller Bildung möglich sind und die neugewonnenen Freiheiten für lokal abgestimmte Konzepte der kulturellen Bildung genutzt werden können.

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