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kulturelle Bildung

15.8.2010 | Von:
Elke Josties

Jugendkulturarbeit

Geschichtliche Hintergründe: Krise der offenen Jugendarbeit

In den frühen 1980er-Jahren geriet die offene Jugendarbeit in der alten Bundesrepublik in eine Krise. Zunehmende ökonomische und soziale Probleme führten dazu, dass innerstädtische Jugendfreizeitstätten zu Sammelbecken (meist männlicher) Jugendlicher in schwierigen Lebenslagen wurden. Diese Jugendlichen reagierten auf offene Freizeitangebote der Jugendarbeit eher mit Desinteresse und nutzten die Jugendclubs als Treffpunkte ihrer Cliquen, hauptsächlich zum "Abhängen", um sich von ihren Problemen mit Familie, Schule und mangelnden Perspektiven im Erwerbsleben abzulenken. Das, was die Jugendarbeiter gelernt und zu bieten hatten, erwies sich nicht mehr als zeitgemäß und zielgruppengerecht, so mancher fühlte sich überfordert und hilflos. Und diejenigen Jugendlichen, die offene Jugendtreffs frequentierten, repräsentierten längst nicht mehr den Querschnitt der Jugendlichen, die eigentlich erreicht werden sollten.

Jugendarbeit reagierte in unterschiedlicher Weise auf diese Herausforderungen. So wurden insbesondere für Jugendliche in schwierigen Lebenslagen zielgruppengerechte, teils mobile Projekte entwickelt. Im Freizeitbereich fanden jugendkulturelle Interessen und Szenen verstärkt Beachtung, so wurden beispielsweise junge Rockmusiker gefördert und zunehmend Projekte im kreativen und künstlerischen Bereich sowie in der Berufsorientierung initiiert.

Soziokultur

Was in einzelnen Jugendclubs jeweils Pionierarbeit engagierter Mitarbeiter/-innen war, entsprach insgesamt der sich abzeichnenden Wende zu kultureller Kinder- und Jugendbildung. Diese beschränkte sich nicht auf ein auf die vermeintliche "Hochkultur" bezogenes Kulturverständnis, wie es oft in Kulturprojekten in der Tradition der musisch-ästhetischen Bildung der 1960er- und 1970er-Jahre der Fall war. In den späten Siebziger- und frühen Achtzigerjahren kam es sowohl in der Jugendarbeit als auch in der Kulturpädagogik zu Suchbewegungen, die vor allem durch ein Umdenken in Richtung "Kultur für alle" [2], genauer gesagt in Richtung "Soziokultur", geprägt waren.

Soziokultur entspricht einem erweiterten Kulturbegriff. Sie umfasst die Vielfalt der Lebenswelten und Kulturpraktiken und sieht den Menschen als aktives, gestaltendes Wesen, als Subjekt seiner Verhältnisse. Mit Blick auf die Zielgruppe der Jugendlichen bedeutete dies, den Blick von ihren angeblichen Defiziten abzuwenden und stattdessen im Sinne eines Empowerments ihre Ressourcen zu stärken. Dabei auch und gerade bildungsbenachteiligte Zielgruppen zu fördern, gehört zum "kulturellen Mandat", wie es Treptow ([3]) für die soziale Kulturarbeit forderte, die ihren Ausdruck insbesondere in Projekten der außerschulischen Jugendkulturarbeit fand. Zielsetzung müsse sein, einen Beitrag zur Lebensbewältigung der jeweiligen Adressaten zu leisten, indem Kulturarbeit sich auf ihre Lebenswelt und den Eigensinn ihrer kulturellen Ausdrucksformen einlasse. Genau diese Richtung beschritt die Jugendkulturarbeit.

Jugendkulturforschung

Fachlich begründet wurde diese Zielsetzung der Jugendkulturarbeit auch von Seiten der Jugendkulturforschung. Vor allem englische Kulturforscher aus dem Umfeld des "Centre for Contemporary Cultural Studies" ([4]) schärften den Blick und das Verständnis für den symbolischen Sinngehalt jugend(sub)kultureller Praktiken. Jugendforscher wie Dieter Baacke machten seit den Achtzigerjahren vor allem auf die besondere Bedeutung von Musik in den Jugendkulturen und Tendenzen der Individualisierung und Ausdifferenzierung von Jugendkulturen aufmerksam ([5]). Auch in den Shell-Jugendstudien wurde die Relevanz und Vielfalt jugendkultureller Praktiken hervorgekehrt ([6]). Für Mitarbeiter/-innen der Jugendarbeit bedeutete dies, offen und sensibel auf neue Entwicklungen und den Wandel der Jugendkulturen einzugehen – die Berufung auf die eigene Biografie, beispielsweise als Rockmusiker, reichte nicht aus, um aktuellen jugendkulturellen Interessen gerecht zu werden. Als die Hip-Hop-Szene in Deutschland an Zuspruch gewann und immer mehr Jugendliche sich dafür interessierten, war die Jugendarbeit darauf angewiesen, mit dieser jungen Szene zu kooperieren. Das bedeutete auch, dass junge Szenekünstler/-innen als künstlerische Anleiter in der Jugendarbeit nachgefragt waren.

Fußnoten

2.
Vgl. Hoffmann 1979.
3.
Vgl. ders. 2001, 193ff.
4.
Vgl. z.B. Willis 1979, Hebdige 1979.
5.
Vgl. ders. 1993, 1998.
6.
Vgl. Jugendwerk der Deutschen Shell 1981.

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