kulturelle Bildung

5.5.2010 | Von:
Mechthild Eickhoff

Die Kunst der Erreichbarkeit

Zahlreiche Kultureinrichtungen sind auf dem Weg, sich neuen Zielgruppen zuzuwenden. Es gilt, Dialoge zwischen unterschiedlichen sozialen und kulturellen Milieus zu moderieren. Soll aber dieser Prozess erfolgsorientiert sein, müssen die Menschen als Nutzer im Fokus stehen.

Jugendkunstschulen bieten die Möglichkeit, unterschiedliche Zielgruppen anzusprechen. Hier bearbeiten Jugendliche in Neckartailfingen das Projekt "Chinarestaurant". Foto: Ali SchülerJugendkunstschulen bieten die Möglichkeit, unterschiedliche Zielgruppen anzusprechen. Hier bearbeiten Jugendliche in Neckartailfingen das Projekt "Chinarestaurant". (© Ali Schüler)

Viel wird über bildungsferne Schichten gesprochen und darüber, wie man sie erreichen kann. Wo man Menschen und vor allem junge Menschen mit klassischen Bildungs-, Betreuungs- oder Kulturangeboten als Begleitung zur Gestaltung eines gelingenden Lebens nicht mehr erreicht, wird ein hoffnungsvoller Blick auf die kulturelle Bildung, auf die Vermittler zwischen Kunst und Leben außerhalb von Schule geworfen. Kulturpädagogik im weitesten Sinne, die Tanz-, Theater-, Musical-, Graffiti-, Straßenkunst-, Skulpturenpark-Projekte feiern gerade bei den als bildungsfern und sozial benachteiligt Geltenden große Integrationserfolge.

Vielfach erhalten Kinder und Jugendliche innerhalb solcher Kunstprojekte das erste Mal die Möglichkeit, sich von ihrer starken Seite zu zeigen oder diese selbst kennenzulernen. Vielfach erhalten sie das erste Mal eine künstlerisch motivierte Aufmerksamkeit, die allein sie und ihre Talente und Fähigkeiten in den Mittelpunkt stellt, statt ihre Defizite – gleich welcher Natur – zu fokussieren und zu bewerten. Die außerschulische Jugend- und Bildungsarbeit hat in Deutschland starke Strukturen: von der offenen bis zur angebotsorientierten kulturellen Jugendbildung der Jugendkunst- oder Musikschulen, des Kinder- und Jugendzirkus', des Theaterpädagogischen Zentrums oder der "HipHop Academy". Künstler/-innen und Kulturpädagogen/-innen werfen einen anderen Blick auf ihre Zielgruppe, und umgekehrt gelten sie nicht in erster Linie als Erzieher oder chronische Besserwisser. Hier gilt ein anderer Bildungskanon, eine Gegendarstellung: hier gilt als bildungsfern, wer sich nicht offen auf Neues einlassen kann, wer kein Gefühl für das eigene Gefühl und das der Mitspieler/-innen entwickelt, wer nicht das künstlerische Suchen nach der passenden Gestaltung zulassen kann, sondern nur endgültige Wahrheiten und Faktenwissen sucht. Es ist eine subjektorientierte Bildung; und sie braucht notwendig das persönliche Weltwissen und Gestaltungskönnen ihrer jungen Akteure, sonst entsteht nicht das Einzigartige, sonst gerät nichts in Bewegung, sonst bleiben der Prozess und das Endprodukt – Proben, Skizzen, Aufführung, Ausstellung – schal und austauschbar, dann geschieht keine Bildung.

Wie wollen wir leben?

Die Kernfrage, welche die kulturelle Bildung nicht allein beantworten kann, ist: Wie wollen wir leben? Aber diese Frage ist grundsätzlich Kern kultureller Bildung. Wer sich selbst gestalterisch, aber auch rezeptorisch mit Kunst auseinandersetzt, verhandelt Fragen ans Leben. Die Kunst in der Bildung ist ein Kommunikationsraum, ein Gestaltungsfeld für Experimente, ein Selbstbildungslabor. Und natürlich hat klassische wie zeitgenössische Kunst ebenso Raum im "Brennpunktprojekt" wie klassische und zeitgenössische Populärkulturen im "Bildungsbürgerprojekt".

Aktuell machen sich zahlreiche Kultureinrichtungen auf den Weg, sich neuen Zielgruppen zuzuwenden und Dialoge zwischen unterschiedlichen sozialen und kulturellen Milieus zu moderieren. Soll dieser Prozess tatsächlich langfristig der Öffnung und Zugänglichkeit, aber auch der Innovation von Kultur und Gesellschaft dienen, ist der Blick auf die Menschen, die diese Zugänge nutzen sollen, entscheidend.


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