kulturelle Bildung

10.12.2010 | Von:
Max Fuchs

Kulturpolitik in Zeiten der Globalisierung

Wir leben im Zeitalter der Globalisierung. Für die Kulturpolitik stellt diese Tatsache eine besondere Herausforderung dar. Sie muss die ökonomischen Rahmenbedingungen sichern und zugleich die eigenen kulturellen Traditionen betonen. Ob der Ausbau regionaler und nationaler Kulturwirtschaften hier Abhilfe schafft, wird sich erst noch zeigen müssen.

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Ein Politikfeld auf der Suche nach seinem Gegenstand

Wirtschaftspolitik versucht, die Wirtschaft zum Florieren zu bringen; Finanzpolitik bemüht sich um die Füllung der öffentlichen Kassen. Doch um was kümmert sich die Kulturpolitik?[1] Offenbar muss es sich um "Kultur" handeln. Wie schwierig dieser Begriff zu fassen ist, wird immer wieder durch die Aufzählung völlig unterschiedlicher Begriffskombinationen illustriert wie etwa Unternehmenskultur, Kulturhauptstadt, Kulturbeutel. Was Letzteren betrifft: Die Hygiene und Kosmetik kann als Teil einer "Selbstsorge" - durchaus im Sinne der alten Griechen - verstanden werden.[2] Man möchte gepflegt in Erscheinung treten. Pflege, man erinnere sich, ist jedoch der Ausgangspunkt von Kultur: die Analogie zwischen der cultura agri (Landwirtschaft) und der Pflege des Geistes, der cultura animi, in den tusculanischen Schriften von Cicero. Kultur ist also nicht bloß Pflege schlechthin, sondern genauer die Pflege und Gestaltung einer Lebensweise, die man in einer überlegten Art - also "kultiviert" - vollzieht.

Kultur ist, wie der Mensch lebt und arbeitet, so hieß es schon bei Bert Brecht. Und über die geeignete Art und Weise dieses Lebens und Arbeitens denkt zumindest der moderne Mensch ständig nach. Denn spätestens seit der Entdeckung der Individualität in der Renaissance ist die Eigenverantwortlichkeit des Individuums bei der Gestaltung seines Lebens ein Kennzeichen unserer Gesellschaft: Es ist die zentrale Bildungsaufgabe des Menschen. Kultur ist Lebensweise, Lebensweise ist eine Bildungsaufgabe, Kultur und Bildung hängen also aufs Engste zusammen. In der Tat befinden wir uns hier im Begriffskosmos sowohl der UNESCO als auch der deutschen kulturpolitischen Reflexion seit den 70er-Jahren. Denn "Kultur" ist dort der gesamte Komplex unterschiedlicher spiritueller, materieller, intellektueller und emotionaler Ausdrucksformen, die eine Gesellschaft oder eine soziale Gruppe kennzeichnen. Sie schließt nicht nur die Künste und Literatur, sondern auch die Weisen des Lebens, die fundamentalen Menschenrechte, Wertesysteme, Traditionen und Glaubensrichtungen ein. Dies ist er also, der oft bemühte - und häufig kritisierte - "weitere Kulturbegriff" der UNESCO.[3]

Kulturpolitik in diesem Sinne hat es zu tun mit allen Problemen und Entwicklungstrends, die unsere Gesellschaften berühren, ist also Gesellschaftspolitik. Dies gilt insbesondere für die Globalisierung, die von den einen euphorisch begrüßt, von anderen dagegen mit größter Sorge beobachtet und von Einzelnen sogar vehement bekämpft wird. Denn die Internationalisierung der Finanzmärkte sowie die internationale Vernetzung der Ökonomie gehen einher mit Prozessen der politischen, sozialen und kulturellen Vernetzung.[4]

Die so genannte Kulturwirtschaft gerät dabei als Erstes in den Blick. Denn entsprechend der expansiven Marktlogik ist es insbesondere die englischsprachige Musik- und Filmindustrie, die mit wenigen Global Playern riesige Marktanteile erobert hat und mit ihren marktschnittigen Kulturwaren weltweit präsent ist. Legt man zudem den weiten Kulturbegriff zu Grunde, betrachtet also insbesondere die Lebensweise als Teil von Kultur, dann sind es nicht nur die Kulturwaren, sondern eben auch alltägliche Konsumgegenstände mit ihrem Einfluss auf die Lebensweise - also die Nahrungsaufnahme und die vielfältigsten Konsumwaren in ihren ausgetüftelten Erscheinungsformen -, von denen Globalisierungsskeptiker oder -kritiker sagen, dass sie den lokalen und regionalen kulturellen Ausdruck (de)formieren.[5] Eine Kulturpolitik als Gesellschaftspolitik auf der Basis des weiten Kulturbegriffs muss sich dabei angesprochen fühlen, wenn es um die Globalisierung geht.

Auf der konzeptionellen und theoretischen Ebene wird Kulturpolitik als spezifisches Gestaltungsfeld zumindest in Konturen greifbar. Doch entspricht dieses Bild auch der alltäglichen Realität in den Kulturausschüssen der Kommunen, der Landtage oder des Bundestages? Stehen die "Lebensweisen" im Kontext gesellschaftlicher Entwicklungen wirklich auf der Agenda der Kulturverbände? Vermutlich zeichnet man kein Zerrbild dieser Akteure, wenn man diese Fragen vorsichtig verneint. Denn der Alltag kulturpolitischer Debatten wird sehr stark von Finanzierungsfragen geprägt: Es wird über Rahmenbedingungen gesprochen, über Strukturen, Haushalte, Urheber- und Verwertungsrechte, über die Künstlersozialkasse. Kulturpolitik ist in der Praxis auf Bundesebene sehr stark kulturelle Ordnungspolitik, auf Landes- und kommunaler Ebene überwiegend Kulturförderpolitik und in Verbänden Interessenpolitik für die jeweilige Berufsgruppe oder für die betreffenden Kultureinrichtungen.

Kulturpolitik kommt in der Praxis also überwiegend pragmatisch daher, die theoretischen Höhenflüge der Kultur(politik)theorie müssen praktisch umgesetzt werden: Einrichtungen mit ihren Arbeitsplätzen müssen erhalten werden, Künstler/-innen ohne Ängste alt werden können. Es kann jedoch auch die Suche nach neuen Geldquellen durchaus zu gesellschaftspolitisch ambitionierten Diskursen führen. Denn die Säulen der Kultur(förder)politik, von denen man heute spricht (öffentliche Kulturförderung, Kulturförderung der Wirtschaft, private Kulturausgaben und neuerdings vermehrt Stiftungen) haben sehr viel damit zu tun, welche Rolle dem Staat, der Wirtschaft und dem bürgerschaftlichen Engagement des Einzelnen in der Gesellschaft zukommt. Selbst eine noch so pragmatische kulturelle Ordnungspolitik wird sich den Diskursen über den sozialen, ökonomischen, politischen und kulturellen Wandel stellen müssen, weil hier neue Rahmenbedingungen geschaffen werden, die auch für den Kulturbereich relevant sind. Man kann sogar die These aufstellen, dass eine bloß pragmatische Kulturpolitik zur Zeit an ihr Ende zu kommen scheint, weil sie nicht mehr genügend Überzeugungskraft angesichts stark wachsender Legitimationsanforderungen entfaltet. Ich will daher zumindest einige Hinweise auf mögliche Begründungen von Kulturpolitik geben und dabei Ergebnisse der kulturellen Ordnungspolitik der letzten Jahre vorstellen.

Fußnoten

1.
Vgl. Armin Klein: Kulturpolitik. Wiesbaden 2005 sowie Max Fuchs: Kulturpolitik. Wiesbaden 2009.
2.
Diesen Begriff hat Michel Foucault zum Gegenstand seiner letzten Werke gemacht. Siehe auch Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (Hg.): Lernziel Lebenskunst. Remscheid 1999. Als Überblick über verschiedene Zugänge zu "Kultur" siehe Max Fuchs: Kultur macht Sinn. Wiesbaden 2008.
3.
Zur Kulturdiskussion innerhalb der UNESCO vgl. die seit 1998 erscheinenden Weltkulturberichte, zuletzt UNESCO: Investing in Cultural Diversity and Intercultural Dialogue. Paris 2009. Aufschlussreich sind auch bei diesem Thema die Formulierungen in einschlägigen Konventionen, zuletzt die Konvention zur kulturellen Vielfalt: Deutsche UNESCO-Kommission: Übereinkommen über Schultz und Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen. Bonn 2006.
4.
Nach wie vor brauchbar ist Ulrich Beck: Was ist Globalisierung? Frankfurt/M. 1998.
5.
Eine differenzierte Sicht vertreten Johanna Breidenbach und Ina Zukrigl: Tanz der Kulturen. Kulturelle Identität in einer globalisierten Welt, Reinbek 2000. Siehe auch die Beiträge zur kulturellen Globalisierung in Heft B12/2002 dieser Zeitschrift.

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Ungeachtet der Bedeutung neuer digitaler Entwicklungen spielt auch der Film als historisch gewachsene und nach wie vor sehr massenwirksame Kunstform eine zentrale Rolle für die Medienbildung. Die Frage nach dem Wie und Warum filmischer Darstellungformen ist dabei wesentlich für eine mündige Rezeption und sachkundige Einordnung der dargebotenen fiktionalen wie auch dokumentarischen Stoffe. Jeder Film spiegelt stets seine sozialen und kulturellen Kontexte wider. Daher ist es wichtig, das Medium nicht nur als mehr oder minder künstlerisch ambitioniertes Unterhaltsprodukt zu betrachten, sondern sich immer auch kritisch mit seinen offenen und verborgenen politisch-ideologischen Botschaften auseinanderzusetzen - und der Art und Weise, wie sie vermittelt werden.

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