kulturelle Bildung

13.12.2010 | Von:
Martina Bracke

Kommunales Gesamtkonzept: Erfolgsmodell Dortmund

Interview mit Martina Bracke vom Kulturbüro

Bereits zweimal war Dortmund mit seinem Kommunalen Gesamtkonzept Kulturelle Bildung Preisträger des Landes Nordrhein-Westfalen. Dieser Erfolg sei kontinuierlichen Strukturen zu verdanken, die Künstlerinnen und Künstlern ermöglichen, sich zu vernetzen, so Martina Bracke. Außerdem sei die Qualität der Erzieher-/innen-Ausbildung sehr wichtig.

Die 2. Etage der Dortmunder U, einer ehemaligen Bierbrauerei, wird zum Zentrum für kulturelle Bildung ausgebaut. Foto: ullstein bild - Imagebroker.netDie 2. Etage der Dortmunder U, einer ehemaligen Bierbrauerei, wird zum Zentrum für kulturelle Bildung ausgebaut. (© ullstein bild - Imagebroker.net)
Dortmund gehört zu den Kommunen in Nordrhein-Westfalen, die zweimal hintereinander einen Preis des Landes beim Wettbewerb "Kommunale Gesamtkonzepte für kulturelle Bildung" erhalten haben. Auf welcher Idee basierte das Ursprungskonzept aus dem Jahr 2007?

Martina Bracke: Kulturelle Bildung hat in Dortmund eine lange Tradition und schon immer stattgefunden. Die Erfassung all dieser Ansätze und Initiativen war eine Basis für das erste Kommunale Gesamtkonzept. Eine wichtige Konsequenz war die Einrichtung der Kontaktstelle Kulturelle Bildung im Jahr 2008, für die im Kulturbüro Dortmund aus eigenen Mitteln eine neue Stelle geschaffen wurde. Mit den damals vorhandenen Kapazitäten allein wäre das auch nicht zu schultern gewesen. Die Kontaktstelle hat dann begonnen, Strukturen zu schaffen, aus denen heraus man möglichst viel erreichen konnte. Dabei ging es auch um die Verstärkung des Informationsaustausches und eine optimierte Vernetzung von bereits bestehenden Angeboten. Für Dortmund bedeutet das Arbeit auf verschiedenen Ebenen: in einem Steuerungskreis, bestehend aus städtischen Vertretern wie den Leiterinnen und Leitern des Jugendamtes, der Schulverwaltung, des Kulturbüros, von FABIDO, gemeint sind "Familienergänzende Bildungseinrichtungen für Kinder in Dortmund", und des Familienprojektes, das unter anderem mit der Gestaltung des Offenen Ganztages befasst ist. In all diese Bereiche spielt kulturelle Bildung hinein. Den Steuerungskreis berät ein Beirat, bestehend aus städtischen, nicht-städtischen und freien Vertreterinnen und Vertretern, die in ihrer täglichen Praxis mit kultureller Bildung zu tun haben, wie etwa Museums-, Theater-, Musik- und Tanzpädagoginnen und -pädagogen aus den Kulturinstitutionen. Weiterhin gibt es einen regelmäßigen "Künstler-Jour-fixe", der ursprünglich aus dem Künstlerpool des Landesprogramms "Kultur und Schule" entstanden ist.


War viel Überzeugungsarbeit notwendig, um diese Akteure zusammenzubringen?

Martina Bracke: Eigentlich nicht. Für viele war es total klasse, sich im großen Kreis zu treffen und überhaupt erst einmal kennenzulernen. Wir versuchen heute in unseren Sitzungen eine Schwerpunktsetzung anzubieten, damit sich Institutionen mit ihren Ideen und Ansätzen vorstellen können und eventuell schon vor Ort Kooperationspartner finden.

Wie lange hat der Aufbau der Strukturen gedauert?

Martina Bracke: Die Konkretisierungsphase des ersten Konzeptes dauerte etwa sechs bis acht Monate – Zeit, die man benötigt, um sich einen Überblick zu verschaffen und die wichtigen Akteure ins Boot zu holen. Dabei war die Durchführung eines Pilotprojektes im Dortmunder Stadtbezirk Hörde hilfreich, anhand dessen alle Akteure sehen konnten, wie sinnvoll und effektiv die Vernetzungsprozesse sind. Die Kooperation von Schulverwaltungsamt, Bezirksvertretung und Kulturbetrieben war ausgesprochen erfolgreich. Gemeinsam haben wir verschiedene Projekte ermöglicht, aus denen teilweise noch mehr entstand. Beispielsweise organisierte eine Schule eine ganze künstlerische Projektwoche, weil das Lehrerkollegium es schade fand, dass "nur" sechzig Kinder mit den Künstlerinnen und Künstlern im Projekt arbeiten konnten. So haben alle anderen mit ihren Lehrerinnen und Lehrern künstlerisch gearbeitet.

Auf der Akteursebene funktioniert die Vernetzungsarbeit erfahrungsgemäß gut. Wie unterstützt jedoch die Politik in Dortmund die nachhaltige Verankerung kultureller Bildung?

Martina Bracke: Kulturelle Bildung ist in Dortmund auch politisch gewollt. Zur Konkretisierung und Weiterentwicklung des Dortmunder Ansatzes sind von Anfang an die vielen Akteure auf der Verwaltungsebene in die Abstimmungsprozesse einbezogen worden. Unsere Erfolge und die lange Tradition der Arbeit haben dazu geführt, dass alle Gremien unsere Berichte und Anträge wohlwollend "durchwinken". Das bestätigt uns natürlich in unserer Arbeit, die für die nächsten Jahre sichergestellt ist.

Dortmund hat aus dem Gesamtkonzept einen Teilbereich intensiv weiterentwickelt. Es geht um frühkindliche kulturelle Bildung. Hierbei fördert Dortmund insbesondere die Ausbildung der Erzieherinnen und Erzieher und hebt sich durch diesen besonderen Ansatz von vielen anderen Konzepten in Nordrhein-Westfalen ab. Welche Überlegungen liegen dem zugrunde?

Martina Bracke: Wir haben das bei einem Arbeitsgespräch im Rahmen von "Eurocities", bei dem ich die Dortmunder Ansätze vorstellen konnte, "to educate the educators" genannt. Damit greifen wir einen Ansatz aus unserem Ursprungskonzept im Jahr 2007 auf. Eine elementare Frage kristallisierte sich heraus: Wer beschäftigt sich überhaupt mit den Kindern ab drei Jahren, und wer sind neben den Eltern die wichtigen Bezugspersonen? Dann entschieden wir zu schauen, was diese Personen, also Erzieherinnen und Erzieher, mitbringen und ob sich innerhalb ihrer Ausbildung kulturelle Bildung noch stärker ins Bewusstsein rücken lässt. Es ist in langfristiger Perspektive gelungen, in Kooperation mit dem Gisbert-von-Romberg-Berufskolleg die Ausbildung der Erzieherinnen und Erzieher durch die Schwerpunktsetzung "Kulturelle Bildung" zu erweitern. Dazu haben wir einen mündlichen Kooperationsvertrag geschlossen. Die Zusammenarbeit mit den Lehrern und Lehrerinnen vor Ort basiert auf Vertrauen, beiderseitigem Engagement und dem gemeinsamen Ziel. Diese Kooperation läuft so gut, dass auch schon andere Berufskollegs bei uns angefragt haben.

Auf welche Herausforderungen sind sie innerhalb dieses Prozesses gestoßen?

Martina Bracke: Es musste gemeinsam mit dem Berufskolleg eine neue Struktur innerhalb des bestehenden Curriculums entwickelt werden, die zusätzlich qualifiziert und auf die praktische Arbeit vorbereitet. Neben Workshops und Theorieblöcken – mit Klausur! - entwickeln die angehenden Erzieher und Erzieherinnen eigene kulturelle Projekte und besuchen Dortmunder Kulturinstitutionen. Am Ende steht ein Zertifikat, das wir im Juli 2010 zum ersten Mal in einer Feierstunde übergeben konnten - unter Teilnahme des potentiellen Arbeitgebers FABIDO, um die Wichtigkeit dieser Arbeit auch mit Blick auf den Arbeitsmarkt zu unterstreichen.

Das Teilkonzept für den Elementarbereich stützt sich im Wesentlichen auf drei Säulen. Dies ist zum einen die Ausbildung der Erzieherinnen und Erzieher durch die Initiierung von Kooperationen und die Vernetzung von Multiplikatoren. Zum Zweiten investieren wir in die Fortbildung von Erziehern und Erzieherinnen, die sich bereits im Arbeitsleben befinden. Hier können wir Interessierten die Modulausbildung zur "Fachkraft für kulturelle Frühförderung" anbieten – entwickelt und durchgeführt vom balou e.V., einer Dortmunder Jugendkunstschule und Weiterbildungseinrichtung. Bei der dritten Säule liegt das Augenmerk auf der Bereicherung der Kulturangebote der Kindertagesstätten. Ähnlich dem Projekt "Kultur und Schule" könnte man es in Dortmund "Kultur und Kita" nennen, Künstlerinnen und Künstler führen Projekte in Kindertagesstätten durch.

Einen wesentlichen Aspekt in der Fortschreibung des Kommunalen Gesamtkonzeptes stellt das Dortmunder U dar. Seit Mai dieses Jahres ist das Zentrum für Kultur und Kreativwirtschaft geöffnet und Teil eines architektonischen und kulturellen Knotenpunktes. Welche neuen Aufgaben kommen auf Sie zu?

Martina Bracke: Im Dortmunder U werden wir eine große Plattform für das Thema haben. Die zweite Etage wird zum "Zentrum für kulturelle Bildung" ausgebaut. Das Kulturbüro Dortmund trägt laut Ratsbeschluss die Koordinationsverantwortung für das Zentrum, doch durch die enge Zusammenarbeit mit den im U angesiedelten Kulturinstitutionen wie dem Museum Ostwall, dem Hartware Medienkunstverein, der Fachhochschule Dortmund, der Technischen Universität Dortmund und des European Centre for Creative Economy (ECCE) sind auch diese in ihrer Arbeit zu dem Thema noch gestärkt. Auch mit Kooperationspartnern außerhalb des Hauses werden wir zusammenwirken. Kulturelle Bildung ist an dieser Stelle wiederum ein Querschnittsthema.

Das Dortmunder U übernimmt die Aufgaben eines außerschulischen Lernortes und bietet sich für interdisziplinäre Kooperationen zum Beispiel mit Schulen an. Wir wollen möglichst viele Schulklassen Dortmunds in das U lotsen, bieten Werkstätten, Präsentationsflächen und offene Kreativräume an. Das Dortmunder U wird lokal bis international arbeiten. Im Bereich der kulturellen Bildung wird auch Forschung ein Thema sein.

Ganz konkret wollen wir auf jeden Fall unsere Projekte wie den "Big Spot", eine Präsentationsplattform für die Ergebnisse aus dem Landesprogramm "Kultur und Schule", und die Kita-Projekte fortsetzen und durch unsere Angebote Chancen für Menschen im Übergang zum Beruf aufzeigen.

Wie gelingt es in Dortmund, die Querschnittsthemen "Interkultur", "Integration" und "demografischer Wandel" mit kultureller Bildung zu verknüpfen?

Martina Bracke: Wir haben einen Schwerpunkt für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von drei bis 25 Jahren gesetzt, gleichzeitig ist uns der demografische Wandel bewusst, und kulturelle Bildung hört mit 25 nicht auf. Ein Seniorentanzprojekt haben wir schon gefördert, zusammen mit dem Ballett Dortmund.

Das Kommunale Gesamtkonzept zur kulturellen Bildung ist immer auch verknüpft mit dem Handlungskonzept "Interkultur", das das Kulturbüro Dortmund erarbeitet hat, ebenso mit dem Aktionsplan "Soziale Stadt". Interkulturelle Projekte haben in Dortmund Tradition, gleichzeitig legen wir Wert darauf, dass nicht nur Projekte in einem Stadtteil, zum Beispiel der Nordstadt, gefördert werden, sondern dass in Dortmund kulturelle Bildung flächendeckend angeboten wird. Eine große Chance liegt auch hier in der Ausbildung der Erzieherinnen und Erzieher. Besonders diejenigen mit Wurzeln in Ländern wie etwa Russland oder der Türkei können ihre interkulturellen Erfahrungen einbringen und bereichern die Angebote.

Welche Perspektiven sehen Sie für die Arbeit nach dem Kulturhauptstadtjahr 2010?

Martina Bracke: Zu den Themen der Berufsförderung und Wirtschaftsförderung gibt es bereits eine ganze Reihe von Ideen, die wir nach dem Einzug in das Dortmunder U in Kooperationen weiterentwickeln werden. Da gibt es eine Menge zu tun. Wir wollen unsere Kita-Projekte ausbauen und den Kindern noch mehr Möglichkeiten geben, um ihre Ergebnisse zu zeigen und aufzuführen. Das macht sie unheimlich stolz und bleibt lange in Erinnerung. Die Potentiale der kulturellen Bildung sind in Dortmund erkannt worden, und wir können uns auf den politischen Rückhalt verlassen. Für die kulturelle Bildung geht es auf jeden Fall weiter.

Die Fragen stellte die Kulturwissenschaftlerin Anja Herzberg, die als Kulturmanagerin und freiberufliche Journalistin arbeitet. Sie war im Jahr 2009 selbst Preisträgerin beim Landeswettbewerb "Kommunale Gesamtkonzepte für kulturelle Bildung" und war in Nordrhein-Westfalen als Beraterin für Kommunen zum Thema "Kulturelle Bildung" tätig.


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