kulturelle Bildung

13.12.2010 | Von:
Andreas Joh. Wiesand

Kultur- oder Kreativwirtschaft: Was ist das eigentlich?

Der Kultur- oder Kreativsektor in Deutschland umfasst alle mit Kultur und Medien im weiteste Sinne verbundenen Aktivitäten. Privatwirtschaftliche, öffentliche und informelle Angebote mit ihren unterschiedlichen Zielvorstellungen, Maßstäben und Problemen sollten dabei – auch zum Schutz einer bislang noch vielfältigen kulturellen Öffentlichkeit – differenziert betrachtet werden.

Kunstcontainer Foto: www.photocase.deKunstcontainer (© Photocase / jotpunkt)

Einleitung

Kulturwirtschaft? Nein, "Creative Industries" ist doch inzwischen der angesagte Begriff - und auch in Mitteleuropa schon Gegenstand eigener "Kreativwirtschaftsberichte". [1] Warum halten wir uns dann nicht gleich an den immer noch einflussreichen amerikanischen Guru Richard Florida, der seine ökonomischen Theorien zum Beschäftigungswachstum wirkungsvoll als Aufstieg einer neuen, "kreativen Klasse" inszeniert?[2]


Haben sich Florida und andere vielleicht sogar vom Yoruba-Gott OGUN inspirieren lassen, den der nigerianische Schriftsteller Wole Soyinka 1986 in seiner Rede zur Verleihung des Literatur-Nobelpreises als Hüter der Kreativität herausstellte? In der Interpretation von Soyinka ist OGUN, wie wir heute sagen würden, eine Art "Manager der Kreativität", der die Welt der Ahnen mit den Welten der Lebenden und der Ungeborenen verbindet, ständig für neue Interaktionen und Realitäten sorgt - ein Vorbild für unseren aktuellen Hunger nach Kreativität.

Eine neue "kreative Klasse"?

Das Kernargument von Florida ist von eher schlichter Natur: Seit es mit traditionellen Industriezweigen bergab geht, sei die "creative economy" mit einer neuen Klasse von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern dabei, ihren Platz zu übernehmen. Florida definiert diese "kreative Klasse" (die in den USA nach seiner Einschätzung bereits 30 Prozent der Erwerbstätigen ausmacht) als ein weites Spektrum qualifizierter Berufe: von Fachleuten in Technik und Naturwissenschaften über höhere Positionen im Handels- und Finanzsektor bis hin zu Beschäftigungen in der akademischen und öffentlichen Verwaltung sowie in Bereichen der Justiz und öffentlichen Sicherheit. Natürlich finden sich auch Künstlerinnen und Künstler und andere Kulturberufe in dieser Auswahl - die laut Florida besonders wichtige Gruppe der "Bohemiens"; sie sollen den Städten und Regionen der westlichen Welt in ihrem wirtschaftlichen Konkurrenzkampf den nötigen innovativen Kick geben. Aber ist ein derart breiter Berufemix überhaupt aussagekräftig?

Floridas Konzept enthält - ähnlich wie andere Theorien zur wirtschaftlichen Entwicklung [3] - statistische Indikatoren. Dies hat den Vorteil, dass man das Konzept empirisch "testen" kann, was auch bereits in verschiedenen Regionen geschehen ist. Dabei zeigt sich:

Manche von Floridas Argumenten werden etwa in einer niederländischen Studie [4] bestätigt, so vor allem die These, dass es zur Stimulierung des Wirtschaftswachstums weniger darum gehe, "welche oder wie viel Bildung Menschen mitbringen, sondern wo sie tatsächlich arbeiten". Abgesehen von Amsterdam bezweifelten die holländischen Forscher jedoch, dass dieses Wachstum "irgend etwas mit der Bohème oder einer anderen kreativen Gesinnung zu tun hat, die über soziale Interaktion hinausgeht". Stattdessen betonen sie einen Punkt, der von Richard Florida eher vernachlässigt wird, dafür in früheren Theorien über das "Humankapital" stärker im Vordergrund stand: "Urbane Vorzüge - wie beispielsweise Kulturangebote, eine ästhetisch schöne Umgebung und in Holland besonders auch die vielen historischen Bauten - machen Städte speziell für die 'kreative Klasse' attraktiver."

Doch es fehlt auch nicht an kritischen Stimmen zu Florida und seinen Ideen. Von überbewerteten Korrelationen war die Rede, von einer unsachgemäßen Definition der Beschäftigungskategorien oder vom Gebrauch veralteter Zahlen aus Zeiten des dotcom-Booms vor seinem Zusammenbruch. Der Ökonomin Ann Daly zufolge besteht das Problem solch verallgemeinernder Theorien darin, "dass sie eine auf alles passende Patentlösung anbieten, wo es den einzigen Index, die einzige Berechnung, den Königsweg nicht geben kann. Unsere Welt ist dafür zu komplex und ihr Wandel zu schnell." [5] Dennoch räumt sie ein, dass Floridas Glaube an die Kreativität als Motor wirtschaftlichen Wachstums zumindest "die Basis für eine ernsthafte öffentliche Debatte über kulturelles Wachstum" erweitert hat, in der es unter anderem darum gehen müsste, Forschungsdaten zum Kreativsektor besser in politische Konzepte zu übersetzen. Wichtig sind Daly aber vor allem Strukturfragen [6]: "Wir haben erst begonnen zu fragen: Was brauchen Künstler? Die Ära großer Firmengründungen ist um; die Zukunft gehört den Netzwerken. Subventionsgeber sind out, jetzt geht es um Infrastrukturen."

Fußnoten

1.
Vgl. arge creativ wirtschaft austria, Dritter Österreichischer Kreativwirtschaftsbericht, Wien 2008.
2.
Richard Florida, The Rise of the Creative Class - and how it's transforming work, leisure, community and every day life, New York 2002; ders., The Flight of the Creative Class, New York 2004.
3.
Vgl. den Überblick zum "Humankapital"-Ansatz von Vijay K. Mathur, Human-capital-based strategy for regional economic development, in: Economic Development Quarterly, XIII, (1999) 3.
4.
Vgl. Gerard Marlet/Clemens van Woerkens, Skills and Creativity in a Cross-section of Dutch Cities, Stichting Atlas voor gemeenten, Utrecht School of Economics, Universität Utrecht, Discussion Paper Series 04 - 29, 2004.
5.
Ann Daly, Richard Florida's High-class Glasses, in: Grantmakers in the Arts Reader, Sommer 2004.
6.
Fragen dieser Art mögen für amerikanische Ökonomen ungewohnt sein. In Europa stellte man sie in Abhandlungen und empirischen Untersuchungen seit den 70er Jahren (z.B. in Frankreich, Deutschland, den Niederlanden, der Schweiz und Schweden), und sie waren Teil des vom Europarat in den 80er Jahren initiierten Programms der National Cultural Policy Reviews.

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