kulturelle Bildung
10.3.2011 | Von:
Shermin Langhoff

Die Herkunft spielt keine Rolle - "Postmigrantisches" Theater im Ballhaus Naunynstraße

Interview mit Shermin Langhoff

Das Berliner Ballhaus Naunynstraße macht seit 2008 erfolgreich "postmigrantisches" Theater. Was es damit auf sich hat und wie kulturelle Bildung langfristig zur Veränderung der Wahrnehmungen einer Gesellschaft beitragen kann, erklärt die künstlerische Leiterin Shermin Langhoff.

Im Rahmen der "Akademie der Autodidakten" spielen Jugendliche aus dem Kiez "Ferienlager – Die 3. Generation" im Ballhaus Naunynstraße in Kreuzberg. Die Texte für das Stück, das zu Gastspielen in München, Hamburg und New York war, haben sie selbst geschrieben.Im Rahmen der "Akademie der Autodidakten" spielen Jugendliche aus dem Kiez "Ferienlager – Die 3. Generation" im Ballhaus Naunynstraße in Kreuzberg. Die Texte für das Stück, das zu Gastspielen in München, Hamburg und New York war, haben sie selbst geschrieben. (© MAI.FOTO/ Ute Langkafel)

Obwohl sich viele gesellschaftliche Bereiche für interkulturelle Einflüsse öffnen, ist diese Entwicklung im Theaterbereich derzeit noch wenig erkennbar. Was läuft da falsch?

Anders als in Großbritannien oder Frankreich ist es in Deutschland alles andere als selbstverständlich für Menschen, die nicht von deutschen Vorfahren abstammen, als Teil des öffentlichen Lebens wahrgenommen zu werden. Theaterkünstler mit so genanntem Migrationshintergrund sind immer noch eine Ausnahme. Natürlich erschwert diese Ausgangslage die künstlerische Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlichen Konfliktfeld, das um die politischen Kampfbegriffe "Migration" und "Integration" entstanden ist, ungemein.


Es gibt kaum dramatische Texte, die Geschichten, Erfahrungen und Diskurse auf diesem Feld narrativ beschreiben und ideologiekritisch reflektieren könnten. Der Ist-Zustand zementiert die Wahrnehmung als "Andere" leider öfter, als er sie bricht. Wo der Themenkomplex Migration nicht per se ausgespart wird, erfolgt oft eine sensationalistische Verwertung von Klischees. Die Figur des Migranten oder der Migrantin wird quasi bauchrednerisch von weißen, bio-deutschen Sprechern geführt und höchstens durch Verwendung von Darstellern mit dem "richtigen" Hintergrund authentifiziert.

Diese Zustände sehe ich allerdings nicht als trennbar von der allgemeinen gesellschaftlichen Situation. Ja, es findet allmählich eine zögerliche Öffnung in vielen Bereichen statt; manchmal bekommt man gar den Eindruck, die Verwertung interkultureller Elemente werde als Geschäftsidee oder Modetrend verstanden. Doch zeitgleich erleben wir eine Verschärfung populistischer Diskurse und verstärkte Stereotypisierung eines regelrechten Feindbildes.

Das Ballhaus Naunynstraße macht nach eigenen Angaben "postmigrantisches" Theater. Was bedeutet dieser Begriff, und warum haben Sie ihn gewählt?

Wir haben uns das Label "postmigrantisch" gegeben, weil wir mit dem oben beschriebenen Zustand brechen wollten. Gleichzeitig geht es um Geschichten und Perspektiven derer, die selbst nicht mehr migriert sind, diesen Migrationshintergrund aber als persönliches Wissen und kollektive Erinnerung mitbringen. Darüber hinaus steht "postmigrantisch" in unserem globalisierten, vor allem urbanen Leben für den gesamten gemeinsamen Raum der Diversität jenseits von Herkunft.

Das Ballhaus bietet eine Plattform vor allem für migrantische Künstlerinnen und Künstler aus der zweiten und dritten Generation. Im November 2008 wurde es durch den von Ihnen initiierten Verein "kulturSPRÜNGE", ein Netzwerk von Kulturschaffenden der zweiten und dritten Migranten-Generation, wiedereröffnet. Sie wurden künstlerische Leiterin. Vorher haben Sie am HAU-Theater in Berlin gearbeitet. Warum war es für Sie notwendig, ein eigenes Theater zu gründen, das sich auf die zweite und dritte Migranten-Generation fokussiert?
Was ändert sich in ästhetischer Hinsicht, wenn Menschen mit multikulturellen Hintergründen Geschichten erzählen?


An dem riesigen Zuspruch aus ganz Deutschland und darüber hinaus sieht man, dass es höchste Zeit war. Natürlich geht es uns auch um Repräsentation jenseits des Ortes Ballhaus Naunynstraße – aber als eigenes Haus unsere Vision und unsere Geschichten zu präsentieren, als ein Knotenpunkt von Netzwerken zu fungieren: Das ist unverzichtbar. Das Haus wurde schnell zu einem Kristallisationspunkt und konnte, so hoffe ich, ein Statement von kuratorischer Signalwirkung setzen.

Unser Publikum spiegelt die soziale Struktur Kreuzbergs wider und ist definitiv heterogener und engagierter als durchschnittliches Theaterpublikum. Viele unserer Künstlerinnen und Künstler kommen aus anderen Bereichen als dem Theater oder sind genuine Autodidakten. Sie bringen natürlich auch andere Perspektiven mit. Gemeinsam suchen wir nach unserer Ästhetik und nutzen die Freiheiten, die ein eigenes, wenn auch unterfinanziertes Produktionshaus uns gibt. Vom Blickpunkt der dritten Spielzeit her kann ich sagen, dass sich das ganz gut anlässt.

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