kulturelle Bildung

10.3.2011 | Von:
Shermin Langhoff

Die Herkunft spielt keine Rolle - "Postmigrantisches" Theater im Ballhaus Naunynstraße

Interview mit Shermin Langhoff

Welche Möglichkeiten hat die kulturelle Bildung im Theaterbereich? Was kann sie zur Veränderung der Situation beitragen?

Zunächst muss man die Relationen sehen. Kulturelle Bildung richtet sich an Einzelpersonen oder sehr kleine Gruppen. Es kann nicht ihre Aufgabe sein, bildungspolitische Missstände zu bereinigen. Aber kulturelle Bildung kann sowohl die Wahrnehmung der Umwelt durch die Protagonisten verändern, als auch die Wahrnehmung der Protagonisten durch die Umwelt. Ich glaube, unsere Arbeit am Ballhaus Naunynstraße kann dazu beitragen, eine andere Sprache in der kulturellen Bildung zu finden. Sprachvielfalt halte ich für etwas grundsätzlich Positives. Sie hilft dagegen anzugehen, dass Theater im Besonderen und Kultur im Allgemeinen ein elitäres Medium für wenige, elitär geprägte Leute bleibt, das die wahren Probleme weit außen vor lässt.

Insofern knüpfen wir eigentlich auch nur an Konzepte an, die es in der aufklärerischen Moderne schon immer gegeben hat. Wir präsentieren nicht vermeintlich "authentische Konflikte" aus der so genannten "migrantischen Unterschicht" vor einem bildungsbürgerlichen Publikum, sondern zeigen, dass es eine Auseinandersetzung auf Augenhöhe geben kann und muss. Damit wird Theater zu einem Medium von und für Menschen, die als Marginalisierte wahrgenommen werden und es oft auch sind.

Der Schwerpunkt des Online-Dossiers, in dem dieses Interview erscheint, trägt den Namen "Interkulturelle kulturelle Bildung". Würden Sie das Engagement des Ballhauses im Bereich der kulturellen Bildung als "interkulturell" bezeichnen?

Ungern. Das setzt doch eine Situation voraus, in der zwei oder mehr voneinander völlig getrennte und innerlich homogene "Kulturen" einander gegenüberstehen – sagen wir eine abendländische und eine orientalische - und mühsam Beziehungen knüpfen. Das hat nichts mit der Realität Europas und der Bundesrepublik im 21. Jahrhundert zu tun. Kein Mensch, den ich kenne, gehört einem einzigen, geschlossenen Kulturraum an. Unser wirkliches Leben ist schon längst transkulturell und translokal, und zwar jenseits von Herkunft. Uns ist es vielmehr ein Anliegen, die Selbstverständlichkeit von Hybridität und Transkulturalität zu feiern und durchzusetzen.

Deshalb habe ich das Konzept "Beyond Belonging" geprägt: Wir müssen lernen, uns jenseits von Zugehörigkeiten und Herkunft zu artikulieren. Wenn überhaupt müsste kulturelle Bildung in einem Land wie dem unsrigen heute auch ohne Benennung doch per se interkulturell sein und verstanden werden.

Birgt die Förderung von Jugendlichen mit migrantischem Hintergrund nicht die Gefahr, als soziokulturelle "Integrationshilfe" abgestempelt zu werden und so von den etablierten Institutionen im Kulturbereich nicht ernst genommen zu werden?

Dies ist in der Tat oft der Fall. Wir können lediglich darauf hinweisen, dass diese Wahrnehmung mehr über die Betrachter aussagt als über unsere Arbeit. Allerdings ist sie meiner Erfahrung nach eher in Theater- und Kunstvermittlungskreisen dominant, während in den kulturpolitischen Gremien durchaus progressivere Positionen vertreten sind. Diese werden natürlich bestärkt durch die wachsende Aufmerksamkeit, die unser Haus als Theater genießt. Noch vor ein, zwei Jahren haben Entscheidungsträger oder Multiplikatoren uns durchaus mal als "Stadtteilkulturzentrum" bezeichnet oder mit dem gegenüberliegenden "Jugendzentrum" verwechselt.

Sind Begriffe wie Integration und Multikulturalismus aus Ihrer Sicht überholt, wie es beispielsweise der Migrationsforscher Mark Terkessidis in seinem Buch "Interkultur" ausführt?

Ich wünsche ihm viele Leserinnen und Leser. Integration ist definitiv nicht unser Anliegen, eher schon Desintegration. Theater muss doch Vielfalt, individuelle Wahrnehmungen und autarke Ausdrucksformen fördern statt Unterordnung unter eine hegemoniale Ideologie. Multikulti konstruiert heute oft eine essentialistische Andersheit und fordert eine falsche Homogenität. Im schlimmsten Falle bestimmen weiße, bio-deutsche Entscheidungsträger per Förderung oder politischer Protegierung, wer für eine Community sprechen darf und wer nicht. Angesichts der demokratischen Protestbewegung in Ägypten hat Slavoj Zizek etwas Schönes gesagt, sinngemäß: "Vergesst die Vorstellung, dass wir alle so unterschiedlich seien und man eine fremde Kultur in ihrer Andersheit verstehen müsse - im Augenblick des Kampfes gegen Tyrannei haben wir alle die gleichen Interessen."

Das war auch meine Einstellung, als ich als junges Mädchen in Nürnberg aufwuchs: In erster Linie ging es darum, welche politische Einstellung man hatte und nicht, ob man Grieche, Türke, Kurde, Deutscher oder Palästinenser war. Multikulti war, ohne benannt zu werden, selbstverständlich. Als politisches Programm schränkt es gesellschaftliche Weiterentwicklung ein.

Andererseits stimmt ein nicht zu unterschätzender Teil der Bürgerinnen und Bürger den Thesen Thilo Sarrazins zu, der Migranten als existenzielle Gefahr für Deutschland bezeichnet. Was möchten Sie diesen Bürgern sagen?

Gar nichts. Ich sehe diese Thesen und ihre Anhänger als existentielle Gefahr für Deutschland.

Die Fragen stellte Katharina Donath, Redakteurin dieses Online-Dossiers.

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