kulturelle Bildung

20.5.2011 | Von:
Michael Wimmer

Von den Rändern ins Zentrum: Kulturelle Bildung in Europa

Bildungs- und kulturpolitische Grundlagen

Die Grundlage für diese Fördertätigkeit im Bildungsbereich schafft der europäische Referenzrahmen "Schlüsselkompetenzen für lebenslanges Lernen" [16] von 2006, der "Kulturbewusstsein und kulturelle Ausdrucksfähigkeit" als eine von acht Schlüsselkompetenzen ausweist und inhaltlich die "Anerkennung der Bedeutung des künstlerischen Ausdrucks von Ideen, Erfahrungen und Gefühlen durch verschiedene Medien, wie Musik, darstellende Künste, Literatur und visuelle Künste" zum Gegenstand hat.

Im unmittelbaren Kulturbereich kann sich die Europäische Union auf die 2007 veröffentlichte "Europäische Kulturagenda im Zeichen der Globalisierung" berufen. [17] Mit ihrer Hilfe sollen die Voraussetzungen für das Zusammenwirken der Nationalstaaten, der Akteure im Kulturbereich und der Europäischen Kommission verbessert werden.

Als kulturpolitische Schwerpunkte nennt die EU in diesem Dokument
  • die Förderung der kulturellen Vielfalt und des interkulturellen Dialogs,
  • die Förderung der Kultur als Katalysator für Kreativität im Rahmen der Strategie von Lissabon für Wachstum und Beschäftigung sowie
  • die Förderung der Kultur als wesentlicher Bestandteil der internationalen Beziehungen der Union.
Konkret angesprochen ist die kulturelle Bildungsdimension im Zusammenhang der "Förderung der Kreativität in der allgemeinen Bildung durch die Einbeziehung des Kultursektors bei der Nutzung des Potenzials der Kultur als konkretes Input/Tool für das lebenslange Lernen und durch die Förderung von Kultur und Künsten in der nichtformalen und formalen Bildung (auch Fremdsprachenerwerb)". Und auch im Rahmen der Absichtserklärung über die Intensivierung der Außenbeziehungen mit den sogenannten "Entwicklungsländern" ist von einem "Plädoyer für die Einbeziehung der Kultur in die Bildungsinhalte auf allen Ebenen" die Rede.

Verbesserung der europäischen Zusammenarbeit

Zur konkreten Umsetzung hat die EU eine "Offene Koordinierungsmethode" (OCM) gewählt, die die Errichtung dreier Plattformen zu den Themen "Intercultural Europe", "Access to Culture" und "Cultural Industries" vorsieht. Diese Plattformen dienen vor allem der kulturpolitischen Abstimmung zwischen den verschiedenen europäischen Akteursgruppen sowie der Erarbeitung von Handlungsempfehlungen.[18]

Dazu wurden insgesamt vier Arbeitsgruppen (bestehend aus nationalen Kultur- und BildungsbeamtInnen und ausgewählten VertreterInnen des Kultursektors) eingerichtet, um eine kontinuierlichere Form der transnationalen Zusammenarbeit zu gewährleisten. Diese beschäftigen sich mit "Mobility of Artists and Culture Professionals", "Cultural and Creative Industries", "Mobility of Collections" sowie mit "Synergies with Education, especially Art Education". Letztere Arbeitsgruppe ist für die kulturelle Bildung besonders relevant. Die Arbeitsgruppe hat 2010 einen Bericht [19] mit einem umfassenden Empfehlungsteil herausgegeben.

Zur Halbzeit der laufenden Verhandlungen verabschiedeten die EU-Kulturministerinnen und -minister Ende 2010 auf der Basis der bisherigen Ergebnisse der Arbeitsgruppen einen neuen EU-Arbeitsplan für Kultur für die Jahre 2011-2014. Dieser sieht neben der Fortsetzung bereits bekannter Schwerpunkte wie "Kultur- und Kreativwirtschaft", "Kulturelles Erbe, einschließlich Mobilität von Sammlungen", "Kultur und Außenbeziehungen" und "Kulturstatistiken" auch die Themen "Kompetenzen und Mobilität" sowie "Kulturelle Vielfalt, interkultureller Dialog und eine für alle zugängliche Kultur" vor. [20] Aktuell ist geplant, letzteren Schwerpunkt vor allem anhand der "Rolle der öffentlichen Kunst- und Kultureinrichtungen bei der Förderung der Zugänglichkeit von Kultur sowie der Teilhabe von mehr Menschen an Kultur" [21] abzuhandeln.

Über die aktuellen Verhandlungen im Rahmen der OCM hinausgehend hat die Europäische Union einige Informationsplattformen beauftragt, um auf diese Weise leicht verfügbare Informationen zur Entwicklung dieses noch sehr jungen Politikfeldes aufbereiten zu lassen. So hat das EU-Wissenschaftsnetzwerk Eurydice nach einem umfänglichen gesamteuropäischen Konsultationsprozess erstmalig einen Vergleich zu "Arts and Cultural Education at School in Europe" [22] herausgegeben.

Als ein Ergebnis der Konferenz "a must or a-muse" 2001 hat sich ein Europäisches Netzwerk von Kultur- und BildungsbeamtInnen gebildet, das sich in regelmäßigen Abständen zum Informations- und Erfahrungsaustausch bei der Schaffung von Synergien zwischen den nationalen Kultur- und Bildungspolitiken trifft. Die Mitglieder haben u.a. die Initiative "Community of Knowledge on Arts and Cultural Education in Europe (Comace)" [23] ins Leben gerufen. Diese Plattform enthält u.a. ein "Glossary", um ungeachtet der europäischen Vielsprachigkeit ein gemeinsames Verständnis der wichtigsten Begriffe – zumindest in Englisch, Französisch und Deutsch – herzustellen. Hinzu kommt ein "Compendium", das über die Rahmenbedingungen von "arts education" in ausgewählten europäischen Ländern informiert.

Eine andere, von Europarat und ERICarts gemeinsam betriebene Compendium-Initiative "Cultural Policies and Trend in Europe" [24] enthält in der Rubrik 8.3. ebenfalls für "arts and cultural education" relevante Inhalte und Vergleichsdaten. Nach einer ersten "European Arts Education Fact Finding Mission" ist die österreichische Forschungseinrichtung EDUCULT zur Zeit dabei, ein EU-gefördertes "European Arts Education Monitoring System" [25] mit besonderer Berücksichtigung der Bildungsaktivitäten von Kultureinrichtungen im europäischen Vergleich auf die Beine zu stellen.

Neben diesen konzeptionellen Versuchen der nachhaltigen Begründung und Vertiefung des Politikfeldes "arts education" in Europa gibt es mittlerweile eine unüberschaubare Anzahl an praktischen transnationalen Kooperationsprojekten. Als nur ein Beispiel sei das Projekt "Artists in Creative Education – Developing a European model for training artists to work with children and young people in schools" [26] herausgegriffen. Das Vorhaben startete 2009 mit Partnern aus Großbritannien, den Niederlanden, Österreich und Schweden unter Beteiligung der Länder Südosteuropas im Mai 2010. Im Zentrum steht der Austausch über die Arbeit von professionellen Künstlerinnen und Künstlern an Primarschulen in den beteiligten Partnerländern.

Vom Enthusiasmus zur Professionalisierung

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Thema "kulturelle Bildung" vorwiegend unter dem Begriff "arts education" auf europäischer Ebene angekommen ist. Konzeptionell ist der Begriff bislang nur schwach definiert. Der gemeinsame Nenner besteht im Anspruch, die Vielfalt der ästhetischen Ausdrucksformen in jegliche Form der Bildung zu integrieren und damit alle Sinne anzusprechen. Darüber hinaus existiert eine Vielzahl unterschiedlicher, zumeist historisch gewachsener Grundlegungen (in den unterschiedlichen institutionellen Ausprägungsformen wie Schule, Musik- oder Kunstschule, Jugendzentrum, Kunst- oder Kultureinrichtung) zum Teil noch recht unvermittelt nebeneinander. Die unterschiedlichen Eigenlogiken erschweren die Suche nach strukturrelevanten Gemeinsamkeiten beträchtlich. Dazu kommt ein für diesen jungen Sektor charakteristisches Fehlen verlässlicher Daten- und Faktenlagen, die die Voraussetzung für eine nachhaltige Qualitätsentwicklung wären.

War zuvor von einer strengen Trennung kultur- und bildungspolitischer Angelegenheiten auszugehen, zwischen denen "arts education" leicht verloren zu gehen drohte, zeigt sich heute eine neue politische und auch institutionelle Aufmerksamkeit gegenüber diesem jungen Politikfeld sowohl auf nationalstaatlicher als auch auf europäischer Ebene.

Und so existiert mittlerweile eine unübersehbare Anzahl von Aktivitäten und Initiativen, die mit dem Label "arts education" versehen sind. Die Besonderheit liegt darin, dass die jeweiligen Betreiberinnen und Betreiber nur wenig vernetzt und so auf das besondere Engagement der einzelnen Mitwirkenden angewiesen erscheinen.

Trotz oder gerade wegen der aktuellen Krisenerscheinungen steht zurzeit das "Window of Opportunities" für die weitere Ausgestaltung des Politikfeldes "arts education" in Europa weit offen: Die Voraussetzungen für eine nachhaltige Verbesserung der Rahmenbedingungen sind so günstig wie nie, vor allem wenn es gelingt, den Enthusiasmus mit Hilfe entsprechender Aus- und Fortbildungsangebote in professionelle Bahnen zu lenken. Dazu gehört auch, die nicht nur auf EU-Ebene dominierende euphorisch-idealistische Rhetorik so in praktische Kommunikations- und Kooperationsangebote an andere gesellschaftliche Bereiche zu übersetzen, dass diese dort verstanden und für die jeweilige Praxis genutzt werden können.

Fußnoten

16.
http://ec.europa.eu/dgs/education_culture/
publ/pdf/ll-learning/keycomp_de.pdf
17.
http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=COM:2007:0242:FIN:DE:PDF
18.
Einen Überblick über die Arbeitsweise und die bislang erarbeiteten Dokumente finden sich unter: http://ec.europa.eu/culture/our-policy-development/doc2240_en.htm
19.
http://ec.europa.eu/culture/key-documents/doc/MOCedu_final_report_en.pdf
20.
http://register.consilium.europa.eu/pdf/
de/10/st15/st15472.de10.pdf
21.
http://www.bmukk.gv.at/europa/eukultur/
kulturagenda.xml
22.
http://eacea.ec.europa.eu/education/eurydice/
documents/thematic_reports/113EN.pdf
23.
http://www.comace.org/background-of-the-project
24.
www.culturalpolicies.net
25.
http://educult.at/index.php/European-Arts-Education-M/796/0/?&L=1
26.
http://www.creativitycultureeducation.org/news
/new-european-partnership-to-
support-more-local-artists-to-work-in-primary-schools,348,AR.html
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