kulturelle Bildung

20.5.2011 | Von:
Timo Berger

Regionenbeispiel Lateinamerika: Kreativ gegen soziale Ungleicheit

Wirtschaftskrisen führten in Lateinamerika seit den 1990er-Jahren zu rapiden Verschlechterungen der staatlichen Bildungssysteme. Verlierer sind die Armen und andere marginalisierte Gruppen. Zivilgesellschaftliche Organisationen setzen diesen Entwicklungen kreative Projekte kultureller Bildung entgegen und wirken auf soziale Integration hin.

Spielaktion der Stiftung Crear vale la pena in San Roque, einem Viertel der Stadt San Isidro im Großraum Buenos Aires, Argentinien. Foto: Ernesto Van PevorghSpielaktion der Stiftung Crear vale la pena in San Roque, einem Viertel der Stadt San Isidro im Großraum Buenos Aires, Argentinien. (© Ernesto Van Pevorgh )

Einleitung

In einzelnen Ländern Lateinamerikas wie in Uruguay und Argentinien gab es bereits im 19. Jahrhundert Bestrebungen, moderne Bildungs- und Erziehungssysteme zu schaffen. Argentinien etwa schrieb 1884 per Gesetz die laizistische, kostenlose und obligatorische Bildung fest. In Uruguay gründete die Lehrerin Enriqueta Compte y Piqué 1892 den ersten Kindergarten der Region.

Seit den 1990er-Jahren kam es aber in vielen Ländern Lateinamerikas im Zuge mehrerer Wirtschafts- und Schuldenkrisen zu einer Aushöhlung staatlicher Bildungssysteme. Privatschulen erlebten einen zuvor ungekannten Aufschwung. Traditionell an den gesellschaftlichen Rand gedrängte Gruppen (Arme, Angehörige indigener Gruppen, Kranke und Behinderte) waren Verlierer dieser neuen Realität. Zivilgesellschaftliche Organisationen, die den Ansatz haben, Kunst und soziale Integration zu verknüpfen, schaffen seitdem Angebote außerschulischer kultureller Bildung. Im größten Land Lateinamerikas, Brasilien, ist diese kulturelle Arbeit an der Basis seit 2004 offiziell anerkannt. Das Projekt "Cultura Viva" unterstützt etwa 4000 solcher Initiativen, so genannte Kulturpunkte, mit staatlichen Mitteln auch finanziell.

Aktuelle Entwicklungen

Laut der UNESCO sind die Länder Lateinamerikas und der Karibik in den vergangenen zehn Jahren dem Ziel, Bildung für alle anzubieten, näher gekommen:[1] 95 Prozent der Kinder besuchten 2008 eine Primaria (die meist sechs Jahre dauernde Grundschule), fast neun von zehn Heranwachsenden gehen mittlerweile auf eine Secundaria (eine vier bis sechs Jahre dauernde weiterführende Schule) und die Analphabetenrate unter der erwachsenen Bevölkerung sank auf 36 Millionen (das entspricht einem Anteil von 9 Prozent). Vier der 26 Länder der Region ermöglichen ihrer Bevölkerung laut UNESCO schon heute einen umfassenden Zugang zu Bildung: Argentinien, Aruba, Kuba und Uruguay. Dies schließt den Ausbau frühkindlicher Bildung, eine Grundschule für alle Kinder, Zugang zu weiterführenden Schulen und die Abschaffung des Analphabetismus ein.

Doch ein Problem Lateinamerikas und der Karibik bleibt auch in Ländern wie Argentinien und Uruguay bestehen: die großen sozialen und regionalen Ungleichheiten. Und diese wirken sich auf die Bildungserfolge aus: Ob ein Kind eine weiterführende Schule auch wirklich abschließt und damit die Möglichkeit bekommt, eine Universität zu besuchen, unterliegt laut der UNESCO Einflussfaktoren wie sozialer Herkunft, Wohnort, Geschlecht, aber auch der Frage, ob ein Kind aus einer indigenen Familie stammt. [2] In Kolumbien zum Beispiel ist die Wahrscheinlichkeit, dass Heranwachsende aus armen Familien in städtischen Gebieten die weiterführende Schule abschließen drei Mal höher als bei armen Jugendlichen auf dem Land. In Peru sind 21 Prozent der Erwachsenen, die eine indigene Sprache sprechen, Analphabeten. Und in Bolivien besuchen Kinder aus wohlhabenden Familien in der Stadt durchschnittlich elf Jahre, Kinder aus ärmeren Familien weniger als sechseinhalb Jahre die Schule. Insgesamt kann man sagen, dass indigene Bevölkerung und ethnische Minderheiten, vor allem wenn sie zuhause nicht die Unterrichtssprache sprechen, immer noch sehr große Nachteile haben.

Die unterschiedlichen Bildungschancen sind längst nicht mehr auf ländliche Regionen beschränkt. Bis heute hält in Lateinamerika die Landflucht an, und tagtäglich kommen Menschen auf der Suche nach Arbeit in die großen Metropolen wie São Paulo, Mexiko-Stadt, Buenos Aires, Lima oder Caracas. Da Wohnraum knapp ist, sehen sich viele Migrantinnen und Migranten gezwungen, in informelle Siedlungen in oder am Rand der Stadt zu ziehen. Oft verfügen diese in Brasilien "Favela", in Argentinien "Villa miseria", in Venezuela "Barrios" oder "Ranchos" genannten Siedlungen nicht einmal über die nötigste öffentliche Versorgung.

Die Zustände zum Tanzen bringen

Eine dieser Elendssiedlungen heißt "La Cava" und befindet sich im Großraum von Buenos Aires, ganz in der Nähe der wohlhabenden Vorstadt San Isidro. 50.000 Menschen leben in La Cava, ohne regulären Stromanschluss, ohne fließendes Wasser oder Kanalisation, erzählt Inés Sanguinetti, Choreographin und Tänzerin. Sie ist Präsidentin der "Fundación Crear vale la pena", einer Nichtregierungsorganisation, die sie 1997 zusammen mit Juan Peña gegründet hat. Die offensichtliche Armut der Bewohnerinnen und Bewohner von La Cava verringert auch die Bildungschancen der Kinder: "60 Prozent der Kinder aus armen Familien schließen die weiterführende Schule nicht ab", sagt Inés Sanguinetti. Die Stiftung "Crear vale la pena" will Jugendliche aus armen Vierteln an künstlerische Tätigkeiten heranführen. Die Kunst, so sind Inés und die derzeit zehn Mitarbeiter der Fundación überzeugt, ist ein Werkzeug, um die Gesellschaft zu verändern.

Vor zehn Jahren eröffnete die Nichtregierungsorganisation zwei Kulturzentren, eines davon in La Cava, das andere in einem nicht weit davon entfernten, ebenfalls marginalisierten Viertel, Bajo Boulogne. In den beiden Kulturzentren wurden seitdem Jugendliche zu Musikern, Tänzern und Wandmalern ausgebildet; es wurden Choreographien und Theaterstücke entwickelt, Hiphop-Workshops und Gitarrenunterricht gegeben. "Unser Ziel ist es nicht, eine Kunstakademie für arme Jugendliche zu schaffen, sondern einen Raum für die soziale Transformation", betont Sanguinetti. Daher machen das feste Team von "Crear vale la pena" und die bis zu 50 jungen Freiwilligen den Heranwachsenden nicht nur kulturelle Angebote, damit sie sich persönlich weiterentwickeln, sondern sie vermitteln ihnen auch Fähigkeiten, damit sie selbst Verantwortung für ihre "Community" übernehmen können. Das hat in La Cava mittlerweile dazu geführt, dass die Jugendlichen aus der Nachbarschaft das Kulturzentrum nun selbst betreiben, das Kulturprogramm planen und Workshops und Kurse organisieren. Aus den ehemaligen Teilnehmern sind selbst Akteurinnen und Akteure geworden.

Crear vale la pena spricht Jugendliche auch direkt an Schulen an. Mit dem Programm "Somos Voz. Iguales pero diferentes" [3] haben sie bislang an 22 Schulen mit künstlerischen Aktionen den Alltag durchbrochen. Wenn das Team von Sanguinetti kommt, entwickeln die Schülerinnen und Schüler unter Anleitung von Koordinatoren fünf Tage lang gemeinsam Musik-, Tanz- und Theateraufführungen und werden auch eingeladen, über Themen politischer Bildung wie Menschen- und Bürgerrechte nachzudenken. Inés Sanguinetti erklärt, ihr Ziel sei es, "schöpferische und expressive Aktivitäten stärker in die Schulen mit einzubeziehen", um so die Qualität der Bildung und des Zusammenlebens in den oft von vielen Konflikten beherrschten Schulen zu verbessern. Seit ein paar Jahren widmet sich die Organisation nun verstärkt der Ausbildung von so genannten "Multiplikatoren": Junge Freiwillige, die ihre Erfahrungen in eigenen Projekten, die Kunst und soziale Transformation verbinden, weitertragen.

Fußnoten

1.
2000 wurde auf dem Weltbildungsforum im senegalesischen Dakar das Programm "Bildung für alle" (Education for all –EFA) vereinbart. Weltweit soll bis 2015 ein umfassender Zugang zu Bildungssystemen geschaffen werden.
2.
"Kinder sind Opfer von Armut, geographischer Isolierung, Konflikten und Diskriminierung aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit, der Sprache, der Behinderung oder einem schlechten Gesundheitszustand. Die verschiedenen nachteiligen Faktoren kommen oft zusammen und bilden einen Teufelskreis der Exklusion", Panoráma Regional: Amércia Latina y el Caribe. Education for all global monitoring report, UNESCO, 2010.
3.
"Wir sind Stimme. Gleich aber unterschiedlich"
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