kulturelle Bildung

18.7.2011 | Von:
Melanie Hinz

Reenactment

Reenactments sind eine kulturelle und performative Zeitmaschine: Sie wiederholen und reanimieren ein historisches Ereignis in Zeit und Raum der Gegenwart. Die teilhabende Rekonstruktion von Geschichte ermöglicht den Teilnehmenden eine ästhetische Erfahrung des Vergangenen am eigenen Körper und als gemeinsam erlebtes "Live-Ereignis".

Link zum Praxisbeispiel Reenactment

Der Geist der 1968er lebt wieder auf, wenn Hildesheimer Studierende eine Demonstration gegen den Springer-Verlag nachstellen. Foto: Andreas HartmannDer Geist der 1968er lebt wieder auf, wenn Hildesheimer Studierende eine Demonstration gegen den Springer-Verlag nachstellen. (© Andreas Hartmann)

REENACTMENT (Wiederaufführung, Nachstellung) bezeichnet die akribische Rekonstruktion eines historischen Ereignisses oder Artefaktes, das zur (Wieder-)Aufführung gebracht wird. Reenactments fungieren als eine kulturelle und performative Zeitmaschine: Sie wiederholen und reanimieren das Vergangene in Zeit und Raum der Gegenwart. Sie reaktivieren ein kulturelles Gedächtnis historisch markanter Ereignisse nationaler oder kultureller Geschichte, indem sie diese in einer Aufführung im Hier und Jetzt nachstellen. Die teilhabende Rekonstruktion von Geschichte ermöglicht den Reenactors wie ihren Zuschauern eine ästhetische Erfahrung des Vergangenen am eigenen Körper und als gemeinsam erlebtes Live-Ereignis.


Erst seit der Jahrtausendwende hat das Reenactment als künstlerische Strategie Einzug in die performativen Künste gehalten. [1] Die Theaterwissenschaft entdeckt gerade ihr Interesse an dieser Aufführungsform, davon zeugt beispielsweise die Tagung "Nicht hier, nicht jetzt. Das Theater als Zeitmaschine und die Geste des Reenactments"[2], die 2010 an der Universität Hildesheim stattgefunden hat. Als spezifische Theaterform im Umgang mit Geschichte stellt das Reenactment somit einen noch zu erforschenden und zu erprobenden Gegenstand dar – für Künstler/-innen, Wissenschaftler/-innen und Theaterpädagogen/ -innen.

Methodensteckbrief

Kurzbeschreibung Reenactment (Wiederaufführung, Nachstellung) bezeichnet die akribische Rekonstruktion eines historischen Ereignisses oder Artefaktes, das zur (Wieder-)Aufführung gebracht wird. Die teilhabende Rekonstruktion von Geschichte ermöglicht den Reenactors wie ihren Zuschauern eine ästhetische Erfahrung des Vergangenen am eigenen Körper und als gemeinsam erlebtes Ereignis.
Ziele Auseinandersetzung mit sowie Rekonstruktion und Wiederaufführung von einem historischen Ereignis
Teilnehmerzahl Klassengröße
Altersstufe abhängig vom gewählten Ereignis, etwa ab 14 Jahren
Zeitbedarf in der vorgeschlagenen Durchführung: 4 Sitzungen
Raum Klassenzimmer/Theaterraum/ Außengelände
Benötigte Ausstattung / Materialien abhängig vom Ereignis: historische Dokumente wie Fotos oder Reden, Kostüme, Requisiten etc.
Sparte / Bereich / Feld Theater/ Darstellendes Spiel

Denn nicht als Kunstform, sondern als Hobby begann die Geschichte des Reenactments. Ihr Beginn ist zu datieren auf jene Hundertjahrfeier des Amerikanischen Bürgerkrieges, die im Juli 1961 in Manassas/Virginia stattfand. Unter der Federführung eines General a.D. spielten 2.500 Akteure vor 500.000 Zuschauern zwei Tage lang mit den Kostümen und Waffen von damals den Bürgerkrieg nach. "The Battle of Bull Run" wird als "Initialzündung" der Civil War Reenactments beschrieben. [3] Diese Praxis der Geschichtswiederholung, die sich vorwiegend auf das Nachstellen von Schlachten fokussiert, hat sofort Kritik hervorgerufen: Trivialisierung, Banalisierung, Verfälschung, Ideologisierung, Illusionierung und Eventisierung von Geschichte sind die Schlagworte der Gegner.

Berechtigt ist, stets zu überprüfen, mit welchem Geschichtsbild operiert wird, mit welcher Zielsetzung, in welchem Kontext und mit welchen szenischen Mitteln Geschichte in Form eines Reenactments gemacht wird. Damit ist es aber auch wichtig, die Bezeichnung "Reenactment" nicht zu einem Umbrella Term werden zu lassen. Wenn in "Terra X" fiktive Szenen der römischen Antike von Schauspielern nachgespielt werden, die so oder so ähnlich gewesen sein könnten, sind diese Szenen nicht als Reenactment zu bezeichnen. Und das Dokuformat "Bräute-Schule 1958", ausgestrahlt von ARD 2007-2009, bei der junge Frauen von heute nach den Weiblichkeits- und Haushaltregeln der 1950er-Jahre leben und erzogen werden, ist allenfalls "Historiotainment". Das anschaulich repräsentierte Leben anderer Jahrhunderte in Freilichtmuseen, in denen Trachten und Rituale vorgeführt werden, ist zwar Teil einer populären Vermittlung von Geschichte, aber besser unter dem Begriff der "Living History", also der "kostümierten Präsentation von Geschichte" [4] zu fassen.

Alle diese genannten populären Geschichts-Vermittlungsformate haben nicht eine konkrete historische Situation zum Ausgangspunkt, sondern erfinden Szenen, um ein anderes Jahrhundert anschaulich zu machen. Reenactment hingegen zeichnet sich durch eine wissenschaftliche und detailreiche Rekonstruktion eines geschichtlichen Ereignisses oder auch einer Inszenierung aus. "Das Präfix 'Re' macht deutlich, dass hier etwas wiederherstellt wird, das nicht vorhanden ist, das ‚vergangen‘ ist. Der Wortbestandteil 'Konstruktion' weist darauf hin, dass die durch Forschungsarbeit wieder freigelegte Wirklichkeit nicht etwas Vorfindliches und, einmal erforscht, Endgültiges ist." [5]

Die geschichtliche Rekonstruktion durch das Reenactment kann partizipativ geschehen, indem alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer über die geschichtlichen Vorgänge informiert und mit entsprechenden Kostümen und Requisiten ausgestattet werden, um diese dann gemeinsam zu vollziehen. Das Nachstellen eines historischen Geschehens in Form einer Aufführung vor Publikum stellt der Geschichte nach und macht zugleich immer ihre Abständigkeit in zeitlicher aber auch politischer oder ästhetischer Hinsicht deutlich und damit auch, dass es eine Geschichtsschreibung des "So ist es gewesen" nicht geben kann. Aus diesem Paradox nährt sich aber die Praxis des Reenactments: Durch eine akribische Recherche versucht sie das Ereignis von damals so authentisch wie möglich im Hier und Jetzt zu konstruieren und erlebbar zu machen bei gleichzeitigem Bewusstsein um die bestehende Differenz des nicht Hier, nicht Jetzt.

Paradigmatisch für das Reenactment als künstlerische Strategie mit einem zugleich kritischen Geschichtsblick ist die Kunstaktion von Turnerpreisträger Jeremy Deller "The Battle of Orgreave". Wie der Titel schon sagt, stellte Deller auf Grundlage von Augenzeugenberichten (und nicht der Massenmedien) die Schlacht von Orgreave vom 16. Juni 1984 nach, in der es zur finalen Auseinandersetzung zwischen streikenden Bergarbeitern und berittener Polizei mit 80 Verletzten und zwei toten Streikposten kam. Die Schlacht symbolisiert die historische Niederlage der Arbeiter und Gewerkschaften im Kampf gegen die Schließung von 20 Kohlegruben gegen die Thatcher-Regierung, die die Streikenden zum "Feind des Landes" erklärte. Am Ort des Geschehens wurde unter der Leitung einer Reenactment-Agentur, die Deller beauftragt hatte, am 17. Juni 2001 die Schlacht von 800 Akteuren, darunter vor allem Reenactment-Hobbyisten, aber auch einem Drittel Zeitzeugen, nachvollzogen. Der Filmregisseur Mike Figgis dokumentierte die Vorbereitung und Durchführung des Reenactments und verschnitt diese mit Zeitzeugenberichten der Bergarbeiter. [6]

Fußnoten

1.
Einen guten Überblick bietet der Katalog: Arns, Inke/ Horn, Gabriele (2007): History will repeat itself. Strategien des Reenactment in der zeitgenössischen (Medien) Kunst und Performance. Frankfurt am Main: Revolver.
2.
Mehr Informationen zur Tagung unter: http://www.uni-hildesheim.de/media/fb2/medien_theater/Faltblatt_Nichthier_Ansicht.pdf, (letzter Zugriff: 22.06.2011).
3.
Ulf Otto (2010): "Krieg von Gestern. Die Verkörperung von Geschichtsbildern im Reenactment", in: Kati Röttger (Hg.): Welt – Bild – Theater. Politik des Wissens und der Bilder. Tübingen: Narr-Verlag, S. 81.
4.
Wolfgang Hochbruck (2009): "‚Belebte Geschichte‘: Delimitationen der Anschaulichkeit im Geschichtstheater", in: Barbara Korte/Sylvia Paletschek (Hg.): History Goes Pop. Zur Repräsentation von Geschichte in populären Medien und Genres. Bielefeld: transcript, S. 217.
5.
Rudolf Schörken (1995): Begegnungen mit Geschichte: Vom außerwissenschaftlichen Umgang mit Historie in Literatur und Medien. Stuttgart: Klett, S.11.
6.
Hier der veröffentlichte Titel der DVD des Films: "Coal not Doal. National Union of Mineworkers. A Mike Figgis film of Jeremy Deller´s The Battle of Orgreave". DVD released by Artangel in 2006. 63:09 mins. www.artangel.org.uk
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/2.0
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Dossier

Film

Ungeachtet der Bedeutung neuer digitaler Entwicklungen spielt auch der Film als historisch gewachsene und nach wie vor sehr massenwirksame Kunstform eine zentrale Rolle für die Medienbildung. Die Frage nach dem Wie und Warum filmischer Darstellungformen ist dabei wesentlich für eine mündige Rezeption und sachkundige Einordnung der dargebotenen fiktionalen wie auch dokumentarischen Stoffe. Jeder Film spiegelt stets seine sozialen und kulturellen Kontexte wider. Daher ist es wichtig, das Medium nicht nur als mehr oder minder künstlerisch ambitioniertes Unterhaltsprodukt zu betrachten, sondern sich immer auch kritisch mit seinen offenen und verborgenen politisch-ideologischen Botschaften auseinanderzusetzen - und der Art und Weise, wie sie vermittelt werden.

Mehr lesen

Dossier

Autonome Kunst in der DDR

Kaum eine Kunstentwicklung - die offizielle wie die unabhängige Ausstellungskultur - ist so ausführlich und gründlich dokumentiert worden wie die der DDR. Das Dossier widmet sich einigen wichtigen Ausstellungsräumen, Projekten und Initiativen sowie den Vermittlern und Protagonisten.

Mehr lesen