kulturelle Bildung

18.7.2011 | Von:
Melanie Hinz

Die Schlacht am Tegeler Weg. Ein 68er-Reenactment

Mit Theater als Zeitmaschine ins Jahr 1968 reisen: Über 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer ließen im Sommer 2010 die Ereignisse der Berliner Studentenrevolution in Hildesheim wieder aufleben. Die Geschichte von einst wurde in der Gegenwart und an den eigenen Körpern erfahrbar.

Link zur Methode Reenactment

Hildesheimer Studierende spielen den Tomatenwurf von Sigrid Rüger nach, der 1968 die Initialzündung zur Frauenbewegung wurde. Foto: Andreas HartmannHildesheimer Studierende spielen den Tomatenwurf von Sigrid Rüger nach, der 1968 die Initialzündung zur Frauenbewegung wurde. (© Andreas Hartmann)

Geschichte machen – oder die künstlerische Praxis des Reenactments

"Wir alle sind heute hier hergekommen, weil wir die Studentenbewegung noch einmal erleben wollen. Wir wollen auch dabei gewesen sein als 1968 in Berlin die Welt verändert wurde, auch wenn uns irgendein Schicksalsschlag ins Hildesheim des Jahres 2010 verschlagen hat. Auch wir haben ein Recht, von der Geschichte nicht ausgeschlossen zu werden, Anteil zu nehmen an den Ereignissen von damals und dabei gewesen zu sein. Von 1968 lernen, heißt Glauben lernen. Wir aber machen nicht glauben, wir glauben ans Machen. Sie kriegen hier nichts vorgeführt, aber Sie können dabei gewesen sein. Hier können Sie Rudi Dutschke reden hören und Tomaten auf den SDS-Vorstand werfen. Aber keine Angst, Sie werden nichts tun müssen, was Sie
"Schlacht am Tegeler Weg. Ein 68er-Reenactment""Schlacht am Tegeler Weg. Ein 68er-Reenactment" (© Andreas Hartmann)
nicht ohnehin tun würden. Sie müssen sich nur einmal darauf einlassen, einmal aufhören immer nur alles zu kritisieren und kommentieren und stattdessen mal ernsthaft für eine Sache eintreten."


Mit diesen Worten schworen Ulf Otto und ich als Projektleitung der "Schlacht am Tegeler Weg. Ein 68er-Reenactment" in Agit-Prop-Manier 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf eine Zeitreise in die Jahre 1967/68 ein. Sie hatten sich an einem heißen Sommertag des Jahres 2010 auf einem Hubschrauberlandeplatz eines ehemaligen Hildesheimer Kasernengeländes versammelt, um die Studentenbewegung noch einmal zu erleben, die den meisten nur als medialer Mythos bekannt war.

Marx, Engels und LeninMarx, Engels und Lenin auf dem Werbeplakat zum 68er Reenactment
Wir machten ihnen aber deutlich, dass sie selbst Verantwortung tragen müssten für das Gelingen der Studentenbewegung. "Der Glaube ans Machen" war keine Metapher, sondern bedeutete die gemeinsame erlebende und erinnernde Rekonstruktion der geschichtlichen Ereignisse. Doch wie sollte der von uns propagierte Time Warp mit den Mitteln von Theater, Partizipation und Performance umgesetzt werden, wenn doch an diesem, noch dazu militärischen, Ort aber auch gar nichts an 1968 erinnerte? Wenn wir selbst 1968 gar nicht dabei gewesen sein konnten? Wenn unser Habitus, unsere Art zu sprechen immer unsere Jetzt-Zeit verrät und wir auch keine Schauspieltechniken beherrschen, um Studenten und Studentinnen von 1968 zu verkörpern. War dieses Projekt nicht eine größenwahnsinnige Idee? Warum schaut man nicht lieber eine filmische Dokumentation mit historischen Originalaufnahmen?

Rückblickend stellt sich das Projekt hinsichtlich seines organisatorischen Aufwands als durchaus größenwahnsinnig dar: 50 Polizei-Uniformen aus der Polizeihistorischen Sammlung Niedersachsen und diversen Stadttheatern wurden herbeigeschafft, Straßen-Schilder, Demo-Plakate, Unmengen Pappmaché-Steine und 200 Schaumstoffschlagstöcke gebastelt, Feuerwehrmänner, Sanitäter und Sprengmeister rekrutiert, inklusive Feuerwehrauto und Krankenwagen. Ein Dutschke-Pullover wurde nach Originalstrickanleitung gestrickt. Piratensender wurden installiert, Sprengsätze gekauft und Schreckschusspistolen beschafft. Organisationsgeschick und eine detailgetreue Ausstattung bildeten aber die Voraussetzung für das Projekt. Doch die Mühe war es wert, denn die "Schlacht am Tegeler Weg. Ein 68er-Reenactment" leistete etwas, was keine Filmdokumentation, sondern nur Theater als Live-Situation hervorbringt: die Erfahrung und Reflexion von Geschichte am eigenen Leib.

Reenactement: Frankfurter KaufhausbrandReenactement: Frankfurter Kaufhausbrand (© Andreas Hartmann)

Das Projekt

Ein Semester lang hatten wir zusammen mit 24 Studierenden im Rahmen des Projektsemesters 2010 der kulturwissenschaftlichen Studiengänge zum Thema "Glauben machen" der Universität Hildesheim das Projekt entwickelt. Wir wollten dem Glauben der 1968er an die Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse nachspüren, deren revolutionärer Gestus vielen in unserer Projektgruppe fremd war. Der heutige Kampf um die Abschaffung von Studiengebühren und die vielen Spielfilme über Rudi Dutschke oder die RAF zeugen aber zugleich davon, dass die gesellschaftspolitische Tragweite des Umbruchjahres 1968 für uns als Töchter, Söhne und Enkelkinder der 1968er immer noch virulent ist. "Glauben machen", das Überthema des Projektsemesters, legten wir aber auch als künstlerische Strategie des Reenactments aus, bei der Theater zur Zeitmaschine wird.

"Die Schlacht am Tegeler Weg" war ein Open-Air-Spektakel, das ausgewählte, medial bekannte Ereignisse der Studentenbewegung im Zeitraffer chronologisch nachvollzog und nur ein einziges Mal zur Aufführung kam. Die Besucherinnen und Besucher des Reenactments wurden aktiv in die geschichtliche Rekonstruktion eingebunden und deshalb von uns als "Teilnehmerinnen und Teilnehmer" bezeichnet. Ausgerüstet mit Radios versorgte sie eine Moderatorin permanent mit Hintergrundinformationen über die geschichtlichen Ereignisse und lotste sie so über das ehemalige Kasernengelände. In der Konzeption, alle Teilnehmenden als Reenactors zu beteiligen und am Ende eine Schlacht nachzustellen, orientierten wir uns an Jeremy Dellers "Battle of Orgeave" (2001) und der Civil War Bewegung von Hobbyisten. Doch auch wenn uns diese Vorbilder eine erste Orientierung gaben, verstanden wir unsere Theaterarbeit als ein künstlerisch-theoretisches Forschungsprojekt. Wir wollten herausfinden: Welche Praktiken und Verfahren zeichnet das Reenactment als künstlerische Praxis aus?

Historische Rekonstruktion

Zunächst lässt sich festhalten: Ohne genaue historische Recherche ist kein Reenactment zu machen. Das unterscheidet es von anderen historischen Theaterformaten wie Historiendrama oder Dokumentartheater, weil es hier eben nicht darum geht, eine fiktive Erzählung innerhalb einer historischen Zeit szenisch neu zu erfinden oder eine subjektive Sichtweise auf ein historisches Ereignis zu vermitteln. So betrieben die Projektteilnehmenden am Anfang den Job von Historikerinnen und Historikern: Sie studierten Quellen, sammelten mediale Dokumente, fuhren ins APO-Archiv nach Berlin oder führten Zeitzeugeninterviews. Gegenstand ihrer Recherche waren verschiedene Ereignisse der Studentenbewegung - beginnend beim Attentat auf Benno Ohnesorg am 2.6.1967 bis zur Schlacht am Tegeler Weg am 4.11.1968, die für uns die historischen Eckpunkte des Reenactments von der Politisierung der Studentenbewegung bis zu ihrem Zersplittern markierten. Die zentrale Frage für die weitere Konzeption war: Welche Handlungen, Reden, Orte, Personen, Requisiten und Kostüme können wir aus den Dokumenten rekonstruieren?



Hildesheimer Studierende spielen den Tomatenwurf von Sigrid Rüger nach, der 1968 die Initialzündung zur Frauenbewegung wurde. Foto: Andreas HartmannHildesheimer Studierende spielen den Tomatenwurf von Sigrid Rüger nach, der 1968 die Initialzündung zur Frauenbewegung wurde. (© Andreas Hartmann)

Nachstellen statt Darstellen

Doch anders als im Geschichtsunterricht ging es nun nicht darum, das gesammelte Wissen mittels eines Vortrags zu präsentieren, sondern es zur erlebbaren Anschauung zu bringen. Die Geschichte von einst sollte in der Gegenwart und an unseren eigenen Körpern erfahrbar werden. Die von uns ausgegebene künstlerische Devise lautete: Ein Reenactment stellt das historische Ereignis nicht dar, sondern nach. Damit warfen wir das gängige Theaterverständnis der Projektteilnehmerinnen und -teilnehmer über den Haufen: Geschickte dramaturgische Montage von Szenen, Schauspiel, kreative Interpretation und Verfremdungs-Effekte waren nun keine erforderlichen Kenntnisse. Stattdessen lauteten die Anforderungen für das Nachstellen der Ereignisse: historisch so korrekt wie möglich, partizipativ, materiell-konkret und taktil. Für unser Reenactment entschieden wir uns dabei nicht für ein Verfahren des Nachstellens wie beispielsweise das Choreographieren von Abläufen und Bewegungen der Schlacht am Tegeler Weg, sondern erprobten die Vielzahl der Möglichkeiten. Den Ausgangspunkt konnte beispielsweise ein historisches Foto bilden, zum Beispiel des SDS-Vorstands, der als "lebendes Tableau" nachgebaut wurde.

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