kulturelle Bildung

20.12.2011 | Von:
Jurek Sehrt
Stefan Zollhauser

"Film in der DDR – die DDR im Film"

– ein Beispiel aus der praktischen Workshoparbeit der Deutschen Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen, Berlin

Mit Film- und Fernsehbildern und historischen Ausstellungsstücken bietet der Workshop "Film in der DDR-die DDR im Film" den Teilnehmenden einen lebendigen und vielfältigen Einblick in Alltag und Filmgeschichte der DDR.

Link zur Methode "filmpädagogische Arbeit an der Deutschen Kinemathek - Museum für Film und Fernsehen"

Workshop im Seminarraum der Deutschen Kinemathek
Foto: © Deutsche Kinemathek/ Jurek SehrtWorkshop im Seminarraum der Deutschen Kinemathek (© Deutsche Kinemathek/ Jurek Sehrt)

Konnte man im Osten Westfernsehen sehen? Sind alle DDR-Filme Schwarzweiß? Wurde da nicht alles zensiert? Solche und ähnliche Fragen tauchen im Workshop zur DDR-Filmgeschichte immer wieder auf.


Der Workshop "Film in der DDR – die DDR im Film" richtet sich an Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufen I und II, wobei ein Basiswissen der allgemeinen DDR-Geschichte vorhanden sein sollte. In einem entsprechend angepassten Zuschnitt ist der Workshop ebenso für außerschulische Bildungsträger und sogar Universitäten sowie Lehrkräfte und Multiplikatoren geeignet. Ein vorheriger Austausch des durchführenden Referenten mit den Lehrkräften über Vorwissen und evtl. Schwerpunktsetzung ist dabei essentiell.


Während des Workshops wird ein umfassendes Bild der DDR-Filmgeschichte gegeben, wobei sie aus der oftmals verengten Perspektive auf Zensur und Propaganda gelöst wird. Die Darstellung der DDR sowie der Friedlichen Revolution wird hier anhand von Dokumentarfilmen, Spielfilmen und Fernsehsendungen aus Ost und West sowie weiterer Quellen untersucht. Die Herangehensweise ist multiperspektivisch, denn der zeitgenössische Blick von Filmschaffenden und dem DDR-Publikum auf die DDR und ihre politische Situation werden ebenso gezeigt wie die staatlich-offizielle Perspektive und der Blick aus dem Westen. Die Teilnehmenden beschäftigen sich sowohl mit den Ereignissen der "großen Politik" als auch mit der Alltagsgeschichte.

Insgesamt wird der Versuch unternommen, ein breites Spektrum von DDR-Filmen vorzustellen und sie aus oft vorhandenen Wahrnehmungsverengungen zu lösen. Wie viele andere nationale Filmgeschichten präsentiert sich auch die DDR-Filmgeschichte als ausgesprochen vielseitig und dynamisch. Auf Phasen von größerer kultureller Freiheit folgten immer wieder tief greifende Eingriffe durch die Zensur, vor allem bezüglich der so genannten Gegenwartsfilme. Neben künstlerisch Bedeutungslosem stehen ästhetische Meisterwerke, neben Unterhaltung steht politische Instrumentalisierung.

Ablauf des Workshops

Einer Einführung im Seminarraum folgt eine erste Filmanalyse unter filmsprachlichen und zeitgeschichtlichen Aspekten. Anschließend werden im Museum die Workshop-relevanten Teile der Ausstellung vorgestellt, bevor sich mehrere Kleingruppen mit verschiedenen Arbeitsaufträgen die Ausstellung selbst erarbeiten. Zum Abschluss erfolgt eine Auswertung im Seminarrraum.

Zur Einführung des dreistündigen Workshops sieht die gesamte Gruppe einen zehnminütigen Dokumentarfilm, der im Herbst 1989 von einem Filmteam der DEFA (Deutsche Film Aktiengesellschaft) gedreht wurde. In der anschließenden Analyse werden gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern verschiedene Aspekte der Filmsprache und des Inhalts herausgearbeitet. In diesem offenen Gespräch können unter anderem folgende Fragen aufgeworfen und gemeinsam beantwortet werden: Wie verhalten sich die Protestierenden bzw. Interviewten? Wie werden die Vertreter der Staatsmacht dargestellt? Was unterscheidet den Film von aktuellen Dokumentationen (z.B. statische Kameraführung, langsame Schnittfolge, kein Kommentar, dokumentarisch im eigentlichen Sinne)? Das offene Gespräch bietet zugleich die Möglichkeit, den Wissensstand der Schüler bezüglich der DDR-Geschichte im Allgemeinen einzuschätzen und ihnen Möglichkeiten der Filmbetrachtung aufzuzeigen. Es bieten sich Anknüpfungsmöglichkeiten zum heutigen Medienkonsum. Hierbei zeigt sich oftmals, dass die Schülerinnen und Schüler den Film als altmodisch und "verstaubt" wahrnehmen, da die Filmsprache im Vergleich zu den heute meist vorherrschenden schnellen Schnitten sehr langsam und irritierend wirken kann (so z.B. wenn ein Interviewter sekundenlang nur beim Nachdenken gezeigt wird). Dies bietet u.a. die Möglichkeit, generelle ästhetische Fragen des DDR-Films anzusprechen, ebenso wie technische Ausstattung, inhaltliche Vorgaben oder Innovationsfreude.

Anschließend werden im Museum die relevanten Teile der Ständigen Ausstellung des Museums vorgestellt (Filmschaffen im Zeitraum 1945 bis in die Gegenwart). Anhand von Plakaten der publikumsstärksten Filme in Ost- und Westdeutschland wird eine kurze Einführung in die DDR-Filmgeschichte – auch im Vergleich zur Bundesrepublik – gegeben. Zur Sprache kommen dabei Themen wie Austausch und Inspiration zwischen Ost und West (z.B. anhand der sehr unterschiedlichen Indianerfilme mit ihrer oft ideologischen Ausrichtung in der DDR), Umgang mit Filmen aus dem jeweils anderen Deutschland (z.B. Verbot des DEFA-Films "Der Untertan" von 1951 in der Bundesrepublik), antifaschistische Filme uvm.

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Dossier

Film

Ungeachtet der Bedeutung neuer digitaler Entwicklungen spielt auch der Film als historisch gewachsene und nach wie vor sehr massenwirksame Kunstform eine zentrale Rolle für die Medienbildung. Die Frage nach dem Wie und Warum filmischer Darstellungformen ist dabei wesentlich für eine mündige Rezeption und sachkundige Einordnung der dargebotenen fiktionalen wie auch dokumentarischen Stoffe. Jeder Film spiegelt stets seine sozialen und kulturellen Kontexte wider. Daher ist es wichtig, das Medium nicht nur als mehr oder minder künstlerisch ambitioniertes Unterhaltsprodukt zu betrachten, sondern sich immer auch kritisch mit seinen offenen und verborgenen politisch-ideologischen Botschaften auseinanderzusetzen - und der Art und Weise, wie sie vermittelt werden.

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