kulturelle Bildung

29.3.2006

Royston Maldoom: Wir sollten mit der Kunst beginnen

Kann man sein Leben in einer Tanzklasse verändern? Ja, meint der britische Choreograph Royston Maldoom. In seinen Projekten bringt er Schülerinnen und Schüler zum Tanzen.

Kann man sein Leben in einer Tanzklasse verändern? Ja, meint der britische Choreograph Royston Maldoom. In seinen Projekten bringt er Schülerinnen und Schüler zum Tanzen. (© 2005 Bundeszentrale für politische Bildung)

  • Englische Textversion



    Ich wurde eingeladen, ein Projekt für die Eröffnung des Kongresses "Kinder zum Olymp" in Hamburg zu realisieren. Die Veranstalter hatten eine Real- und Hauptschule am Stadtrand ausgesucht, die sehr begeistert war. Das hörte sich sehr interessant an und war für mich das vielleicht erste bedeutende Praxisprojekt in Deutschland seit "Rhythm is it!". Es war eine Chance, zurückzukommen und zu sagen: "Ok, es gibt mehr Arbeit, geh und schau's dir an." Das Besondere war jetzt: Ich fühlte, dass viele Leute interessiert sind – besonders auch auf dieser Konferenz –, sodass wir viele Leute erreichen könnten.

    Ich beginne [meine Tanzprojekte] immer mit etwas, bei dem sie [die Kinder] schnell etwas erreichen können, denn der Rest wird meistens anstrengend. Aber so haben sie eine Vorstellung davon, was sie machen: Es ist zwar nicht HipHop, aber sie sagen totzdem: "Das ist aufregend". Und jeden Tag, bis zum Schluss, sogar, wenn wir auf die Bühne gehen, arbeiten wir an einer grundlegenden Sache: Stille und Ruhe zu finden, ohne die man nichts machen, nichts erreichen, nirgendwo hingehen kann. Das macht 95% meiner Arbeit aus. Wenn ich das einmal erreicht habe, kann ich alles unterrichten.

    Die Projekte – soweit ich das nach 30 Jahren Erfahrung sehe – verändern Leben, eindeutig. Das bezeugen Menschen aus vielen Jahren Arbeit. Ich habe sie beobachtet und die Lebensänderung bei jedem dieser Kinder nach drei Wochen gesehen. Man sieht es in ihren Augen, man sieht es auf der Bühne, man sieht es an der Art, wie sie sich fühlen und wenn weitere Gelegenheiten kommen, ist es unwichtig, ob sie wieder tanzen, darum geht es mir nicht. Mein Anliegen ist, dass sie ein Gefühl bekommen, etwas wert und wertvoll zu sein und dass sie fühlen: "Wir haben etwas geschafft, von dem niemand gedacht hätte, dass wir es schaffen können, auch wir selbst nicht. Wenn sich uns also die nächste Herausforderung stellt werden wir nicht nachlassen. Wir können sagen: Ja, ich kann einer Herausforderung begegnen."

    Kunst und Kultur sind vorlehrplanmäßig. Sie sind das erste, womit man jeden in Berührung bringen sollte, um ihn auf den Akt des Lernens vorzubereiten. Das gegenwärtige Problem ist, dass wir Kinder nicht vorbereiten, sondern für 13 Jahre in Schul- und Erziehungsghettos einsperren. Wir sagen "geh da jetzt rein, du bist fünf oder sechs Jahre alt, und setz dich da hin – der Rest der Welt läuft da draußen ab, aber du wirst hier sitzen und wir werden dich unterrichten". Aber wenn wir sie unterrichten wollen, müssen sie lernen wollen. Und damit sie lernen wollen, müssen sie Vertrauen in das Lernen haben, müssen sie fühlen, dass es nützlich ist. Deswegen müssen wir mit den Künsten anfangen und sie den ganzen [Erziehungs-]weg über beibehalten.

    Wir hatten viele Jahre Literaturwissenschaft in der Schule, wir haben Musik in der Schule, und für manche reicht das. Aber wie müssen ehrlich sein: Viele junge Leute verlassen die Schule und hassen diese Art von Musik und Poesie, die man ihnen vermittelt hat. Es geht also darum, wie wir vermitteln. Ich denke, wir sollten darüber nachdenken, wie man Leidenschaft teilen kann. Wir müssen das Lernen leidenschaftlich machen. Wir müssen es zu einem Teil des Lebens machen. Es gibt immer eine Gefahr, dass, wenn der Lehrer selbst noch keine Freude an der Umsetzung und den Inahlten selber erfahren hat, er sie auch nicht vermitteln kann. Ich denke, es muss eine Verbindung zwischen Künstlern, die ein Leben als Künstler leben, und Lehrern, die die Struktur des Erziehungssystems verstehen, geben. Dafür gibt es so viele Beweise. Man kann es nachlesen und es ist für jeden aus dem Erziehungsbereich zugänglich, dass die Künste einzuführen, vor allem den Tanz, der eine sehr schnelle Ausdrucksform ist, die schulischen und sportlichen Leistungen der Schüler positiv beeinflusst. Die Lehrer können das bezeugen. Nach drei Tagen sagen die Lehrer an einer Schule: "Es gibt Dinge, die sie [die Schüler] in drei Tagen gelernt haben, die sie nicht in drei Jahren lernen können." Sie sagten mir: "Diese Kinder haben sich schon bereits verändert in der Art, wie sie mit anderen umgehen und in ihrer Einstellung uns gegenüber."

    Redaktion:Tatjana Brode
    Kamera: Eileen Kühne
    Schnitt: Oliver Plata
    Das Interview entstand auf dem europäischen Kongress "Lernen aus der Praxis" vom 22.-24. September 2005.


  • Dossier

    Film

    Ungeachtet der Bedeutung neuer digitaler Entwicklungen spielt auch der Film als historisch gewachsene und nach wie vor sehr massenwirksame Kunstform eine zentrale Rolle für die Medienbildung. Die Frage nach dem Wie und Warum filmischer Darstellungformen ist dabei wesentlich für eine mündige Rezeption und sachkundige Einordnung der dargebotenen fiktionalen wie auch dokumentarischen Stoffe. Jeder Film spiegelt stets seine sozialen und kulturellen Kontexte wider. Daher ist es wichtig, das Medium nicht nur als mehr oder minder künstlerisch ambitioniertes Unterhaltsprodukt zu betrachten, sondern sich immer auch kritisch mit seinen offenen und verborgenen politisch-ideologischen Botschaften auseinanderzusetzen - und der Art und Weise, wie sie vermittelt werden.

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