Junge mit Megafon vor Tafel

19.3.2015 | Von:
Theo W. Länge

Arbeitsgemeinschaft "Arbeit und Leben"

Die Arbeitsgemeinschaft ARBEIT UND LEBEN wurde nach 1945 als Kooperation des Deutschen Gewerkschaftsbundes und der Volkshochschulen gegründet. Ihr Ziel ist es, durch politische Bildung die Partizipation in der Gesellschaft zu fördern sowie soziale Gerechtigkeit, Chancengleichheit und Solidarität als Prämissen in Arbeit und Leben zu stärken.

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"Solidarität und Demokratie leben und lernen" könnte das Motto gewesen sein, unter dem Männer und Frauen aus Gewerkschaften und Volkshochschulen nach 1945 darüber nachgedacht haben, wie es gelingen könnte, Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer an der demokratischen Willensbildung zu beteiligen. Nach ihrer Auffassung war es weder den Volkshochschulen noch den Gewerkschaften in der Weimarer Republik ausreichend gelungen, die Arbeitnehmerschaft über entsprechende Bildungsangebote zu motivieren, demokratische Gestaltungsprozesse zu reflektieren und sich an ihnen zu beteiligen.

So war es nach den Erfahrungen aus Nationalsozialismus und Krieg ein überzeugender Schritt, in einer institutionalisierten Kooperation zwischen dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) und der Volkshochschule mit der Gründung von ARBEIT UND LEBEN (AL) das erklärte Ziel zu verfolgen, durch politische Bildungsarbeit mit Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, Auszubildenden und Arbeitslosen dazu beizutragen, "dass Mitverantwortung und Mitbestimmung in der Gesellschaft wahrgenommen werden und dass die Arbeit und das Leben der Menschen sich nach den Prämissen von sozialer Gerechtigkeit, Chancengleichheit und Solidarität" entwickeln (Anm. i).

So wurde mit dieser Kooperation auch ein weiteres Gründungsmotiv berücksichtigt: die historisch gewachsene Kluft zwischen klassenspezifischer Arbeiterbildung und bürgerlicher Volksbildung zu mindern, was auch durch das Bekenntnis der Volkshochschule als öffentliche Einrichtung zur Einheitsgewerkschaft verdeutlicht wurde. Konkret hieß das, die bildungsbürgerliche Volkshochschule den Arbeitern zu öffnen und die Neuauflage einer an politisch-kulturellen Lagermentalitäten anknüpfenden Funktionärsbildung zu überwinden.

Die erste Gründungsphase von AL hat sich in einer Zeitspanne von 1948 (Niedersachsen) bis 1961 (Saarland) vollzogen. Nicht alle Besatzungsmächte erkannten gleichzeitig an, dass demokratische Einstellungen und Verhaltensweisen insbesondere auch durch Bildung beförderbar sind.

Eine weitere Gründungsphase erfolgte nach der deutsch-deutschen Vereinigung. Somit bestehen seit 1990 in allen neuen Bundesländern Landesarbeitsgemeinschaften von AL. Diese Neugründungen ergaben sich nicht zwingend aus der Geschichte der DDR, da sich dort Volkshochschulen und Gewerkschaften unter anderen Vorzeichen entwickelt hatten, boten sich aber auf der Basis positiver Erfahrungen, die in Westdeutschland gemacht wurden, als Erfolg versprechend an.

Mit Ausnahme Baden-Württembergs bestehen nunmehr in allen Bundesländern Landeseinrichtungen von AL. Hinzu kommen ca. 160 regionale AL-Einrichtungen, deren Gremien in der Regel paritätisch mit Delegierten beider Kooperationspartner besetzt sind. Mit dem Zusammenschluss von anfänglich fünf AL-Landesarbeitsgemeinschaften (Bayern, Hessen, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein) wurde Anfang der 1950er Jahre auch der Grundstein für die Gründung von AL auf Bundesebene gelegt. Männer wie der hessische DGB-Vorsitzende Otto Scheugenpflug, Ernst Witzell vom Hessischen Volkshochschulverband und Carl Tesch vom Frankfurter Bund für Volksbildung hatten finanzielle Unterstützung vom DGB-Bundesvorstand zur Gründung einer Bundesgeschäftsstelle angefragt. Diese war Voraussetzung für Förderung über den Bundesjugendplan, dem Vorläufer des heutigen Kinder- und Jugendplans des Bundes (KJP). Als Dachorganisation wurde 1956 auch der Bundesarbeitskreis ARBEIT UND LEBEN gegründet.

Während in den Anfangsjahren von AL sogenannte Grund- und Aufbaukurse politisch-sozialer Allgemeinbildung für im Nationalsozialismus sozialisierte Jugendliche angeboten wurden, die eine Basis für weiterführende Bildungsgänge unter anderem an Fachhochschulen, Universitäten und der Akademie der Arbeit sein sollten, plädierte der niedersächsische DGB-Vorsitzende Adolf Heidorn erfolgreich dafür, die Bildungsarbeit im Eintreten für "soziale Gerechtigkeit und Freiheit" an den Erfahrungen und Interessen der Arbeitnehmerschaft auszurichten, aber gleichsam "die Vielfalt des demokratischen Lebens in den Blick zu nehmen". Unter diesem Vorzeichen fanden dann in der Folgezeit in den Landesarbeitsgemeinschaften auch vielfältige Veranstaltungen insbesondere der politischen Jugendbildung statt. Seit den 1970er Jahren ist dies vielfach im Rahmen des Bildungsurlaubs geschehen, der von AL als Beitrag zur Chancengleichheit im Bereich der Weiterbildung angeregt worden war und in vielen Bundesländern mit Unterstützung des DGB per Gesetz eingeführt wurde.

Obwohl vielfältig zum Nachteil der Bildungsträger reformiert, ist der KJP neben der beachtenswerten Förderung der politischen Bildung durch die Bundeszentrale für politische Bildung und der vielfach rückläufigen länderspezifischen und kommunalen Förderung bis heute eine tragende Säule der politischen AL-Jugendbildung im Teilnahmespektrum der 14- bis nahezu 30-Jährigen (vielfach Geringqualifizierte mit und ohne Zuwanderungsgeschichte). War die Themenwahl im Rahmen der KJP-Fördergrundsätze bis etwa 1985 relativ frei, werden seither mit dem zuständigen Ministerium jeweils trägerspezifisch inhaltliche Schwerpunkte als Grundlage für die Förderung vereinbart. Diesen Schwerpunkten entsprechend hat AL im späteren Verlauf Fachgruppen ausgewiesen. Jeweils einer Fachgruppe sind die auf Bundesebene zusammenarbeitenden Jugendbildungsreferentinnen und -referenten in der Regel gemäß Neigung und Interesse zugeordnet, um den Erfahrungsaustausch über fachbezogene, fachdidaktische und methodische Fragen zu gewährleisten, gemeinsam Veranstaltungen zu planen, durchzuführen und zu evaluieren und daraus wiederum Konsequenzen für weitere Planungen zu ziehen.

Die Themenschwerpunkte lauten derzeit:
  • Arbeit und Bildung mit Veranstaltungen zur Reflexion der Berufs- und Lebensplanung und zur Klärung der Handlungsperspektiven vor dem Hintergrund von Entwicklungen im Bereich von Bildungs-, Ausbildungs- und Arbeitsmarktpolitik.
  • Interkulturelle Bildung, Migration, Europa mit Veranstaltungen zu Fragen struktureller Ungleichheit, Diskriminierung, Fremdenfeindlichkeit und interkultureller Kompetenz.
  • Globalisierung, soziale Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit mit Veranstaltungen über politische, ökonomische und kulturelle Aspekte globaler Entwicklung und deren Einfluss auf Lebens- und Arbeitsbedingungen von Jugendlichen.
  • Zivilgesellschaft und Persönlichkeitsentwicklung für eine demokratische Gesellschaft mit Veranstaltungen zur Stärkung der Persönlichkeit, der kommunikativen Kompetenzen, der Meinungsbildung und Ermutigung zu gesellschaftlichem Engagement und Zivilcourage.
Der am Selbstverständnis von AL orientierte erste themenbezogene Schwerpunkt "Arbeit und Bildung" greift neben Fragen von Schule, Ausbildung und Beruf, Interessenvertretung und Partizipation auch Fragen von Lebens- und Arbeitsverhältnissen auf. Insbesondere bezogen auf die drei letztgenannten Themenschwerpunkte finden für Jugendliche wie für Fachkräfte der internationalen Jugendarbeit jährlich auch eine Vielzahl von zum Teil bi- und trinationalen Bildungs-, Begegnungs- und Austauschprogrammen statt. In diesen wird im Spiegel der eigenen Kultur die zunächst fremde Kultur erlebt. Kulturelle Vielfalt kann dabei als persönliche und gesellschaftliche Bereicherung im Sinne von Diversity erfahren werden. Solche internationalen Programme werden unter anderem mit Partnerorganisationen europäischer Länder aber auch mit Partnern in Asien, Afrika, Süd-, Nord- und Mittelamerika vorbereitet und aus Mitteln des Deutsch-Französischen Jugendwerkes, des polnischen Jugendwerkes, anderer Jugendwerke, des Auswärtigen Amtes und des KJP (Kinder- und Jugendplan des Bundes, d. Red.) teilgefördert.

Angesichts vielfach rückläufiger Infrastruktur- und Maßnahmenförderung in vielen traditionellen Förderprogrammen des Bundes und der Länder bemüht sich AL, in Orientierung an aktuellen Problemlagen oder neuen gesellschaftlichen Herausforderungen seit Anfang der 1990er Jahre vornehmlich im Bereich von Modellprojekten neue Akzente zu setzen. Diese reichen vielfach über das eng gefasste Tätigkeitsfeld der politischen Bildung hinaus, weisen integrative Momente zur kulturellen oder berufsbezogenen Bildung auf, ermöglichen oft auch neue methodische Zugänge und haben teilweise neue Zielgruppen wie etwa bildungsbenachteiligte Jugendliche, Menschen mit Zuwanderungsgeschichte oder Ältere im Blick.

Gerade bildungsbenachteiligte Jugendliche mit ihrem Interesse an Neuen Medien konnten in Projekten wie "Pal@ver im globalen Dorf", "Radio aktiv - Jugend strahlt aus" oder "NET-Profession" berufsorientierende Kenntnisse im Umgang mit Informationstechnologie erhalten und zudem ihre Anliegen und Ansichten etwa zum Themenspektrum Gewalt, Fremdenfeindlichkeit, Ausgrenzung, Drogen und Arbeitslosigkeit medial präsentieren und mit Gleichgesinnten oder Andersdenkenden reflektieren. Die erlebnisorientierte und Aktivität fördernde Komponente dieser Projekte schafft dabei oftmals erst den Zugang zur Auseinandersetzung mit inhaltlichen Fragen.

Explizit für Vielfalt und Toleranz und gegen Rechtsextremismus standen das "Netzwerk für Zivilcourage und Gewaltprävention" oder "Linie Q", ein Projekt zur bundesweiten Qualifizierung von Trainerinnen und Trainern, wie auch das Projekt "WIKIM" mit der Entwicklung einer interkulturellen Lernplattform zum Thema Migration in Europa.

Sehr frühzeitig hat sich AL mit Auswirkungen des demografischen Wandels beschäftigt. So zielte AL mit seinem vom Bildungsministerium prämierten Projekt "Deutsche und Ausländer gemeinsam: aktiv im Alter" auf soziale und politische Integration durch aktives bürgerschaftliches Engagement. Die Projekte "KEB 40 plus" und "Pluspunkt Erfahrung" versuchten die Voraussetzungen für den Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit bei fortschreitendem Alter zu klären und boten entsprechende Fortbildungen an. Und im Projekt "MOQUA" stand die Motivation und Qualifikation von älteren Erwachsenen für ein bürgerschaftliches Engagement in der nachberuflichen Phase im Vordergrund.

Ob weitere Projekte wie "Politische Jugendbildung im Ganztag", das Theaterprojekt "Integration 2010 - Rede mit mir" oder das Projekt "Jubiläumskinder - die Generation 89 im 20. Jahr der friedlichen Revolution": Immer geht es auch darum, das in solchen Projekten erarbeitete Wissen und die gewonnenen Erkenntnisse über Transferveranstaltungen und Publikationen einer breiten interessierten Öffentlichkeit und einem fachbezogenen Publikum zugänglich zu machen - auch mit der Absicht, sich in gesellschaftliche Prozesse einzubringen und sich in politische Diskurse einzumischen. Dafür dienen dann auch die vielfältigen Kontakte, Kooperationsbeziehungen und Mitgliedschaften, die aufzuführen, an dieser Stelle zu weit ginge.

ARBEIT UND LEBEN stehen für seine Bildungs-, Begegnungs-, Beratungs- und Projektarbeit unter Einbeziehung von Teilnahmebeiträgen jährlich ca. 50 Millionen Euro an Förder- und Eigenmitteln zur Verfügung. AL erreicht nahezu 200.000 Menschen. Weitere Informationen bietet www.arbeitundleben.de.

Der Text wurde übernommen aus dem Band: Wolfgang Sander / Peter Steinbach, Politische Bildung in Deutschland. Profile, Personen, Institutionen, Bonn 2014. Erschienen in der Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bd. 1449.
http://www.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/187102/politische-bildung-in-deutschland

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Autor: Theo W. Länge für bpb.de
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