Junge mit Megafon vor Tafel

19.3.2015 | Von:
Joachim Detjen

Porträt: Bernhard Sutor

Bernhard Sutor (geb. 1930) formulierte eine dem freiheitlichen Verfassungsstaat verpflichtete politische Bildung. Aufbauend auf einer personalen Anthropologie hat Sutor das rationale politische Urteil und die kritische Identifikation mit dem freiheitlichen Verfassungsstaat als didaktisches Ziel vor Augen. Entsprechend war er einer derjenigen, die in den 1970er-Jahren gegen eine marxistisch inspirierte und – aus seiner Sicht – zu weitgehend emanzipatorisch orientierte Politikdidaktik Position bezog.

Bernhard Sutor wurde 1930 geboren. Er nahm im Jahr 1950 an der Universität in Mainz das Lehramtsstudium auf. Das Studium beendete er 1955 mit dem Ersten Staatsexamen für das Höhere Lehramt mit den Fächern Latein und Geschichte sowie Philosophie und Theologie. Nach Abschluss des Zweiten Staatsexamens 1957 trat er als Studienassessor in den Höheren Schuldienst des Landes Rheinland-Pfalz ein.

Bereits 1960 wurde Sutor Fachleiter für politische Bildung und Sozialkunde am Staatlichen Studienseminar in Mainz. Er absolvierte während seiner Lehrertätigkeit ein Promotionsstudium. 1965 wurde er zum Dr. phil. promoviert. Seine Dissertation hatte den "Zusammenhang von Geschichtsphilosophie und Politik bei Karl Jaspers" zum Thema.

Sutor veröffentlichte 1966 die Schrift "Politik und Philosophie". Er knüpfte in dieser Schrift an die Tradition der aristotelisch-thomistisch geprägten philosophia perennis an. Trotz des Alters dieser Tradition hielt und hält er sie für geeignet, das philosophische Fundament auch der modernen Wissenschaft von der Politik zu bilden und zudem geeignete Prinzipien für die Gestaltung der politischen Ordnung bereitzustellen. Von diesem Selbstverständnis ließ er sich bei seiner Mitarbeit an der Lehrplanentwicklung im Fach Sozialkunde im Land Rheinland-Pfalz leiten. Die 1972 in Kraft getretenen Sozialkunde-Lehrpläne tragen seine Handschrift.

1971 erschien die umfangreiche "Didaktik des politischen Unterrichts", in der er seinen politikdidaktischen Ansatz entfaltete. Stichwortartig ist dieser Ansatz durch Begriffe wie personales Menschenbild, rationales politisches Urteilen und kritische Identifikation mit dem freiheitlichen Verfassungsstaat gekennzeichnet.

Auf Anregung der Landeszentralen für politische Bildung Niedersachsen und Rheinland-Pfalz publizierte Sutor 1976 die Schrift "Grundgesetz und politische Bildung". In dieser Publikation bemühte er sich um den Nachweis, dass die von ihm vertretene personale Anthropologie auch dem Grundgesetz zugrunde liegt und deshalb eine geeignete Basis für die politische Bildung darstellt.

Im selben Jahr – Sutor war immer noch Lehrer – verfasste er zusammen mit den Professoren Dieter Grosser, Manfred Hättich und Heinrich Oberreuter die stark beachtete Schrift "Politische Bildung. Grundlegung und Zielprojektionen für den Unterricht an Schulen". Diese schmale Schrift verstand sich als Gegenentwurf zu dem damals in der Politikdidaktik weit verbreiteten Marxismus.

1978 beendete Sutor seine Tätigkeit als Lehrer. In diesem Jahr wurde er auf den Lehrstuhl für Didaktik der Sozialkunde an der Geschichts- und Gesellschaftswissenschaftlichen Fakultät der Katholischen Universität Eichstätt berufen.

Sutor sah und sieht sich häufig missverstanden und falsch interpretiert. So fand er mehrfach seine Position etikettiert als ontologisch-normativ. Er nahm dies 1984 zum Anlass, sein wissenschaftliches Selbstverständnis, das er als praktisch-normativ bezeichnet, in einem zweibändigen Werk mit dem Titel "Neue Grundlegung politischer Bildung" ausführlich und mit philosophischem Tiefgang darzulegen. In diesem Werk bestätigt Sutor seine Prägung durch die philosophia perennis. Zugleich zeigt er aber auch seine Offenheit gegenüber Anregungen von anderen Philosophen und Philosophien, seien dies nun Kant, der Pragmatismus oder Jürgen Habermas.

Noch kurz vor der Emeritierung wurde Sutor 1994 in den Wissenschaftlichen Beirat der Bundeszentrale für politische Bildung berufen. Diese Funktion übte er sieben Jahre lang bis 2001 aus.

Der wissenschaftliche Schwerpunkt Sutors liegt im Normativen, genauer: in der Konzeptualisierung einer politischen Bildung, die sich dem freiheitlichen Verfassungsstaat verpflichtet weiß. Er hat aber auch empirisch gearbeitet. So untersuchte er zusammen mit anderen Wissenschaftlern Schulbücher.

Sutors zentrales didaktisches Anliegen ist die Förderung der politischen Rationalität. Zu dieser Rationalität gehören die gewissenhafte politische Urteilsbildung, Einsichten in die Dialektik der Politik, die Kenntnis und Anwendung einschlägiger politischer Kategorien sowie ein sicheres Grundwissen über wichtige Segmente des Wirklichkeitsbereiches Politik.

Sutor entwickelte seine Politikdidaktik in den siebziger und achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts und damit zu einer Zeit, als es prinzipielle Kontroversen über die Aufgaben der politischen Bildung gab. Seine Position war die eines engagierten Verteidigers der bestehenden politischen Ordnung. Er geriet damit zwangsläufig in einen scharfen Gegensatz zu marxistisch inspirierten Politikdidaktikern, die in den siebziger Jahren eine Politisierung der politischen Bildung im Namen der Emanzipation der Menschheit von allen möglichen gesellschaftlichen Zwängen anstrebten. Man kann ohne Übertreibung feststellen, das Sutor am klarsten und theoretisch überzeugendsten die Gegenposition zum damals weit verbreiteten Neomarxismus verkörperte.

Der Text wurde übernommen aus dem Band: Wolfgang Sander / Peter Steinbach, Politische Bildung in Deutschland. Profile, Personen, Institutionen, Bonn 2014. Erschienen in der Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bd. 1449.
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