Zukunft Bildung

23.10.2013 | Von:
Ulrich Herrmann

Lernen ohne Lehre

Ob als Kleinkind auf dem Spielplatz oder als Schüler in der Schule – das Gehirn lernt immer auf die gleiche Weise: Lernen durch Umgang und Erfahrung ist der Prototyp des Lernens. Wie unser Gehirn Informationen aufnimmt und zu sinnvollen Gedächtnisinhalten zusammenfügt, untersuchen nicht nur Neuropsychologie und Neurobiologie.

Mit Wasserschlauch und Eimer spielendes KindMit Wasserschlauch und Eimer spielendes Kind (© picture alliance/JOKER )

Lernen vor der Geburt – die Neurobiologie und Neuropsychologie des Lernens

Bevor ein Mensch auf die Welt kommt, hat er schon gelernt. Sein Gehirn hat viele sensorische Informationen (Erfahrungen) zu neuronalen Netzen zusammengesetzt, in denen diese Informationen und ihre Bedeutungen gespeichert sind. Das Ergebnis dieser Prozesse ist unser Gedächtnis. Lange vor der Geburt hört ein Kind die Stimmen von Mutter und Vater, die es nach der Geburt wiedererkennt. Die Aromen, die die Mutter während der Schwangerschaft zu sich genommen hat, bestimmen seine geschmacklichen Vorlieben. Einzelne Speisen der Mutter können so später zu Lieblingsgerichten ihres Kindes werden. Auch die Stimmungen der Mutter, Glück oder Stress, wirken auf das ungeborene Kind ein: Es reagiert vor- und nachgeburtlich ähnlich auf die Signale, die seinem Gehirn schon bekannt sind. Kinder hören im Mutterleib den Herzschlag der Mutter, und nach der Geburt wirkt dieses akustische Signal auf ein schreiendes Kind beruhigend, wenn es die Töne des mütterlichen Herzschlags über einen Lautsprecher wahrnimmt.

Es gibt also ein Lernen vor der Geburt: Durch den Aufbau neuronaler Netze und das Speichern von Informationen und ihren Bedeutungen im Langzeitgedächtnis werden schon im Mutterleib entscheidende Gehirnfunktionen angelegt, auf die wir ein Leben lang zurückgreifen. Lernen im neurowissenschaftlichen Sinne ist ein aktiver autonomer Prozess im Gehirn. Er kann angestoßen, unterstützt, auch gestört werden, aber auf den Prozess selbst haben wir von außen keinen Einfluss. Das zeigt sich alltäglich daran, dass die gleichen Lernanstöße zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen führen können, ohne dass sich dies begründen ließe. So können gleichen Informationen von verschiedenen Personen andere Bedeutungen beigemessen werden, wenn sie auf unterschiedliche Vorinformationen und deren Bedeutungszusammenhänge treffen (z. B. bei der Bewertung von Nachrichten); dies erklärt auch, warum es "Missverständnisse" gibt. Fazit: Das Gehirn ist kein Speicher von Informationen und Bedeutungen, die als "Input" einfach registriert werden, sondern das Gehirn ist ein Datengenerator, der seine eigenen Gedächtnis- und Bedeutungszusammenhänge aufbaut (oder: konstruiert).

Der Schweizer Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827) unterschied in seinen Überlegungen zum Lernen drei Dimensionen der "Selbstwerdung des Menschen": Der Mensch sei ein Werk der Natur, ein Werk der Gesellschaft und ein Werk seiner selbst. Diese Einteilung nehmen wir noch heute vor, allerdings mit anderen Worten: Lernen ist ein "natürlicher“ biologischer Vorgang, mit dem sich vor allem die Neurobiologie und die Neuropsychologie auseinandersetzen; Lernen ist sozial und kulturell geprägt, was Gegenstand der Sozialisationsforschung und der Soziologie ist; und Lernen ist ein eigenverantwortlicher beziehungsweise ein gezielt angeregter Vorgang, den die Lernpsychologie und die Pädagogische Psychologie untersuchen.

Hier geht es zunächst um die "natürlichen" Grundlagen des Lernens, ohne die ein Mensch nach der Geburt gar nicht überlebensfähig wäre. Das Gehirn lernt, neue Informationen mit den vorhandenen sinnvoll zu verknüpfen. Gelingt das nicht auf Anhieb oder nach einigen Versuchen, wendet sich (bei kleinen Kindern) entweder die Aufmerksamkeit einem anderen Gegenstand zu, oder es wird eine Neugier geweckt, um der Sache irgendwie auf den Grund zu gehen. Dieses Neugierverhalten ist bereits kurz nach der Geburt für alle (gesunden) Kinder charakteristisch. Neugier ist der Motor des Lernens.

Lernen durch Umgang und Erfahrung – das natürliche Lernen

In den ersten Lebensjahren absolviert jedes gesunde Kind, besonders wenn es sich unter förderlichen Umständen und Beziehungen entwickeln kann, ein rasant ablaufendes Lernprogramm. Es erwirbt Grundfertigkeiten in überlebenswichtigen Bereichen: Bewegung, Sprache, kognitive, soziale und emotionale Entwicklung, Ich-Entwicklung und Selbstständigkeit [1]. Durch forschendes Verhalten sammelt das Kind Erfahrungen, es lernt durch Abschauen und Nachahmen, später vor allem durch Spielen. Misserfolge und Fehler – ganz normale Erfahrungen in unser aller Lerngeschichte! – werden, gegebenenfalls mit Unterstützung der Eltern, Geschwister oder Erzieher, durch Üben ausgeglichen. So entstehen nach und nach aus dem natürlichen Lernen "Module" für einzelne Aspekte erfolgreicher Lebensbewältigung. Das Kind lernt zu sprechen, im sozialen Umgang verschiedene Rollen einzunehmen, Personen anhand von Merkmalen und Mustern zu unterscheiden, mit Dingen angemessen umzugehen, einfache Ursache-Wirkungszusammenhänge zu verstehen. Man könnte auch sagen: Das Kind erwirbt grundlegende Handlungskompetenzen. Gelernt wird vor allem aufgrund einer speziellen Erfahrung: wenn das Ergebnis einer Anstrengung "besser als erwartet" ausfällt. Nicht nachträgliche Belohnungen, sondern Erfolgserwartung und -zuversicht sind die Grundlagen von Motivation!

Lernen durch das soziale Umfeld – primäre Sozialisation

In jedem Menschen vollziehen sich von früh auf Lernprozesse, die nicht von einem "Akteur" zielgerichtet in Gang gesetzt werden, sondern die durch lebensweltliche Umstände herbeigeführt werden: beispielsweise durch eine anregende oder eine langweilige Umgebung, Ermutigung und Förderung oder Entmutigung und Vernachlässigung, Geschwister haben oder allein sein. Dieser Vorgang wird Sozialisation genannt. Wir alle eignen uns Einstellungen und Haltungen, Qualifikationen und Kompetenzen an, ohne dass wir in der Regel angeben könnten – außer mit dem Verweis auf "die Umstände" –, wie dies vor sich gegangen und das Ergebnis zustande gekommen ist: z. B. Ausdauer oder schnelles Nachlassen, Sorgfalt oder Schludrigkeit, Ängstlichkeit oder Erfolgszuversicht, Impulsivität oder Gelassenheit. Meist wird das Ergebnis der Sozialisation Habitus genannt oder auch Charakter.

Alle Menschen werden durch die Kultur und Gesellschaft geprägt, in die sie hineingeboren wurden und in denen sie aufwuchsen. Aber der Mensch ist nicht nur das Werk von "Natur" und "Umständen", sondern nach Pestalozzi unausweichlich auch das Werk "seiner selbst". Denn er ist, wie der Kulturphilosoph Johann Gottfried Herder (1744-1803) formulierte, ein "Entlassener der Natur". Dadurch müssen alle Menschen lernen, ihr Leben zu "führen" und aktiv zu gestalten. Entsprechend betonte der Königsberger Philosoph Immanuel Kant (1724-1804), dass der Mensch das einzige Lebewesen sei, das sich "einen Plan seines Verhaltens" machen müsse. Ich- und Selbstständigkeitsentwicklung sind daher überaus wichtige Dimensionen des natürlichen Lernens. Jeder heranwachsende Mensch braucht Unterstützung dabei, sich selbst zu verstehen und sich über sein Denken und Handeln klar zu werden – vor allem weil er für sein Tun und Unterlassen (und deren Folgen) mit zunehmendem Alter mehr und mehr verantwortlich wird. Aufklärung und Selbstständigkeit aber sind an die Fähigkeit zur sprachlichen Verständigung gebunden, weshalb (neben dem Sozialen Lernen) Sprachförderung durch Eltern und Erzieher in der frühen Kindheit als so grundlegend gilt. Hier werden Weichen gestellt, deren Auswirkungen noch weit in die Schulzeit hineinreichen.

"Natürliches" Lernen – Lernen ohne Lehrer – ist der Prototyp des Lernens überhaupt; denn das Gehirn lernt immer auf die gleiche Weise: mit seinen individuellen Prozessen der Informationsverarbeitung und Bedeutungskonstruktion. Das Gehirn ist das Ergebnis seines alltäglichen Gebrauchs.

Fußnoten

1.
Remo H. Largo: Babyjahre. Überarb. Neuausgabe München/Zürich 2011. Richard Michaelis: Die ersten fünf Jahre im Leben eines Kindes. München 2006.
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Autor: Ulrich Herrmann für bpb.de
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