Zukunft Bildung

9.9.2013 | Von:
Thomas Rauschenbach

Bildung ist mehr als Schule - Alltagsbildung

Alltagsbildung als Schlüsselfrage der Zukunft

Alltagsbildung als Voraussetzung formaler Bildung

Ungeachtet ihrer Zentrierung auf die formale Bildung ist die deutsche Schule mit den non-formalen und informellen Formen der Bildung, mit den anderen Bildungsorten und mit der Alltagsbildung weitaus enger verbunden, als dies auf Anhieb erkennbar wird. So hängt die Stabilität der Fundamente von Schule wesentlich davon ab, dass an anderer Stelle und von anderen Akteuren biografische Vorleistungen und schulergänzende Zusatzleistungen erbracht werden, ohne die schulisches Lernen kaum möglich und wahrscheinlich wenig erfolgreich wäre.

So müssen elementare Bildungsprozesse vor der Schulphase in der Familie und in der Kita erbracht, muss „Schulreife“ erst einmal erzeugt werden. Dazu zählen etwa der Spracherwerb, die Förderung von Lernbereitschaft oder die Entwicklung von altersgemäßen kognitiven Fähigkeiten. Für die Schulzeit selbst wird analog angenommen, dass Familien – konkret: immer noch meist die Mütter – stabilisierende Ergänzungsleistungen erbringen, indem sie beispielsweise bei den Hausaufgaben und beim Lernen helfen, Motivation auf- und Frustration abbauen oder die emotional-kognitive Reifung der Kinder unterstützen. Auch die Beiträge anderer Bildungsakteure – etwa der außerschulischen Jugendbildung oder der Kinder- und Jugendhilfe – werden stillschweigend vorausgesetzt.

Gleichzeitig wächst die Menge dessen, was Menschen lernen müssen, um in unserer Gesellschaft orientierungs- und handlungsfähig zu bleiben. Um das mit einem Vergleich zu beschreiben: Wer vor einigen Jahrzehnten in einer dörflichen Welt aufwuchs, konnte mit erheblich weniger sozialen und personalen Kompetenzen durchs Leben kommen als jemand, der heute in einer Großstadt heranwächst und in der Arbeitswelt moderner Industrie- oder Dienstleistungsunternehmen einen Platz sucht.

Ob Kinder und Jugendliche die dafür notwendigen Kompetenzen erwerben, entscheidet sich derzeit längst nicht nur in der Institution Schule: Es hängt in hohem Maß davon ab, wie viel Alltagsbildung ihnen neben und außerhalb der Schule zugänglich gemacht wird. Damit wächst auch das Risiko einer sozialen Spaltung: Während ein Teil der jungen Menschen heute enorme Möglichkeiten hat, Fähigkeiten und Fertigkeiten im alltäglichen Leben zu erweitern – ihnen wird in den Familien, den Kitas und in der Jugendarbeit, in Ferienkursen und Auslandsaufenthalten mehr Alltagsbildung angeboten als allen Generationen davor –, mangelt es gleichzeitig einer anderen Gruppe von jungen Menschen an den Zugängen genau zu diesen schulergänzenden Lernsettings.

Es sind – exemplarisch ausgedrückt – die Kinder, von denen Kita-Erzieherinnen berichten, dass sie sich die Gummistiefel nicht selbst anziehen können. Es sind die Vorschulkinder, die bei wissenschaftlichen Untersuchungen wie dem Kinder- und Jugendgesundheitssurvey auffallen, weil sie selten Zähne putzen und ihr Gebiss in einem schlechten Zustand ist. Es sind die Schüler, die sich in Computerwelten bewegen, aber nicht mit Gleichaltrigen kommunizieren können. Und es sind die Jugendlichen, die nie gelernt haben, ihre eigenen Gefühle wahrzunehmen und auszudrücken. Sie alle sind Verlierer bei den Prozessen der Alltagsbildung.

Deshalb kann sich die Schule nicht länger darauf verlassen, dass kleine Kinder so viel Anregung und Förderung erhalten, dass sie umstandslos „schulreif“ sind. Vielmehr muss die Schule zur Kenntnis nehmen, dass ein Teil der Kinder nicht in der Lage ist, dem Unterricht ihrem Alter gemäß aufmerksam und diszipliniert zu folgen. Darüber hinaus muss sich die Schule eingestehen, dass lebenspraktische Fähigkeiten oder die Kenntnis der Regeln eines friedlich-kooperativen Zusammenlebens nicht mehr so ausgeprägt sind, dass sämtliche Kinder an formalisierten Bildungsprozessen konzentriert und kontinuierlich teilnehmen können.

Die unhinterfragte Funktion der Alltagsbildung vor und neben der Schule verliert damit ihre Selbstverständlichkeit. Sie kommt zumindest nicht mehr in allen Fällen und ohne Weiteres zustande. Mehr noch: Die Brüchigkeit der Alltagsbildung und ihre „Unverbindlichkeit“ erhöhen erheblich die Gefahr, dass diese die herkunftsbedingten und schulisch stabilisierten sozialen Ungleichheiten nicht nur aufrecht erhält, sondern in gewisser Weise sogar verschärft.

Chancen eines erweiterten Bildungsbegriffs

Daher erscheint es notwendig, das Verhältnis und Zusammenspiel zwischen formaler, non-formaler und informeller Bildung bzw. Alltagsbildung neu zu bestimmen. Die Qualität und das Maß an gelingender Alltagsbildung kann sich dabei als entscheidend erweisen. Hierin liegt das bislang vernachlässigte Potenzial einer „zweiten bildungspolitischen Revolution“, bei der alle Dimensionen des oben skizzierten Bildungsbegriffs von Bedeutung sind. Es geht um eine Vielfalt von Bildungsinhalten und Kompetenzen, von Bildungsorten und Lernwelten sowie von verschiedenen Bildungsmodalitäten. Aus diesem Blickwinkel heraus wäre zu klären, welches Potenzial der Bildungsort Schule bei der Vermittlung von Alltagsbildung hat, welche Potenziale die anderen Bildungsorte haben und wie eine Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Lernwelten ermöglicht und erfolgversprechend gestaltet werden kann.

Mit Blick auf die sozialen Unterschiede beim Erwerb von Alltagsbildung stellt sich heutzutage mehr denn je die Frage, wann und in welcher Form es sinnvoll wäre, Kindern hierfür wirkungsvolle Ersatzleistungen in Form zusätzlicher öffentlicher Bildungsangebote bereitzustellen. Das legt ein konzeptionell neues Nachdenken etwa über Kindertageseinrichtungen und Ganztagsschulen nahe. Dort ablaufende non-formale Bildungsprozesse können dem schleichenden Verlust lebensweltlicher Bildungsleistungen entgegenwirken. Sie können damit etwas leisten, was innerhalb des klassischen Schulunterrichts erheblich schwieriger, wenn nicht gar unmöglich ist.

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Autor: Thomas Rauschenbach für bpb.de
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