Zukunft Bildung

10.9.2014 | Von:
Margret Kraul

Privatschulen in Deutschland

In der öffentlichen Wahrnehmung gelten Privatschulen vor allem als Schulen einer wohlhabenden Elite. Tatsächlich ist die Privatschullandschaft jedoch außerordentlich vielfältig. Auch die Motive der Eltern, die eine Privatschule auswählen, unterscheiden sich. Wie hat sich die Privatschullandschaft in Deutschland entwickelt und was bedeuten Privatschulen für das öffentliche Schulwesen?

PrivatschulePrivatschulen: Beitrag zur Vielfalt und Wahlfreiheit oder Verstärker sozialer Ungleichheit? (© picture-alliance/dpa)

Privatschulen erleben in Deutschland derzeit einen Boom: Ihr Anteil an den allgemeinbildenden Schulen hat sich in den letzten zwanzig Jahren mehr als verdoppelt. Für viele Eltern sind sie offensichtlich eine sehr bedenkenswerte Alternative, wenn es um das Aufwachsen und die Schulbildung ihrer Kinder geht. Zugleich stoßen Privatschulen in der Öffentlichkeit auf zahlreiche Vorbehalte: von dem Vorwurf, sie seien exklusive Lernorte für sozial Bessergestellte, bis hin zu der Befürchtung, Privatschulen trügen zur Aushöhlung des öffentlichen Schulsystems bei. Im Folgenden sollen Fakten und Mythen rund um Privatschulen geklärt werden.

Historische und rechtliche Grundlagen

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde im Zuge der Demokratisierung des Staates mit der Weimarer Reichsverfassung (WRV) von 1919 das Schulwesen grundlegend neu geregelt. Anstelle der bisher gültigen Unterrichtspflicht, die den Unterricht auch außerhalb von Schule ermöglichte, etwa durch Hauslehrer, trat die allgemeine Schulpflicht. Das Bildungssystem des 19. Jahrhunderts hatte privaten Initiativen noch breiten Raum gelassen. Doch nun war der Staat der Hauptverantwortliche für die Bildung der Jugend und entsprechend sollten alle allgemeinbildenden Schulen in der Regel öffentlich sein (vgl. WRV 143, 1).

    Weimarer Reichsverfassung, Artikel 143

    (1) Für die Bildung der Jugend ist durch öffentliche Anstalten zu sorgen. Bei ihrer Einrichtung wirken Reich, Länder und Gemeinden zusammen.

Ein besonderes Augenmerk galt dabei der Grundschule, die erstmals von allen Kindern gemeinsam besucht werden sollte. Sogenannte Vorschulen – Einrichtungen, die nahtlos in höhere Schulen übergingen – wurden aufgehoben. Dieser Neuerung lagen sozialpolitische wie pädagogische Überlegungen zugrunde: Einer durchgehenden Trennung der Schichten sollte entgegengewirkt und dem einzelnen Kind die Chance zu einer Ausbildung nach "Anlage und Neigung" gegeben werden.

    Weimarer Reichsverfassung, Artikel 146

    (1) Das öffentliche Schulwesen ist organisch auszugestalten. Auf einer für alle gemeinsamen Grundschule baut sich das mittlere und höhere Schulwesen auf. Für diesen Aufbau ist die Mannigfaltigkeit der Lebensberufe, für die Aufnahme eines Kindes in eine bestimmte Schule sind seine Anlage und Neigung, nicht die wirtschaftliche und gesellschaftliche Stellung oder das Religionsbekenntnis seiner Eltern maßgebend.

Trotzdem gab es die Möglichkeit, dass private Schulen öffentliche Einrichtungen ersetzten. Sie konnten vom Staat genehmigt werden, wenn sie den öffentlichen Schulen in ihren Lehrzielen und der Ausbildung ihrer Lehrkräfte nicht nachstanden und – vermutlich noch entscheidender –nicht zur "Sonderung" der Schülerinnen und Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern führten. Gründe für die Beantragung privater Schulen lagen einmal in dem Interesse an einem besonderen pädagogischen Angebot, wie es beispielsweise die Waldorfschulen verkörperten, zum anderen aber auch in der Tradition der zwar öffentlichen, aber dennoch weitgehend konfessionsgebundenen Volksschulen des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Mit der Zulassung privater konfessionsgebundener Volksschulen sollte gewährleistet werden, dass die Erziehungsberechtigten auch in Regionen mit konfessionellen Minderheiten eine Schule ihres Bekenntnisses wählen konnten (vgl. WRV, 147, 1. 2).

    Weimarer Reichsverfassung, Artikel 147 (1,2)

    (1) Private Schulen als Ersatz für öffentliche Schulen bedürfen der Genehmigung des Staates und unterstehen den Landesgesetzen. Die Genehmigung ist zu erteilen, wenn die Privatschulen in ihren Lehrzielen und Einrichtungen sowie in der wissenschaftlichen Ausbildung ihrer Lehrkräfte nicht hinter den öffentlichen Schulen zurückstehen und eine Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern nicht gefördert wird.

    Die Genehmigung ist zu versagen, wenn die wirtschaftliche und rechtliche Stellung der Lehrkräfte nicht genügend gesichert ist.

    (2) Private Volksschulen sind nur zuzulassen, wenn für eine Minderheit von Erziehungsberechtigten, deren Wille nach Artikel 146 Abs. 2 zu berücksichtigen ist, eine öffentliche Volksschule ihres Bekenntnisses oder ihrer Weltanschauung in der Gemeinde nicht besteht oder die Unterrichtsverwaltung ein besonderes pädagogisches Interesse anerkennt.

Die Schulartikel der WRV gingen fast unverändert in das deutsche Grundgesetz (GG) ein, in dem zwar nicht mehr eigens das Versorgungsgebot (vgl. WRV, 143) für den Staat formuliert, jedoch ein ausdrückliches Bekenntnis zur Errichtung von Privatschulen gegeben wird. Die Voraussetzungen für deren Genehmigung werden ähnlich gefasst wie in der WRV und sind bis heute gültig (vgl. GG 7,4).

    Art. 7 (4) GG

    (4) Das Recht zur Errichtung von privaten Schulen wird gewährleistet. Private Schulen als Ersatz für öffentliche Schulen bedürfen der Genehmigung des Staates und unterstehen den Landesgesetzen.

    Die Genehmigung ist zu erteilen, wenn die privaten Schulen in ihren Lehrzielen und Einrichtungen sowie in der wissenschaftlichen Ausbildung ihrer Lehrkräfte nicht hinter den öffentlichen Schulen zurückstehen und eine Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern nicht gefördert wird. Die Genehmigung ist zu versagen, wenn die wirtschaftliche und rechtliche Stellung der Lehrkräfte nicht genügend gesichert ist.

Diejenigen Privatschulen, die zur Erfüllung der gesetzlichen Schulpflicht dienen, im Wesentlichen die staatlichen Lehrpläne einhalten und staatlich anerkannte Abschlüsse anbieten, sind sogenannte Ersatzschulen. Sie werden keineswegs nur privat finanziert, sondern erhalten, wenn sie drei Jahre nach ihrer Gründung staatlich anerkannt worden sind, einen staatlichen Finanzausgleich von durchschnittlich 75 Prozent (unterschiedlich je nach Bundesland). Eine zweite Gruppe von Privatschulen bilden die Ergänzungsschulen.[1] Sie sind nicht an staatliche Lehrpläne gebunden, erhalten aber auch keinen Finanzausgleich. Ihre Bildungsgänge und Abschlüsse sind nicht mit denen der staatlichen Schulen vergleichbar. So kann beispielsweise an einer Internationalen Schule das IB-Diplom (International Baccalaureate Diplom) erworben werden oder an einer griechischen Schule das Apolytirion, die mittlere Reife. Inwieweit die Schulpflicht auf Ergänzungsschulen abgeleistet werden kann, ist in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich geregelt.


Fußnoten

1.
Die Trennung von Ersatzschulen und Ergänzungsschulen wird nicht von allen Bundesländern in dieser Form praktiziert und in der Literatur auch problematisiert (vgl. Vogel 2012).
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Margret Kraul für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Kongress

14. Bundeskongress Politische Bildung 2019
Was uns bewegt. Emotionen in Politik und Gesellschaft

Der 14. Bundeskongress Politische Bildung findet vom 07.-09. März 2019 in Leipzig statt und steht unter dem Titel "Was uns bewegt. Emotionen in Politik und Gesellschaft". Veranstaltungsorte sind die Kongresshalle am Zoo sowie die Volkshochschule Leipzig.

Mehr lesen

Doktorhut auf einem Bücherstapel

Meist gelesen im Dossier Bildung

Interaktive Grafik:
Das Bildungssystem in Deutschland
Bildungseinrichtungen, Übergänge und Abschlüsse

Zukunft Bildung:
Was ist Bildung?

Zeitleiste:
Deutsche Bildungsgeschichte – eine Zeitleiste
Unsere interaktive Zeitleiste führt durch die deutsche Bildungsgeschichte

Als Meta-Server und zentraler Wegweiser zum Bildungssystem in Deutschland bietet der Deutsche Bildungsserver Zugang zu hochwertigen Informationen und Internetquellen – umfassend und kostenfrei. Er verweist auf Internet-Ressourcen von Bund und Ländern, der Europäischen Union, von Hochschulen, Schulen, Landesinstituten sowie Forschungs- und Serviceeinrichtungen.

Mehr lesen auf bildungsserver.de

Ihr Feedback

Wir freuen uns über Ihre Anregungen, Kommentare und Themenvorschläge. Schreiben Sie uns: idee@dossierbildung.bpb.de

Kulturelle Bildung

Bildung für nachhaltige Entwicklung und kulturelle Bildung

Wie können kulturelle und politische Bildung Menschen zu nachhaltigem Denken und Handeln anregen? Wie der Themenschwerpunkt zeigt, arbeiten zahlreiche Akteurinnen und Akteure bereits sehr engagiert an tragfähigen Ansätzen.

Mehr lesen

In eigener Sache

Das Dossier "Bildung" soll wachsen. Im Laufe der nächsten Wochen und Monate finden Sie hier weitere Texte, Videos und Grafiken rund um das Thema Bildung.