Zukunft Bildung

12.11.2014

PISA – Wie Lernerfolg von Schülerinnen und Schülern weltweit gemessen wird

Measuring student success around the world

PISA ist der bisher umfassendste internationale Schulleistungsvergleich. Was ist die Zielsetzung der PISA-Studie? Welche Fähigkeiten und Kenntnisse werden abgefragt? Und wer ist für PISA verantwortlich? Der Animationsfilm stellt spielerisch die Grundlagen des Projekts dar und erklärt Ansatz, Aufbau und Trends.




Die deutsche Übersetzung:

Wer die Medienberichterstattung über Bildungsthemen verfolgt, wird feststellen, dass es in regelmäßigen Abständen großes Interesse daran gibt, in welchen Ländern die Schüler am besten lesen und rechnen, wo sie am meisten Ahnung von Naturwissenschaften haben und wie gut das eigene Land im internationalen Vergleich abschneidet. In diesem Zusammenhang fällt häufig das Wort "PISA".

Aber was ist PISA?

PISA ist eine Abkürzung. Sie steht für "Programme for International Student Assessment", also "Programm zur internationalen Schülerbewertung". Die PISA-Studie wurde von der OECD entwickelt. Und was ist die OECD? Hierbei handelt es sich wiederum um eine Abkürzung, diesmal für die "Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung".

Die OECD vereint insgesamt 34 Länder, die sich dem Motto "Eine bessere Politik für ein besseres Leben" verbunden fühlen. Ende der 1990er Jahre hatten die Mitgliedsstaaten der OECD die Idee zu messen, wie gut 15-Jährige weltweit auf das Leben in der Gesellschaft vorbereitet sind. 15-Jährige deshalb, weil sie – anders als 12- oder 17-Jährige – , meistkurz vor dem Ende ihrer Pflichtschulzeit stehen.

Bildungsexperten aus aller Welt entwickelten daraufhin einen zweistündigen Test, der sich auf Kernfächer wie Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften konzentriert. Die teilnehmenden Länder beschlossen, diesen Test alle drei Jahre durchzuführen und den Fokus immer abwechselnd auf eines der drei Kernfächer zu legen.

Soweit so gut. Aber Schüler-Tests sind nicht neu, was ist also so besonders an PISA?

Die PISA-Studie dient dazu, herauszufinden, ob die Schüler das, was sie in der Schule gelernt haben, anwenden und ob sie ihre Kenntnisse auf Probleme des Alltags übertragen können. Die PISA-Studie prüft also nicht so sehr, ob die Schüler Unterrichtsstoff auswendig gelernt haben. Sie will vielmehr herausfinden, ob die Schüler zum Beispiel mithilfe ihrer Schulkenntnisse in der Lage sind, die wesentlichen Informationen in einem Buch, einer Zeitung, einem Formular oder einer Bedienungsanleitung zu erfassen.

Bei der PISA-Studie geht es aber nicht darum, dem einzelnen Schüler vor Augen zu führen, wie gut oder schlecht er bestimmte Fähigkeiten beherrscht. Die PISA-Ergebnisse werden vielmehr analysiert und auf die nationale Ebene hochgerechnet. Stellen Sie sich einen Schüler vor, der irgendwo in einem Klassenzimmer am Schreibtisch sitzt und den PISA-Test macht. Nun zoomen sie raus, als würden Sie sich in einem Raumschiff befinden und von dort aus auf das gesamte Land blicken, in dem der Schüler gerade den Test macht. Genau so funktionieren auch die PISA- Testergebnisse: Die Studie zeigt den Ländern, wo sie – im Vergleich zu anderen Ländern, aber auch für sich genommen – stehen und wie effektiv sie ihre Kinder unterrichten.

PISA sagt nicht: "Diese Bildungspolitik oder -praxis hat genau diese oder jene Wirkung." Sie zeigt vielmehr, was möglich ist und wo es Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen den Bildungssystemen weltweit gibt. Und das wiederum hilft den Regierungen dabei, ihre Politik zu überdenken und neue Ansätze zu entwickeln, um die Leistung ihrer Schüler zu verbessern. Zudem hilft PISA Regierungen, Pädagogen und Eltern zu sehen, ob ihr Land Schritte in Richtung eines erfolgreicheren Bildungssystems gemacht hat. Tatsächlich sind die internationalen Ergebnisse der PISA-Studie in vielen Ländern inzwischen die Basis für landesweite Bildungsziele und Maßstäbe.

PISA betrachtet Bildungssysteme nicht nur dann als erfolgreich, wenn die Schüler bei den Tests hohe Punktzahlen erreichen, sondern auch wenn alle Schüler, unabhängig vom familiären Umfeld, gut abschneiden – nicht nur jene aus wohlhabenden, gebildeten oder kulturell interessierten Familien. So erzielt zum Beispiel ein relativ hoher Prozentsatz benachteiligter Schüler in Hongkong, Shanghai, Korea und Finnland mit die höchsten Punktzahlen in der PISA-Studie.

Die Wissenschaftler schauen sich neben den Testergebnissen auch die Antworten aus Fragebögen an, die an Schüler und Schulleiter verteilt wurden. So versuchen sie herauszufinden, was erfolgreiche Bildungssysteme auszeichnet. Werden Lehrer in solchen Systemen besser bezahlt? Sind die Klassen generell größer oder kleiner? Dürfen die einzelnen Schulen selbst entscheiden, was die Lehrer unterrichten, oder wird der Lehrplan von einer Behörde zentral festgelegt? Wird das Profil eines erfolgreichen Bildungssystems erkennbar, kann es als Modell für andere dienen.

Wie sieht der Test also aus?

Hier sind ein paar Aufgaben, die die Schüler lösen sollten: Die erste Aufgabe war Teil des Lese-Tests. Den Schülern wurde ein Diagramm gezeigt, unter dem folgender Begleittext stand: "Abbildung 1 zeigt die sich verändernden Wasserstände des Tschadsees in der Sahara in Nordafrika. Der Tschadsee war um 20.000 vor Christus, also während der letzten Eiszeit, komplett verschwunden. Um 11.000 vor Christus entstand er wieder neu. Heute ist sein Wasserstand ungefähr so hoch wie im Jahr 1.000 nach Christus." Die Schüler wurden gefragt: "Warum hat sich der Autor entschieden, das Diagramm an diesem Punkt der Geschichte des Tschadsees anfangen zu lassen?" Die Frage galt als relativ schwierig: Lediglich 37 % der Schüler in den OECD-Ländern beantworteten sie korrekt. Diese Schüler waren nicht nur in der Lage den Text zu lesen, sondern auch über das Gelesene nachzudenken und daraus Schlussfolgerungen zu ziehen. Sie fanden heraus, dass der Zeitstrahl ungefähr 11.000 vor Christus beginnt, weil das der Zeitpunkt war, an dem der Tschadsee wieder auftauchte, nachdem er während der Eiszeit komplett verschwunden war.

Die zweite Aufgabe war Teil des Mathe-Tests und spielt in einem Restaurant: "Du kannst in einer Pizzeria eine Pizza mit zwei Belägen bestellen: nämlich mit Käse und mit Tomaten. Du kannst dir aber auch deine eigene Pizza mit zusätzlichen Belägen zusammenstellen und dabei aus vier weiteren Zutaten auswählen: Oliven, Schinken, Pilzen und Salami. Ross möchte eine Pizza mit zwei zusätzlichen Belägen bestellen." Die Frage lautete: "Zwischen wie vielen verschiedenen Kombinationen kann Ross wählen?" Das ist wohl eine Aufgabe, zu der wir alle einen Bezug haben. Um die Frage zu beantworten, mussten die Schüler Zusammenhänge herstellen. Sie mussten in diesem Fall zwischen mehreren Lebensmitteln abwägen und dabei erkennen, dass die Auswahl, die ihnen zur Verfügung steht, nicht unbegrenzt ist (obwohl viele der Schüler das vielleicht besser gefunden hätten…). Auch diese Aufgabe fiel den Schülern nicht leicht. Lediglich 49 % kamen zu dem korrekten Ergebnis, dass nur 6 verschiedene Variationen möglich sind.

Was aber erfahren wir, wenn wir die Testergebnisse der einzelnen Schüler und die Antworten aus den begleitenden Fragebögen nehmen und dann "rauszoomen", um das ganze Land zu betrachten? Wir stellen zum Beispiel fest, dass die Mädchen in jedem PISA-Teilnehmerland, besser Lesen als die Jungen. In den OECD-Ländern beträgt der Leistungsabstand zwischen Mädchen und Jungen sogar den Gegenwert eines Schuljahrs. Auf der anderen Seite zeigt sich, dass Jungen im Schnitt besser in Mathematik abschneiden als Mädchen, und, dass es in den Naturwissenschaften kaum einen Unterschied zwischen den Geschlechtern gibt.

Des Weiteren haben wir herausgefunden, dass manche Elemente der Schulpolitik für Schüler nicht gut sind. So zeigt sich zum Beispiel, dass eine frühe Aufteilung der Schüler – also die frühzeitige Festlegung, dass manche Schüler einen akademisch ausgerichteten Bildungsgang besuchen sollen, andere hingegen einen beruflichen – nicht zu einer besseren Gesamtleistung führt. Die Aufteilung der Schüler geht auch mit einer größeren Ungleichheit zwischen Schülern mit guten Voraussetzungen und benachteiligten Schülern einher. Die Selektion erfolgt oftmals unter der falschen Annahme, dass nicht jeder das Gleiche lernen kann und dass nur manche Kinder "begabt" sind und hoch hinaus kommen können. Die PISA-Ergebnisse aber zeigen, dass alle Kinder Potenzial haben, wenn sie nur ausreichend unterstützt werden.

Das Sitzenbleiben ist ein anderes Element, das nicht zu besseren Leistung im PISA-Test beiträgt. Schulsysteme, die alles daran setzen, dass ihre Schüler den Unterrichtsstoff gleich beim ersten Mal lernen, schneiden besser ab als jene, bei denen die Lehrer wissen, dass sie den Stoff wenn nötig jedes Jahr aufs Neue in die Köpfe der immer gleichen Schüler hineinpauken können.

Wie erwähnt, sind die erfolgreichsten Schulen laut der PISA jene, in denen die Schüler unabhängig von ihrer Herkunft gut abschneiden. Dennoch zeigen die PISA-Ergebnisse, dass der familiäre Hintergrund einen großen Einfluss auf die Leistungen der Schüler hat. Diese Erkenntnis ist in vielerlei Hinsicht sehr offensichtlich. Wir wissen zum Beispiel, dass Kinder aus begünstigten Familien im Alter von drei Jahren wesentlich mehr Wörter gehört haben als ihre weniger privilegierten Altersgenossen. Eine aktuelle Studie aus den USA geht von rund 30 Millionen Wörtern aus.. Und allgemein gilt: Wenn es zu Hause keine Bücher gibt oder Kinder ihre Eltern nie lesen sehen, werden sie selbst auch weniger Leselust verspüren.

Darüber hinaus zeigen die PISA-Ergebnisse, dass, unabhängig vom sozialen Hintergrund, Schüler schlechter abschneiden, wenn sie eine Schule besuchen, deren Schülerschaft sich zum großen Teil aus benachteiligten Schülern zusammensetzt, als wenn sie auf eine Schule mit überwiegend begünstigter Schülerschaft gehen. Warum ist das so? Nun, dafür gibt es viele mögliche Gründe. Die PISA-Studie hat beispielsweise herausgefunden, dass Schüler aus sozial schwachen Verhältnissen in den meisten OECD-Ländern von gleich vielen oder sogar mehr Lehrern unterrichtet werden als ihre privilegierteren Altersgenossen. Mehr ist aber nicht notwendigerweise besser. Die besten Lehrer finden sich oft an Schulen mit begünstigten Schülern, in denen die Leistungen in der Regel ohnehin gut sind. Diese hochqualifizierten Lehrer fehlen jedoch an Schulen mit einer weniger günstigen Schülerzusammensetzung, also dort, wo sie am dringendsten benötigt werden.

Zwei Erkenntnisse aus der PISA-Studie können für die Regierungen weltweit von Interesse sein.

Erstens ein Land muss nicht reich sein, um seinen Schülern eine qualitativ hochwertige Bildung zu bieten. So schnitten zum Beispiel Shanghai und Polen im Lesen über dem OECD-Durchschnitt ab, dabei liegt das Volksvermögen beider Länder unter dem OECD-Durchschnitt.

Zweitens: der PISA-Rang eines Landes ist nicht in Stein gemeißelt.

Die Trends in den PISA-Studien zeigen, dass alle Länder enorme Möglichkeiten zur Verbesserung haben. So hat sich die Leseleistung der Schüler zwischen 2000 und 2009 beispielsweise in so unterschiedlichen Ländern wie Chile, Deutschland, Polen und Portugal gesteigert.

Obwohl es offensichtlich scheint, ist es doch wichtig, daran zu erinnern: Erfolgreiche Bildungssysteme stellen die Bildung ganz nach vorne. Diese Länder teilen die Ansicht, dass Fähigkeiten und Fertigkeiten erlernbar sind und dass alle Schüler ein hohes Niveau erreichen können. Sie zeigen, dass sie den Lehrberuf wertschätzen, indem sie in diesen Beruf investieren. So sind sie in der Lage, sehr gute Bewerber für das Lehramtsstudium zu gewinnen, diese gut auszubilden und dann auf die besten Lehrer zurückzugreifen. So wie jeder Schüler das Potenzial dazu hat, gute Leistungen zu erbringen, so hat jedes Land das Potenzial, sein Bildungsniveau insgesamt anzuheben.

Bei der PISA-Studie geht es also um weit mehr als Testergebnisse. Sicher, die Länder, die an der PISA-Studie teilnehmen, sind jedes Mal gespannt darauf zu erfahren, wie ihre Schüler im Vergleich zu den Schülern anderer Länder abschneiden. Aber das Ziel der PISA-Studie ist nicht der Wettbewerb um des Wettbewerbs Willen. PISA will die teilnehmenden Länder dazu zu ermutigen, die Erkenntnisse der Studie zu verwenden, um die Unterrichtsqualität und die Schülerleistungen zu verbessern. Jeder Schüler soll die besten Chancen erhalten, bestmögliche Ergebnisse zu erzielen.


Doktorhut auf einem Bücherstapel

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