Zukunft Bildung

1.4.2016 | Von:
Barbara Kerbel

Das Dilemma mit den Schulnoten

Frage 3: Sind Noten gerecht?

Nur die Leistung soll über den Zugang zu Studien- und Ausbildungsplätzen entscheiden, nicht der soziale Status: Das ist die Idee des Leistungsprinzips. Dieser Gedanke stand auch hinter der Einführung von Reifezeugnissen für alle Schultypen im 19. Jahrhundert. Diejenigen, welche die traditionelle Benotung befürworten, betonen häufig, dass das Leistungsprinzip die gerechteste Form der Auswahl darstelle: Wer viel leistet, bekommt auch viel – ein grundsätzlich fairer Gedanke.

Höherer Status, bessere Zensuren

Allerdings ist die Leistung, wie sie von Zensuren erfasst wird, keineswegs unabhängig von sozialen Faktoren. Das haben die Bildungsforscher Kai Maaz, Ulrich Trautwein und Franz Baeriswyl 2011 herausgefunden. In einer Studie verglichen sie die Schulnoten der Kinder mit ihren Leistungen in standardisierten Tests. Das Ergebnis: Bei gleicher Testleistung bekamen Arbeiterkinder etwas seltener gute Noten als Kinder aus Akademikerfamilien – und auch seltener eine Empfehlung für das Gymnasium.

Frage 4: Wer braucht Noten?

Noten sind als Bewertungssystem fest etabliert. Daran hat auch die jahrelange Kritik wenig geändert. Schülerinnen und Schüler wollen sich miteinander vergleichen. Eltern wollen wissen, wo ihre Kinder stehen. In bundesweiten Umfragen äußern Eltern immer wieder, dass sie Noten wünschen.

Noten entscheiden über die weitere Schullaufbahn

Studien haben ergeben, dass Noten den weiteren Schulerfolg recht gut vorhersagen können: Wer am Ende der Grundschule gute Noten hat, bleibt mit großer Wahrscheinlichkeit auch in den folgenden Jahren eine gute Schülerin oder ein guter Schüler. Noten erlauben eine Prognose über die weitere Schullaufbahn; in der Forschung nennt man das prädiktive Validität oder Vorhersagevalidität. Im traditionell mehrgliedrigen deutschen Schulsystem werden die Schülerinnen und Schüler nach der Grundschule auf unterschiedliche Schulformen verteilt. Darüber gibt es seit Langem kontroverse Diskussionen in Politik, Wissenschaft und Praxis. Dabei argumentieren Politikerinnen und Politiker von CDU, CSU und FDP meist für die frühe Verteilung der Schülerinnen und Schüler auf unterschiedliche Schulformen, während die aus der SPD, dem Bündnis90/Die Grünen und der Linkspartei eher für eine längere gemeinsame Schulzeit werben. Diejenigen, welche die frühe Aufteilung befürworten, halten Noten dabei für unverzichtbar: Die Schulen müssten eine effiziente Leistungsauswahl treffen, was mit klassischen Noten am besten gelinge, argumentieren sie.

Lange war es fast überall alleine von den Noten abhängig, welche Schulform ein Kind im Anschluss an die Grundschule besuchen konnte. In Bayern, Sachsen, Thüringen und Brandenburg gilt das im Prinzip noch immer. Dort geben die Grundschulen bindende Schulformempfehlungen ab, die sich ausschließlich auf die im Jahr vor dem Übergang erreichten Noten stützen. In allen anderen Bundesländern können inzwischen die Eltern die weiterführende Schule für ihr Kind auswählen; auch hier geben die Grundschulen zwar Empfehlungen ab, doch sind diese nicht bindend und beziehen zudem meist weitere Bewertungskriterien wie etwa die Persönlichkeitsentwicklung und das Lern- und Sozialverhalten ein.

Maßstab für Betriebe und Universitäten

Spätestens am Ende der Schulzeit werden Noten aber zum entscheidenden Maßstab: Die Durchschnittsnote im Abitur oder im Mittleren Schulabschluss ist das wichtigste Kriterium für Universitäten und Betriebe bei der Auswahl von Studierenden und Auszubildenden. Keine Schule kann bislang auf Abschlusszeugnisse mit Ziffernnoten verzichten; das räumen auch Notenkritikerinnen und Notenkritiker ein. Aber können die Abschlussnoten wirklich vorhersagen, ob jemand im Studium Erfolg haben wird? Auch diese Frage wird wissenschaftlich untersucht. In einer Meta-Analyse von 26 Studien aus fünf Ländern fanden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Stuttgart-Hohenheim einen deutlichen Zusammenhang zwischen der Abiturdurchschnittsnote und den Noten im Grund- und Hauptstudium verschiedener Fächer (Trappmann, Hell, Weigand und Schuler, 2007); eine Meta-Analyse ist eine Auswertung von vielen Einzelstudien, deren Ergebnisse statistisch zusammengefasst werden. Zu einem vergleichbaren Ergebnis kam auch eine Studie mit Auszubildenden (Velten & Schnitzler, 2011); allerdings war darin der Zusammenhang zwischen Schulnoten und dem praktischen Teil der Ausbildung geringer als der Zusammenhang mit der theoretischen Ausbildungsprüfung.

Frage 5: Wie lässt sich ohne Noten bewerten?

So lange es Kritik an Zensuren gibt, so lange suchen Pädagoginnen und Pädagogen nach Alternativen. Besonders weit gehen seit vielen Jahren reformpädagogische Schulen: Die Waldorfschulen und mehrere Modellschulen verzichten bis zur 9. Klasse vollständig auf Noten. Leistung wird an diesen Schulen unter anderem durch Präsentationen beurteilt, durch eine Sammlung von Arbeiten (sogenannte Portfolios) und durch regelmäßige Entwicklungsgespräche zwischen Lehrkräften, Eltern und Schülerinnen und Schülern .

Berichte, Gespräche, Rasterzeugnisse

Aber auch an den Regelschulen in vielen Bundesländern wird mit Alternativen experimentiert. So sind seit dem Schuljahr 2014/15 etwa die Grundschulen in Schleswig-Holstein grundsätzlich notenfrei; bayerische Grundschulen können seit demselben Jahr bis zur dritten Klasse auf Zeugnisse verzichten und stattdessen Eltern und Kinder zu einem gemeinsamen Lernentwicklungsgespräch einladen. In einigen Bundesländern gibt es statt Zensuren sogenannte Rasterzeugnisse, in denen für jedes Fach einzelne Fähigkeiten aufgelistet werden.

Alle diese Verfahren haben einen großen Vorteil: Sie machen besser sichtbar, was ein Kind kann. Je mehr Facetten in die Bewertung aufgenommen werden, desto gerechter wird diese. Gemeinsame Gespräche tragen außerdem dazu bei, Verständnis und Vertrauen zwischen allen Beteiligten aufzubauen; die Bewertung wird damit weniger hierarchisch.

Gerechter, aber aufwändiger

Bei allen Vorteilen, die alternative Bewertungsverfahren gegenüber Ziffernnoten erkennen lassen, bringen jedoch auch sie gewisse Schwierigkeiten mit sich. Zunächst ist festzuhalten, dass auch verbale Beurteilungen nicht gegen Verzerrungseffekte immun sind, wie Studien gezeigt haben. Dass subjektive Eindrücke des Bewertenden zu einem gewissen Grad in die Bewertung einfließen, ist ein grundsätzliches Problem aller Leistungsbewertungen, das durch alternative Bewertungsverfahren zwar abgemildert, aber nicht vollständig ausgeschlossen eliminiert werden kann.

Zudem sind sie bisher noch lange nicht so weit verbreitet wie Ziffernnoten und daher zumindest für den Augenblick noch weniger gut verständlich und vergleichbar. Betriebe und Universitäten aber wünschen sich für die Bewerberauswahl möglichst effiziente Kriterien, da sie in der Regel eine Vielzahl von Bewerbungsunterlagen zu sichten haben.

Damit ist ein weiterer Punkt angesprochen: Alternative Bewertungsverfahren erfordern mehr Zeit. Das gilt für die "Abnehmerseite", die auf ihrer Basis die Eignung von Bewerbern abschätzen muss, vor allem aber für die Lehrkräfte, die etwa detaillierte Berichte schreiben und mit Eltern und Kindern diskutieren müssen, statt Ziffern zu addieren und einen Durchschnitt zu bilden. Aber auch für die Schülerinnen und Schüler (und für deren Eltern) ist es mitunter schwieriger, eine kleinteilige Bewertung zu interpretieren. So erfahren sie in einem Rasterzeugnis zum Beispiel für das Fach Mathematik, wie gut sie multiplizieren können, Textaufgaben verstehen und geometrische Formen erkennen. Im Gegensatz zu Ziffernnoten ist so zwar unmittelbar einsichtig, in welchem Bereich tatsächlich Nachholbedarf besteht und in welchem nicht. Was man aber zumindest auf den ersten Blick nicht erfährt: ob das nun insgesamt im Vergleich zu den Mitschülerinnen und Mitschülern eine gute, eine mittelmäßige oder eine schlechte Leistung ist.


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