Zukunft Bildung

5.12.2016 | Von:
Cristian D. Magnus

Der Qualitätspakt Lehre – Möglichkeiten und Grenzen einer Verbesserung von Studienbedingungen und Lehre durch Wettbewerb

Finanzierung des Qualitätspakts



Insgesamt stehen für den Qualitätspakt Lehre Fördermittel im Umfang von 2 Milliarden Euro für neun Jahre, also bis zum Jahr 2020, zur Verfügung. Gemessen an der Summe der Fördermittel und der Zahl der beteiligten Hochschulen ist der Qualitätspakt Lehre damit das größte wettbewerbliche Programm zur "kapazitätsneutralen" Förderung der Lehre in der Geschichte der Bundesrepublik. Kapazitätsneutral bedeutet, dass die eingeworbenen Mittel für die Lehre ausgegeben werden können, ohne gleichzeitig mehr Studierende aufnehmen zu müssen. Damit steht den geförderten Hochschulen also für die Lehre tatsächlich mehr Geld pro Studierendem zur Verfügung. Aktuell werden Projekte an 156 Hochschulen im Qualitätspakt umgesetzt. Dabei werden, nicht zuletzt auch in Bezug auf die Größe, sehr unterschiedliche Hochschulen gefördert: Während die kleinste geförderte Hochschule, die Palucca Hochschule für Tanz in Dresden, gerade einmal um die 160 Studierenden ausbildet, sind es an der größten geförderten Hochschule, der Ludwigs-Maximilians-Universität in München, über 46.000 Studierende.

Zwar ist der Qualitätspakt ein vergleichsweise großes Förderprogramm, doch weisen Kritiker darauf hin, dass er zumindest im Vergleich zu anderen Hochschulförderprogrammen des Bundes ein eher geringes Finanzvolumen aufweist. So gibt der Bund beispielsweise für die Schaffung neuer Studienplätze, die Forschung oder die Exzellenzinitiative wesentlich größere Summen aus (siehe Infografik). Vergleicht man die Zahlen der großen hochschulbezogenen Förderprogramme des Bundes, die seit 2011 gestartet sind, dann ergibt sich folgendes Bild: Neben dem Hochschulpakt, der mit 8,6 Milliarden Euro alle Hochschulen von 2011 bis 2015 nicht kapazitätsneutral fördert, und der Exzellenzinitiative, die 39 deutsche Universitäten von 2011 bis 2017 mit 2,7 Milliarden bezuschusst, ist der Qualitätspakt mit 186 geförderten Hochschulen und 2 Milliarden über neun Jahre das Schlusslicht der vom Bund finanzierten Programme (siehe Tabelle).

Bereichsspezifische Beispiele für Projektprogramme des Bundes (2011-2020)

Name des ProgrammsHochschulpakt IIIExzellenzinitiativeQualitätspakt Lehre
Wofür?GrundausstattungForschungStudium und Lehre
Laufzeit?4 Jahre5 Jahre10 Jahre
Wer?alle/ca. 420 Hochschulenca. 39 Hochschulenca. 186 Hochschulen
Wieviel?7 Milliarden2,7 Milliarden2 Milliarden
Summe im Jahr
(Beispiel 2013)
2.171.942.000 €362.925.000 €200.000.000 €
Kritisiert wird von verschiedenen Akteuren wie beispielsweise den Studierenden am Qualitätspakt, dass nicht alle Hochschulen von den Mitteln des Qualitätspakts Lehre profitieren: Lediglich zwei Drittel der ca. 240 staatlichen Hochschulen waren mit ihrer Bewerbung erfolgreich, sodass etwa ein Drittel aller staatlichen Hochschulen keine zusätzlichen Mittel zur Verbesserung der Studienbedingungen und der Lehre erhalten haben. Es steht zu befürchten, dass diese Hochschulen den Anschluss an die geförderten Hochschulen verlieren könnten.

Umsetzung der geförderten Projekte vor Ort



Die Förderung durch den Bund kommt in gewisser Hinsicht auch einer Adelung gleich – man hat sich in einem kompetitiven Verfahren durchgesetzt und kann nun mit Innovationen in der Lehre sichtbar werden. Die ist auch attraktiv, um damit um Studierende und weitere Mittel werben.
Dabei ist hervorzuheben, dass die Fördergelder aus dem Qualitätspakt den mittelgroßen und mehr noch den kleinen Hochschulen besonders stark zugutekommen. Denn an diesen Hochschulen kamen, gemessen an ihrem Etat, teils enorme Fördersummen an (Infobox).

Infobox

Zum Vergleich ein Beispiel:

Bei einem Jahreshaushalt von 24 Millionen Euro an einer Hochschule mit 4.000 Studierenden (Pädagogische Hochschule Heidelberg) entspricht die aus dem Qualitätspakt erhaltene Fördersumme von 4,4 Millionen Euro fast einem Fünftel des Gesamthaushalts. Damit lassen sich potentiell viel stärkere Effekte erzielen als an einer Hochschule mit einem Jahreshaushalt von 1,2 Milliarden Euro und 32.000 Studierenden (Technische Universität München), wo die Fördersumme von 23 Millionen Euro gerade einmal knapp 2 Prozent des Gesamthaushalts ausmacht.
Nach der Bewilligung der Fördermittel stellte sich für viele Hochschulen die Frage, wie die aus dem Qualitätspakt finanzierten Projektideen nun konkret umgesetzt werden sollten. Diese Frage ist alles andere als trivial, denn während es an nahezu allen Hochschulen Erfahrungen in der Umsetzung von Forschungsprojekten gibt, betraten die Hochschulen mit Projekten zur Verbesserung von Studium und Lehre größtenteils neues Terrain. Eine besondere Schwierigkeit rührt daher, dass die Projekte – wie die meisten Forschungsprojekte – finanziell, zeitlich und personell begrenzt sind, größtenteils aber – ganz anders als Forschungsprojekte – dauerhafte und weitreichende Veränderungen im Lehrbetrieb bzw. der Hochschule insgesamt anstreben. Kurzum: Viele der geförderten Projekte laufen auf einen Veränderungsprozess der Hochschule als Ganze hinaus. Diesen zu managen ist zeit- und ressourcenintensiv: Hochschulen sind sehr spezielle Organisationen, in denen die Mitglieder – nicht zuletzt wegen des großen Stellenwerts des Prinzips der Freiheit der Forschung – einen hohen Grad an Autonomie besitzen, so dass es schwer sein kann, alle Interessen unter einen Hut zu bringen.

Verbunden damit stellt sich die Frage, was passiert, wenn die zusätzlichen Mittel nicht mehr fließen. Bereits im Jahr 2015 wurde entschieden, welche Hochschulen in der zweiten Förderphase ab 2016 weiterhin Fördermittel erhalten. Wie die Situation an den Hochschulen aussehen wird, die nicht mehr gefördert werden und was nach Auslauf des Programms 2020 geschieht, ist noch ungewiss. Zwar wurde von Seiten des Bundes angekündigt, die laufenden Programme auf die eine oder andere Weise zu verstetigen und tatsächlich haben sich Bund und Länder 2014 auf eine Verfassungsänderung verständigt, die das Kooperationsverbot für den Hochschulbereich weitgehend aufhebt.[3] Prinzipiell bestehen also gute Aussichten, dass der Bund die Finanzierung der Hochschulen einschließlich der Lehre auch nach Ende der laufenden Programme weiterhin bedienen wird. Bislang ist aber völlig unklar, wie das aussehen kann. Somit stehen die durch den Qualitätspakt geförderten Hochschulen weiterhin vor dem Problem, dass sie die zur Verbesserung der Lehre initiierten Projekte unter Umständen nicht in dauerhafte Strukturen überführen können und sie daher möglicherweise nach Ablauf der Förderperiode verpuffen, ohne nachhaltige Wirkungen zu hinterlassen. Selbst wenn die Hochschulen ihre Projekte aus eigenen Mitteln verstetigen möchten, wird dies den kleinen unter ihnen schwerer fallen als den großen, weil sie in ihren Etats über weniger finanziellen Spielraum verfügen.

Fazit und Ausblick



Wurde die Qualität von Hochschulstandorten lange in erster Linie daran bemessen, wie sie im Bereich der Forschung abschneiden, scheint sich mit dem Qualitätspakt nun erstmals die Lehre als eigenes Qualitätsmerkmal von Hochschulen zu etablieren. Ob dies auf lange Sicht dazu führt, dass die Qualität der Lehre in Deutschland insgesamt steigt, kann jetzt noch nicht abgesehen werden. Das liegt auch daran, dass es eine breite Diskussion darüber gibt, welche Merkmale auf gute Lehre Rückschlüsse ziehen lassen und somit eine Bewertung oft sehr subjektiv bleibt.
Gemessen an den aktuellen Entwicklungen ist es wahrscheinlich, dass sich Hochschulstandorte entwickeln werden, die sich stärker auf Lehre als auf Forschung konzentrieren, weil die Mittel nicht ausreichend sind, um beides auf hohem Niveau zu betreiben. Dafür spricht beispielsweise, dass es neuerdings Lehrprofessuren und vermehrt Hochdeputatsstellen gibt, die keinen oder nur wenig Spielraum für Forschung haben. Vergleichbares ist in vielen anderen Ländern – etwa in Großbritannien oder den USA – gängig, im Sinne der Humboldt’schen Idee der Einheit aus Forschung und Lehre, die für die deutsche Universität geradezu identitätsstiftend ist, wäre die Entwicklung einer solchen Arbeitsteilung aber wohl eher nicht.

Zu den positiven Nebeneffekten des Qualitätspakts gehört unter anderem, dass das Thema Qualität von Lehre und Studienbedingungen mittlerweile durch verschiedene Forschungsprogramme begleitet wird. Beispielsweise gibt es ein eigens eingerichtetes Begleitforschungsprogramm des BMBF, welches sich mit den Auswirkungen der Projekte des Qualitätspakts Lehre beschäftigt. Das Thema wird aber nicht nur beforscht: Es gibt neuerdings verstärkt auch institutionen-, fach- und hochschulübergreifende Initiativen, die sich mit dem Thema beschäftigen, ein Beispiel hierfür ist die sogenannte "Charta gute Lehre", die unter Federführung des Stifterverbands für die deutsche Wissenschaft entstand oder auch Publikationen wie "Gute Lehre - Frischer Wind an deutschen Hochschulen" der HRK. Ziel der Beforschung und solcher Initiativen ist es, gute Praxis in Bezug auf die Lehre sichtbar zu machen und dadurch anderen Hochschulen zu ermöglichen, solche guten Praxen zu übernehmen. Auch wurde mit der "Qualitätsoffensive Lehrerbildung" bereits ein neues Bundesprogramm geschaffen, das sich der Qualitätsentwicklung in der Lehre widmet. Es hat 2015 begonnen und richtet sich auf die Qualität der Studienbedingungen in den Lehramtsstudiengängen sowie der bundesweiten Mobilität der Lehramtsstudierenden.

Neben dem Problem der ungesicherten Nachhaltigkeit der geförderten Projekte besteht ein grundsätzliches Problem von wettbewerbsbasierten Programmen wie dem Qualitätspakt darin, dass sie Gefahr laufen durch allzu starre Förderrichtlinien mit der Zeit eine zunehmende Gleichartigkeit der Projektideen zu erzeugen: Die von ihnen gesetzten finanziellen Anreize können dazu führen, dass am Ende alle mehr oder weniger das Gleiche machen, weil dafür eben bekanntermaßen eine Förderung vom Staat zu bekommen ist. Ideen und Ansätze, die Hochschulen aus eigenem Antrieb jenseits der Förderprogramme entworfen haben, werden dann unter Umständen fallengelassen, weil sie vielleicht nicht ins Schema passen. Doch stellen gerade sie vielleicht besonders innovative und nachhaltige Lösungen dar. Der Staat als Mittelgeber sollte sich bemühen, solche nicht beabsichtigten Effekte seiner Programmförderung zu minimieren. Insbesondere sollte er bei der Vergabe von Fördermitteln zukünftig größere Sensibilität dafür zeigen, was in den Hochschulen bereits an guter Praxis vorhanden ist und diese dabei unterstützen plausibel nachhaltige und auf die spezifischen Bedingungen vor Ort zugeschnittene Maßnahmen zur Verbesserung von Studienbedingungen und Lehre zu erarbeiten und umzusetzen. Nicht zuletzt ist es jedoch auch von Bedeutung, dass Mittel bereitstehen müssen, um Routineaufgaben zu verstetigen, die durch Projekte entstehen und die Lehre dauerhaft verbessern können.

Fußnoten

3.
Die Bestimmungen im Artikel 91b des Grundgesetzes wurden dahingehend erweitert, dass sich der Bund nun explizit an der "Förderung von Wissenschaft, Forschung und Lehre" beteiligen darf.

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