Zukunft Bildung

12.6.2018 | Von:
Stefan Danner

Demokratische Partizipation von Kindern in Kindergärten: Hintergründe, Möglichkeiten und Wirkungen

Wenn von Partizipation von Kindern in Kindergärten die Rede ist, dann sind damit Möglichkeiten der Mitbestimmung im Kindergartenalltag gemeint. Die Einflussnahme der Kinder kann z.B. die gemeinsamen Regeln betreffen, das festzulegende Tagesprogramm oder die Raumumgestaltung.[1]
Kindergartenkinder klettern während eines Ausflugs auf einen ZaunKindergartenkinder klettern während eines Ausflugs auf einen Zaun. (© picture-alliance/dpa)

Die aktuelle Diskussion um Partizipation in Kindergärten hat eine längere Vorgeschichte. Zwei Beispiele: In den 1970er Jahren begannen Vertreter des Situationsansatzes in der Kindergartenpädagogik mit der intensiven Einbeziehung von Kindern in Entscheidungen; im Mittelpunkt standen dabei insbesondere thematische Projekte, die von Kindern und Erwachsenen gemeinsam entwickelt wurden. Einen anderen Impuls setzten Lothar Klein und Herbert Vogt in den 1990er Jahren; ausgehend von den basisdemokratischen Ideen des französischen Reformpädagogen Célestin Freinet empfahlen die beiden Autoren, in Kindertageseinrichtungen konsequent den Gedanken der Partizipation in die Tat umzusetzen. Emphatisch schrieben sie:

"Den Kindern das Wort zu geben, also kindzentriert zu denken und zu handeln, bedeutet (...):
  • In andauernden Veränderungsprozessen
  • mit Kindern gemeinsam,
  • auf nur jeweils konkrete Situationen bezogen
  • und individuell zugeschnitten
  • auszuhandeln,
  • wo die Grenzen der Freiheit liegen,
  • und wer wem gegenüber
  • bis wohin verantwortlich ist.
(...) In Gruppenbesprechungen, im Kinderrat, in Werkstatt- oder Finanzräten entscheiden Kinder über alle möglichen Angelegenheiten des Zusammenlebens im Alltag."[2]

Äußerungen dieser und ähnlicher Art erzeugten zum damaligen Zeitpunkt im öffentlichen Diskurs und in offiziellen Dokumenten nur bedingt eine Resonanz. Doch wie ist der Stand heute? Hat sich das Thema "Partizipation/demokratische Teilhabe in Kindergärten" mittlerweile etabliert, welchen Stellenwert hat es?

"Partizipation" in den Bildungsplänen

Feststellbar ist zurzeit ein uneinheitlicher Etablierungsgrad. Dies lässt sich unter anderem ablesen an den aktuellen Kindergarten-Bildungsplänen[3] der Bundesländer. Die Durchsicht zeigt, dass die Bildungspläne der Bundesländer das Thema Partizipation sehr unterschiedlich behandeln. Fasst man die Bildungspläne, die ähnlich mit dem Thema umgehen, zusammen, ergeben sich insgesamt vier verschiedene Varianten[4] :

In Variante A wird der Kindergarten verstanden als "Kinderstube der Demokratie". Entsprechend umfangreich und detailliert sind die einschlägigen Ausführungen. Es wird unterstrichen, dass die Partizipationsrechte der Kinder institutionell verankert sein müssen. In Variante B wird das Prinzip der demokratischen Teilhabe nachdrücklich unterstützt. Offen bleibt, wann genau und in welcher Form die Teilhabe ermöglicht werden soll und inwiefern eine institutionelle Verankerung der Mitbestimmungsrechte erforderlich ist. In Variante C wird das Prinzip der Beteiligung benannt und bejaht. Offen bleibt, in welchem Umfang, wann genau und in welcher Form die Kinder bei Entscheidungen mitbestimmen können und wie verbindlich die Idee der Partizipation im Alltag verankert wird. In Variante D wird den Kindern zugestanden, dass sie ihre Meinung äußern können. Offen bleibt, welchen Stellenwert diese Meinungsäußerungen im Kindergartenalltag haben.

Schauen wir uns zwei Bildungspläne etwas genauer an; es sind Pläne, die der Variante A zugeordnet werden können: der Bildungsplan des Landes Schleswig-Holstein "Erfolgreich starten: Leitlinien zum Bildungsauftrag von Kindertageseinrichtungen" und "Der Bayerische Bildungs- und Erziehungsplan für Kinder in Tageseinrichtungen bis zur Einschulung".

Zunächst zu den "Leitlinien" des Landes Schleswig-Holstein.[5] Dort wird der demokratietheoretische und pädagogische Hintergrund eines partizipativen Kindergartenansatzes erläutert:
    "Demokratie basiert auf den Menschenrechten und den damit verbundenen Grundwerten Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Dass diese individuellen Rechte der einzelnen Gesellschaftsmitglieder auch für Kinder gelten, ist international in der UN-Konvention für die Rechte des Kindes vom 20. November 1989 vereinbart. Demokratie als Leitprinzip sichert den Kindern demokratische Rechte zu und wendet sich gegen undemokratische Verfahrensweisen.
    (…)
    In Kindertageseinrichtungen erleben Kinder in der Regel das erste Mal außerhalb der Familie, wie eine Gemeinschaft zwischen Kindern und Erwachsenen geregelt ist, wie Entscheidungen gefällt werden und welchen Einfluss sie auf diese Prozesse haben. Sie erleben, ob alle Entscheidungen von anderen gefällt werden oder ob ihre Stimme gehört wird und sie Einfluss auf die Gestaltung ihres unmittelbaren Alltags in der Einrichtung haben. Wenn Demokratie als Leitprinzip angewendet wird, sind Kindertageseinrichtungen ein Lern- und Übungsfeld für demokratische politische Bildung und wirken als "Kinderstube der Demokratie".
Entsprechend charakterisieren die "Leitlinien" Partizipation als durchgängiges Prinzip des Kindergartens:
    "Partizipation ist mehr als eine punktuelle Beteiligung von Kindern bei einzelnen Fragen. Sie zieht sich als pädagogisches Prinzip durch den gesamten Alltag der Kindertageseinrichtung."
Nach Ansicht der Autorinnen und Autoren der "Leitlinien" bedarf es daher einer "strukturellen Verankerung" der Beteiligungsrechte in den Kindergärten:
    "Alle Kindertageseinrichtungen stehen vor der Frage, welche Rechte sie Kindern zugestehen wollen. Rechte zu haben, bedeutet immer auch, um diese Rechte zu wissen und diese Rechte eigenständig in Anspruch nehmen zu können. Dies können Kindertageseinrichtungen gewährleisten, indem sie im Rahmen ihrer Konzeption eindeutig festlegen, worüber Kinder mitentscheiden dürfen und wie die Beteiligungsverfahren geregelt sind."
Am Ende der "Leitlinien" werden die Leserinnen und Leser auf einen besonderen Service hingewiesen, der noch einmal den Stellenwert des Themas unterstreicht:
    "Zur Unterstützung der Umsetzung der Bildungsleitlinien und der Umsetzung von Partizipation wurden Multiplikatorinnen und Multiplikatoren ausgebildet. Sie unterstützen Kindertageseinrichtungen bei konkreten Vorhaben zur Verbesserung der Bildungsqualität bzw. bei der Umsetzung von Partizipation im Alltag der Einrichtung."
"Der Bayerische Bildungs- und Erziehungsplan" setzt ähnliche Akzente.[6] Hier wird betont:
    "Als (Mit-)Betroffene und "Experten in eigener Sache" werden alle Kinder in bildungs- und einrichtungsbezogene Planungs-, Aushandlungs- und Entscheidungsprozesse regelmäßig mit einbezogen. Es wird ihnen dabei ernsthaft Einflussnahme auf Inhalte und Abläufe zugestanden."
Beteiligung, so die Autorinnen und Autoren, sei von klein auf möglich. Das Alter spiele für die Beteiligungsform eine Rolle, nicht hingegen für die Beteiligung als solche. Entsprechend wird dem Prinzip der Beteiligung ein hoher Stellenwert eingeräumt:
    "Kinderbeteiligung erweist sich als Kernelement einer zukunftsweisenden Bildungs- und Erziehungspraxis, sie ist der Schlüssel zu Bildung und Demokratie. Sie hat einen breiten Einsatzbereich und einen hohen Wirkungsgrad". "Partizipative Bildungsprozesse verklammern und verknüpfen alle Kompetenz- und Bildungsbereiche, sie fordern und stärken die Kinder in ihrer gesamten Persönlichkeit. Partizipation zielt auf Mündigkeit, die Fähigkeit zur Selbst- und Mitbestimmung, die Kinder nur selbsttätig erwerben können."
Soweit die Theorie. Doch wer mit dem Thema nicht vertraut ist, wird sich vermutlich fragen: Ist Partizipation im Kindergarten überhaupt machbar? Und wenn ja: Welche Partizipationsformen gibt es, und wie funktionieren sie?

Fußnoten

1.
Der vorliegenden Text ist die überarbeitete und aktualisierte Version dieses Aufsatzes: Stefan Danner, Partizipation von Kindern in Kindergärten: Hintergründe, Möglichkeiten und Wirkungen, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 22-24/2012, S. 40 – 45.
2.
Lothar Klein/Herbert Vogt, Freinet-Pädagogik in Kindertageseinrichtungen, Freiburg, Basel, Wien 1998, S. 57f.
3.
Der Begriff "Kindergarten-Bildungsplan" ist vereinfachend, denn die betreffenden Dokumente tragen in jedem Bundesland einen anderen Namen, etwa "Berliner Bildungsprogramm für Kitas und Kindertagespflege", "Hamburger Bildungsempfehlungen für die Bildung und Erziehung von Kindern in Tageseinrichtungen" oder "Bildungsprogramm für Saarländische Kindergärten". - Unterschiede gibt es überdies bei den in den Blick genommenen Altersgruppen: Der niedersächsische Plan zielt auf Kinder "im Elementarbereich", der hessische Plan zielt auf "Kinder von 0 bis 10 Jahren".
4.
Vgl. zur genaueren Charakterisierung der Varianten: Stefan Danner, Das Thema "Partizipation" in den Kindergarten-Bildungsplänen der Bundesländer. Eine Durchsicht, in: Politisches Lernen, 29 (2011) 1-2, S. 38 – 45.
5.
Die folgenden Zitate stammen aus: Ministerium für Bildung und Kultur des Landes Schleswig-Holstein (Hrsg.), Erfolgreich Starten. Leitlinien zum Bildungsauftrag in Kindertageseinrichtungen, Kiel 20125, S. 14, 16, 63.
6.
Die folgenden Zitate stammen aus: Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen (Hrsg.), Der Bayerische Bildungs- und Erziehungsplan für Kinder in Tageseinrichtungen bis zur Einschulung, Berlin 20167, S. 389ff.
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Autor: Stefan Danner für bpb.de
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