Zukunft Bildung

12.6.2018 | Von:
Stefan Danner

Demokratische Partizipation von Kindern in Kindergärten: Hintergründe, Möglichkeiten und Wirkungen

Ergebnisse empirischer Untersuchungen

Zu der Frage, ob und welche Effekte Partizipation von Kindern in Kindergärten hat, liegen unter anderem die Ergebnisse von vier aufwendigen empirischen Untersuchungen vor.
Die erste Untersuchung wurde von Oktober 2001 bis September 2003 durchgeführt. Untersucht wurden sieben Kindertageseinrichtungen, die sich im Rahmen eines Modellprojektes des Landes Schleswig-Holstein dazu bereit erklärten, ihr pädagogisches Konzept stark zu verändern und Kindern die intensive Mitbestimmung im oben beschrieben Sinne zu ermöglichen. Die Untersuchungsdaten wurden zu Beginn und am Ende der Modellprojektphase durch schriftliche und mündliche Befragungen der Fachkräfte in den sieben Kindertageseinrichtungen erhoben.[18] Gefragt wurde unter anderem: Was haben die Kinder durch die verstärkte Partizipation gelernt? Die Antworten darauf sind vielfältig: "Selbständigkeit", "Selbstbewusstsein", "dass ihnen zugehört wird", "dass ihre Meinung wichtig ist", "dass ihre Meinung zählt", "anderen zuzuhören", "Probleme anzusprechen", "andere Meinungen zu akzeptieren", "mit anderen zusammen Lösungen zu finden", "Entscheidungen zu treffen", "gemeinsam aufgestellte Regeln einzuhalten", "dass es Regeln gibt und dass trotzdem nicht immer alles klappt", "dass man sich einigen muss", "sich zur Wahl zu stellen", "für ein Amt zu kandidieren", "nicht genug Stimmen zu bekommen", "jemanden zu wählen", "eine Sitzung zu eröffnen", "hilfsbereit zu sein gegenüber Kleineren und Schwächeren", "dass sie etwas verändern können", "gemeinsam etwas zu planen und zu organisieren".[19]

Insgesamt erhärten die Befragungsergebnisse die Vermutung, dass das Wirkungsspektrum der Konzeptumstellung hin zu mehr Partizipation in den untersuchten Modelleinrichtungen beträchtlich war. Wie es scheint, haben sich die Kinder nicht nur in ihrem Sozialverhalten positiv entwickelt, sondern auch ihr Wissen in vielerlei Hinsicht erweitert.

Die zweite Studie, die genannt werden kann, beruht auf Untersuchungen des Projektes "Demokratie leben". Das Projekt hatte eine sechsjährige Laufzeit (2002 bis 2007) und wurde in der brandenburgischen Kleinstadt Eberswalde durchgeführt.
Einbezogen in die Untersuchungen waren sieben Kindertageseinrichtungen (drei Einrichtungen von Anfang an, vier Einrichtungen ab 2005). Im Rahmen der Studie wurden nicht nur die pädagogischen Fachkräfte befragt, sondern auch die Kinder und deren Eltern sowie weitere Personen, die in das Projekt involviert waren. Außerdem erfolgten Beobachtungen in den Kindergruppen. Ergebnisse der Selbstevaluation der pädagogischen Fachkräfte wurden zusätzlich in die Studie miteinbezogen.[20]
Bei der Auswertung der gesammelten Daten legten die Forscherinnen und Forscher u.a. besonderen Wert auf die Wirkungen, die das Projekt bei den pädagogischen Fachkräften hinterlassen hat. Hierzu heißt es in der Studie: "Mehrmals berichten befragte Erzieherinnen, dass sie sich im pädagogischen Alltag jetzt häufiger zurücknehmen, den Kindern mehr zutrauen und mehr Handlungsspielraum gewähren. Sie sehen ihre Aufgabe jetzt darin, den Kindern zu helfen, Dinge selbständig zu tun, und selbst Lösungen für Probleme zu finden. Erzieherinnen beschreiben, dass sie die Bedürfnisse der Kinder besser verstehen und dadurch auch individuell auf sie eingehen können. Sie bemühen sich, den Kindern aufmerksamer zuzuhören, sie genauer zu beobachten und sich nicht zu schnell in Konflikte einzumischen. Sie haben das Gefühl, dass die Kinder "seitdem besser lernen".[21] "Die Erzieherinnen beschreiben deutliche Veränderungen bei der Gestaltung und dem Verständnis von Bildungs- und Lernprozessen. Sie hätten gelernt, die Kinder zu beobachten, sich in der Alltagsgestaltung an den Interessen der Kinder zu orientieren und sich von vorgegebenen Strukturen und Arbeitsplänen zu lösen."[22]

Eine andere Studie basiert auf einer Evaluation in zwei Kindertageseinrichtungen in Nordrhein-Westfalen (2009/2012). Die Forscherinnen und Forscher befragten im Rahmen ihrer Studie die Fachkräfte, die Kinder und deren Eltern befragt wurden; außerdem beobachteten sie die Kinderkonferenzen.[23] In beiden untersuchten Einrichtungen gibt es eine Kita-Verfassung; in ihr sind die Kinderrechte und die Beteiligungsverfahren fixiert. Zu den festgeschriebenen Beteiligungsverfahren gehören die Kinder- und Gruppenkonferenzen sowie das Kinderparlament. In beiden Einrichtungen wird klar unterschieden zwischen Angelegenheiten, (1) bei denen die Kinder selbst entscheiden dürfen (zum Beispiel "was sie im Kita-Alltag wo und mit wem machen, welche Person sie wickeln darf, wie sie sich im Innen- und Außenbereich der Kita kleiden, was und wie viel sie essen und trinken"), (2) bei denen die Kinder in bestimmten Grenzen mitentscheiden dürfen (zu Beispiel "die Gestaltung des Tagesablaufs, die Regeln des Zusammenlebens in der Kita, die Gestaltung der Innen- und Außenräume") und (3) über welche die Kinder nicht mitentscheiden dürfen (zum Beispiel "über Maßnahmen zur Gesundheitsfürsorge, über die Tischkultur, über Personalfragen (nur Anhörungsrecht)".[24]

Die Meinungen der zum Partizipationsprojekt befragten Eltern variierten; es gab sowohl Befürworter als auch Skeptiker. Die Skeptiker äußerten unter anderem folgende Bedenken: Das Thema Partizipation werde im Vergleich zu anderen Themen überbewertet und nehme zu viel Zeit in Anspruch; die Kinder könnten die Gefahren bestimmter Dingen nicht einschätzen und sollten daher auch nicht selbst oder mitentscheiden; man vernachlässige die Erziehung der Kinder; die Partizipation vergrößere die Bürokratie im pädagogischen Alltag.[25]

Dennoch kam das Forschungsteam nach Auswertung aller Befragungs- und Beobachtungsdaten zu einem positiven Gesamtergebnis: "Die Evaluation konnte zeigen, dass durch die Einführung der Kita-Verfassung bei den Kindern sowohl Demokratiebildung als auch allgemeine komplexe Bildungsprozesse angestoßen wurden."[26] Die Autorinnen und Autoren der Studie sahen damit einen Nachweis dafür erbracht, "dass sich die Kinder durch die demokratische Verfasstheit der Kindertageseinrichtung zahlreiche demokratische Kompetenzen aneignen". Gemeint ist damit unter anderem, dass die Kinder lernen, Meinungen zu äußern und sich zu entscheiden, gemeinsam Ideen zu entwickeln und umzusetzen, Regeln einzuhalten, demokratische Verfahren "funktional zu praktizieren" sowie demokratisches Wissen auf Bereiche außerhalb der Kita zu übertragen; gemeint ist ferner, dass die Kinder ihre Frustrationstoleranz und Konzentrationsfähigkeit trainieren.[27]

Die referierte Studie wurde in den Jahren 2013 bis 2016 in einem Anschlussprojekt (Titel: "Demokratiebildung in Kindertageseinrichtungen") vertieft. Dabei wurden sechs Kindertageseinrichtungen untersucht. Ausgewählt wurden die Einrichtungen aus einer Liste von "15 Best-Practice-Projekten". Eines der Auswahlkriterien besagte, dass die Einrichtungen "bereits mindestens zwei Jahre nach dem Konzept "Die Kinderstube der Demokratie" gearbeitet und eine gemeinsame Verfassung verabschiedet haben" mussten.[28] Bei der Untersuchung standen u.a. drei Fragen im Mittelpunkt: Inwieweit sind die untersuchten Kinder dazu in der Lage, demokratisch zu agieren? Wie intensiv beteiligen sich die Kinder an der demokratischen Praxis ihrer Einrichtung? Welche Beteiligungspraxis hat sich in den Einrichtungen entwickelt? Zu Klärung der Fragen wurden verschiedene Forschungsmethoden eingesetzt: Gruppeninterviews mit pädagogischen Fachkräften, Kindern und Eltern; Einzelgespräche mit Leitungskräften; Beobachtungen von Gruppenkonferenzen, Morgenkreisen und Kitaparlamenten; Dokumentenanalysen (bezogen auf Kita-Verfassungen und Gremienprotokolle). Im Ergebnisteil des Forschungsberichtes schreiben die Autorinnen und Autoren u.a.: "Die (…) Auswertung der Gruppengespräche mit den 3- bis 4- und 5- bis 6-jährigen Kindern hat erkennbar werden lassen, dass die Kinder über ein hinreichend systematisches Wissen in Bezug auf Gremien, Verfahren und Rechte verfügen, dem sie weniger in abstrakt-analytischen Begriffen als in eigenen Worten Ausdruck verliehen haben. Die Ergebnisse lassen daher den Schluss zu, dass die Kinder in kognitiver Hinsicht als fähige Demokrat/innen einzuschätzen sind."[29] "Die Forschungsergebnisse liefern deutliche Hinweise darauf, dass Kinder in Kindertageseinrichtungen (…) bereits engagiert Demokratie praktizieren, indem sie mit-reden, mit-handeln und mit-verantworten. Die Kinder beteiligen sich tatkräftig und selbstbewusst durch mitreden vor allem dann, wenn sie ganz konkrete Bedürfnisse zur Sprache bringen oder Interessen bekunden können."[30] Nach Ansicht des Forschungsteams hat sich "gezeigt, dass es kein universelles Patentrezept für Demokratiebildung in Kindertageseinrichtungen geben kann. Jede Einrichtung hat über Jahre hinweg eine eigenständige partizipative Praxis erschaffen, die an die jeweiligen Anforderungen, Ideen und Vorstellungen der Beteiligten angepasst ist."[31]

Wie lassen sich die hier knapp referierten Untersuchungen einordnen? Die Untersuchungen liefern Belege für die Behauptung, dass die Partizipation in Kindertageseinrichtungen realisierbar ist und dass konsequent und kompetent eingesetzte Partizipationsverfahren nicht nur politisch bildend, sondern auch allgemein bildend wirken. Allerdings: Aufs Ganze gesehen ergeben die Daten der bislang vorliegenden Untersuchungen immer noch eine recht schmale empirische Basis. Anders gesagt: In Anbetracht des Gewichtes, welches das Thema mittlerweile erlangt hat, und angesichts der Fülle von Aspekten, die bei diesem Thema zu berücksichtigen sind, erscheint es ratsam, die Untersuchungen zu intensivieren. Dabei müsste die Zahl der einbezogenen Kindertageseinrichtungen vergrößert, die Untersuchungsdauer verlängert und noch konsequenter mit Beobachtungsverfahren gearbeitet werden; überdies sollten auch Vergleiche mit Kontrollgruppen, in denen es keine Kita-Verfassungen gibt, bemüht werden.

Schluss

Eine Episode aus der Kindergartenpraxis veranschaulicht noch einmal die Mühen eines demokratisierten Alltags und das mit ihm verknüpfte Prinzip von Versuch-und-Irrtum:
"Die Fahrzeuge (Bobby-Cars, Dreiräder etc.) sind beliebte Spielzeuge im Außengelände. Da es sie aber nur in begrenzter Anzahl gibt, kommt es immer wieder zu Streit, wer welches Fahrzeug wie lange benutzen darf. Die Kinder beschweren sich bei den Kinderbesprechungen in den Gruppen, dass sie diese Situation doof finden. Einige stehen immer als Erste vor der Tür des Schuppens, in dem die Fahrzeuge aufbewahrt werden, andere geben die Fahrzeuge dann nur unter ihren Freunden weiter. Die Kinder beschließen: "Das soll anders sein." Die Fachkräfte unterstützen die Kinder dabei, eine Lösung zu finden, indem sie in den einzelnen Gruppen mit den Kindern Ideen sammeln, wie man diese Situation ändern könnte. Die Ideen werden im Kinderrat vorgestellt und diskutiert.
Zuerst entscheiden sich die Kinder für die Lösung "Abklatschen": Wenn einer ein Fahrzeug haben will, kann er abklatschen, und derjenige, der gerade auf dem Fahrzeug sitzt, muss es ihm geben. In der Probephase stellen die Kinder bereits nach einem Tag fest, dass diese Lösung unpraktikabel ist, weil ständig abgeklatscht wird und nun kein Kind mehr in Ruhe mit den Fahrzeugen spielen kann. Nach einer erneuten Diskussion findet der Kinderrat eine zweite Lösung: Jedes Kind darf 10 Minuten mit einem Fahrzeug fahren. Die Idee: Die Kinder steigen alle zur gleichen Zeit auf die Fahrzeuge und nach 10 Minuten zeigt die Erzieherin mit einer Trillerpfeife an, dass die Zeit um ist und nun andere Kinder fahren dürfen. Diese Variante wird eine Woche lang ausprobiert. So richtig zufrieden sind die Kinder auch mit dieser Entscheidung nicht. Auch die Fachkräfte sind nicht wirklich glücklich damit: "Das geht jetzt zu wie auf dem Kasernenhof", bemerkt eine Erzieherin. Schließlich kommen einige Kinder auf die Idee, eine Haltstelle zu bauen: Wenn ein Kind mit Fahren fertig ist, stellt es das Fahrzeug auf einem Platz ab. Dort gibt es (wie bei einem Bus) eine Haltstelle, an der die Kinder, die fahren wollen, sich hinsetzen. Und das Kind, das vorne sitzt, ist als Nächstes dran."[32]

Fußnoten

18.
Vgl. R. Hansen et al. (Anm. 12), S. 8, 97.
19.
Ebd., S. 54.
20.
Vgl. Evelyne Höhme-Serke/Michael Priebe/Sascha Wenzel (Hrsg.), Mit Kindern Demokratie leben, Aachen 2012
21.
Judith Durand: Auswertung von Erzieherinneninterviews: Was hat sich aus Sicht der Erzieherinnen für die Kinder verändert? In E.Höhme-Serke et al. (Anm. 20), S. 193.
22.
Ebd., S. 194.
23.
Vgl. Elisabeth Richter et al., Partizipation lohnt sich. Auswirkungen demokratischer Beteiligung von Kindern in Kindertageseinrichtungen, in: R. Hansen et al. (Anm. 12), S. 337.
24.
Ebd., S. 338.
25.
Vgl. ebd., S. 343f.
26.
Ebd., S. 343.
27.
Ebd., S. 341f.
28.
Elisabeth Richter/Teresa Lehmann/Benedikt Sturzenhecker, So machen Kitas Demokratiebildung. Empirische Erkenntnisse zur Umsetzung des Konzeptes "Die Kinderstube der Demokratie", Weinheim u. Basel 2017, S. 55
29.
Ebd., S. 151.
30.
Ebd., S. 168.
31.
Ebd., S. 225.
32.
Raingard Knauer/Benedikt Sturzenhecker/Rüdiger Hansen, Mitentscheiden und Mithandeln in der Kita. Gesellschaftliches Engagement von Kindern fördern, Gütersloh 2011, S. 124f.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Stefan Danner für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Förderung im Vorschulalter erhöht die Chancengleichheit in Bildung und Arbeitsmarkt

Mehr lesen

Datenreport

Datenreport 2018

Der Datenreport gehört seit Jahrzehnten zu den Standardwerken für all jene, die sich schnell und verlässlich über statistische Daten und sozialwissenschaftliche Analysen zu den aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen in Deutschland informieren wollen.

Mehr lesen