Eine leuchtende grüne Ampel neben einer roten, die mit dem Wort 'GO' beschriftet ist.

5.1.2007 | Von:
Vera Franz

Offener Code für eine offene Gesellschaft

Warum sollte ich als Konsument auf Open-Source-Software umsteigen, wenn ich andere Software habe, mit der ich schon gut arbeite?

Ich bin auch erst vor einem Jahr umgestiegen. Für mich lag das sehr an der Tatsache, dass ich gewusst habe: Wenn die Software nicht funktioniert, wie ich will, habe ich die Möglichkeit, mich an eine Gemeinschaft von Entwicklern und Nutzern zu wenden und zu fragen, was wirklich das Problem ist. Das war ein wichtiger Punkt. Und in meinem Umfeld waren nun mal sehr viele Menschen, die dieses Wissen hatten.

Zweitens ist es wichtig, dass ich diese Software gratis aus dem Internet herunterladen kann. Das heißt, ich habe mich ans Internet gehängt, habe mein Emailprogramm heruntergeladen, und habe nichts dafür bezahlt. Das ist für mich wichtig, aber noch wichtiger ist es natürlich für einen Nutzer in Kenia oder Thailand, der sehr viel weniger Geld hat als ich.

Drittens war für mich wichtig, dass ich generell die Philosophie unterstützen wollte und will: dass wir alle bei den Software-Tools, die wir benutzen, eine bestimmte Freiheit haben, dass wir eine bestimmte Kontrolle darüber haben, wie diese gebaut sind und wie wir sie benutzen. Wiederum am besten versteht man das im Vergleich zu proprietärer Software, die, wenn man die Entwicklung der nächsten Jahre vorwegnimmt, noch sehr viel restriktiver werden wird, als wir es heute kennen. Das heißt, dass ich in Zukunft wesentlich weniger Kontrolle darüber haben werde, was ich mit meiner Software machen kann und was nicht.

Die Musikindustrie möchte zum Beispiel vermeiden, dass illegale Kopien von Musikstücken gemacht werden – und das ist auch in Ordnung so. Allerdings ist es auch legal, dass ich für meinen privaten Gebrauch Kopien von Musik mache; das Gesetz sieht das vor. Es kann aber passieren, dass ich in Zukunft einen Computer mit proprietärer Software kaufe, und diese Software mir dann nicht mehr erlauben wird, mein privates Recht auszuüben, eine Privatkopie eines Musikstückes zu machen. Dieser Kontrollmechanismus wird in die Software eingebaut sein. Wenn ich im Gegensatz dazu freie Software benutze, kann ich als Nutzer immer noch selber entscheiden, was ich mache und was ich nicht mache. Die Software wird mir nicht vorschreiben, wie ich Informationen benutzen kann.

Und das ist umso bedeutsamer – wie Lawrence Lessig erläutert hat –, als die freie Meinungsäußerung heute nicht nur in der Benutzung von Worten besteht, sondern auch im Mixen von Musik, usw. Wenn wir Kultur produzieren, ist das heute sehr viel mehr als das bloße Wort und geschieht immer mehr im digitalen Umfeld. Deswegen ist es umso wichtiger, dass unsere Computer und unsere Software uns die Freiheit geben, zu machen, was wir machen möchten, und zu mixen, was wir mixen möchten. Ich würde soweit gehen, dass freie Software heute sehr wichtig dafür ist, dass wir weiter unsere Meinnungsfreiheit ausüben können.

Das betrifft alles den Nutzer als Bürger. Wenn wir jetzt als Nutzer eine Regierung nehmen – das kann eine Stadt sein, eine nationale Regierung, welche politische Ebene auch immer –, dann ist es sehr wichtig, dass die Regierungen eine Verantwortung haben gegenüber ihren Bürgerinnen und Bürgern, ihnen Informationen zugänglich zu machen, unabhängig von der Software, die die Bürger verwenden.

Wenn die Regierung zum Beispiel proprietäre Software verwendet, wenn sie Steuern erhebt und die Bürger dabei Formulare ausfüllen müssen, kommt es sehr oft vor, dass der Bürger dafür ebenfalls die gleiche proprietäre Software verwenden muss. Das ist vom Gesichtspunkt der politischen Partizipation her nicht akzeptabel. Ich weiß von einem Fall in Bulgarien, wo das nationale E-Government-Portal auf proprietärer Software gebaut war. Und Bürger, die sich diese Informationen im Web anschauen wollten, mussten dafür auch einen proprietären Browser verwenden.

Ein anderer Fall: Wenn Regierungen Dokumente aufbewahren – Regierungen haben ja Millionen von Seiten an Dokumenten –, und wenn sie diese Dokumente in einem Format aufbewahren, das auf proprietärer Software aufbaut, dann müssen sie in Zukunft immer dieselbe proprietäre Software verwenden, um dieses Format erkennen und lesen zu können. Wenn jetzt ein anderer Anbieter auf den Markt käme, der billiger wäre, der bessere Features böte, dann hätte die Regierung große Probleme, von einer Software zur nächsten zu wechseln, weil dann die alten Dokumente mit der neuen Software nicht lesbar wären. Das heißt, wenn Regierungen freie Software verwenden, sind sie viel flexibler in der Auswahl ihrer Software, und vor allem können sie garantieren, dass alle aufbewahrten Dokumente immer gelesen werden können.


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