Eine leuchtende grüne Ampel neben einer roten, die mit dem Wort 'GO' beschriftet ist.

5.1.2007 | Von:
Atul Chitnis

Der Fuchs der Innovationen

Welche Open Source-Software wird derzeit in Indien entwickelt?

Eines der bekanntesten Produkte ist die Entwicklungsideee "Anjuta", die weltweit verwendet wird. Sie wird von jemandem aus Indien geleitet, der sich Naba Kumar nennt, und wird sogar auf industrieller Ebene intensiv genutzt. Selbst im Handel findet man Leute, die Anjuta allem anderen vorziehen.

Natürlich kommt eine Menge von Lokalisierungsprojekten aus Indien. Jedes Land mit einer nicht-englischen Nutzergemeinde braucht so etwas, so dass es angesichts der Zahl der Sprachen in Indien eine Menge Menschen gibt, die sich dort mit Software-Lokalisierung beschäftigen. Sie arbeiten unter dem Banner des Indlinux-Projektes. Und da sie wirklich gut sind in dem, was sie tun, haben sie angefangen, Technologien zu entwickeln, die andere Ländern bei ihren Lokalisierungen mittlerweile ebenfalls benutzen; denn alle Werkzeuge, alle Schemata, alle Templates sind fertig entwickelt, selbst die Anleitungen – alles, was nötig ist, ist bereits vorgefertigt da.

Kommen wir von Indien aufs Allgemeine: Welche Chancen bieten Open-Source-Modelle für Entwicklungsländer?

Vor allem müssen die Menschen begreifen, dass freie und Open-Source-Software nicht unbedingt reiner Selbstzweck sind. Was zählt, ist das, was sie, manchmal auf sehr abstrakte Weise, erreichen. Zum Beispiel verändert sie den technologischen Wandel selbst. Sie bringt Menschen dazu, sich Technologien anzuschauen, die sie ansonsten nie in Betracht gezogen hätten, einfach weil die Welt der freien und Open-Source-Software diese Technologien liefern kann und sie tatsächlich funktionieren. Auch kann sie die Art beeinflussen, wie Software entwickelt wird. All das sind recht abstrakte Dinge.

Dann gibt es natürlich konkrete Produkte. Nehmen sie das klassische Beispiel Firefox. Firefox ist ein hervorragendes Beispiel für ein Produkt, das einen existierenden Marktteilnehmer herausfordert, der das Mutterschiff – Netscape – viele Jahre zuvor aus dem Himmel geschossen hatte. Und Firefox kommt nun zurück, um den Sieger herauszufordern, und es gelingt ihm, binnen Monaten tiefe Schneisen in den Markt zu schlagen.

Nun sind es nicht die 11,5 Prozent Weltmarktanteil von Firefox, die wichtig sind. Wirklich wichtig ist, dass man praktisch keine Veränderungen findet, wenn man sich den Internet Explorer 2.0 bis 6.0 ansieht: die gleichen Sicherheitsprobleme, das gleiche Set an Funktionen. Dann erscheint Firefox, und plötzlich kommt Internet Explorer 7 heraus, das sich um eine Menge der Sicherheitsprobleme kümmert, mit einer Menge an neuen Funktionen, die sie aus dem einfachen Grund herausbringen mussten, dass es da draußen einen Konkurrenten gab, den jeder bevorzugte.

Eines der Dinge, bei denen Entwicklungsländer oft hinterherhinken, sind technische Informationen. Die technischen Informationen sind zwar da, aber man kommt nicht leicht an sie heran. Wenn man zum Beispiel an einer U.S.-Universität ist, befindet man sich in einer Umwelt, die einen mit dieser Art Information füttert, sie einem in den Hals rammt. Aber wenn man in einem Entwicklungsland ist, findet man sich trotz Internetverbindung und allem anderen doch in einer Umwelt wieder, in der man nicht viele technische Infomationen über etwas erhalten kann. Diese Informationen nicht zu haben, begrenzt die eigenen Handlungsmöglichkeiten. Und ganz offensichtlich ist Innovation das erste, was darunter zu leiden hat.

Nehmen sie ein Land wie Indien. Indien ist als ein Land bekannt, das andere Länder mit vielen Dienstleistungen versorgt, selber aber kaum Produkte herstellt. Von hier kommen keine großen Innovationen. Das liegt zum Großteil daran, dass Indien den Umweg über kommerzielle, proprietäre Software gegangen ist. Erst in den letzten fünf, sechs Jahren hat sich Indien wirklich intensiv in freie und Open-Source-Software gestürzt.

Und der Effekt ist: Die Menschen, die aufs College gegangen sind und dort freier und Open-Source-Software ausgesetzt wurden – aus vielfältigen Gründen: ideologischen, technischen –, sitzen jetzt auf Entscheidungspositionen in den größeren Unternehmen. Plötzlich sieht man eine Reihe indischer Unternehmen, die wirklich innovative Dinge tun. Das mag sogar prorietär sein; Tatsache bleibt, dass ein Land, das nur als zweitklassiger Lieferant von Dienstleistungen wahrgenommen wurde, mit einem Mal als ein Land angesehen wird, das eigene Produkte entwickelt. Und das ist ein massiver Wandel auf Landesebene.


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