Ein Besucher blickt auf das Rechenzentrum des CERN.

8.4.2011 | Von:
Robert Darnton

Die Bibliothek im Informationszeitalter

6000 Jahre Schrift

  1. Nach den utopischsten Behauptungen von Google-Anhängern kann Google so gut wie alle gedruckten Bücher online stellen. Dieser Anspruch ist irreführend und birgt die Gefahr einer falschen Wahrnehmung, denn sie könnte uns dazu verführen, unsere Bibliotheken zu vernachlässigen. Wie hoch wird der Prozentsatz der Bücher in den USA sein – vom Rest der Welt ganz abgesehen –, den Google digitalisieren wird? 75 Prozent? 50 Prozent? 25 Prozent? Selbst wenn die Zahl 90 Prozent ist, könnten die verbleibenden, nicht digitalisierten Bücher bedeutend sein. Ich habe kürzlich einen außergewöhnlichen libertinistischen Roman entdeckt, Les Bohémiens, von einem unbekannten Autor, dem Marquis de Pelleport, der zur gleichen Zeit in der Bastille schrieb, als der Marquis de Sade seine Romane in einer nahe gelegenen Gefängniszelle verfasste. Ich glaube, dass das 1790 veröffentlichte Buch Pelleports weitaus besser ist, als irgendetwas, was Sade je hervorgebracht hat. Unabhängig von seinen möglichen ästhetischen Qualitäten sagte es viel über die Situation der Schriftsteller im vorrevolutionären Frankreich aus. Es existieren jedoch nur sechs Ausgaben, und so weit ich weiß, ist keine von ihnen im Internet verfügbar.(3) (Die Library of Congress, die ein Exemplar besitzt, hat seine Bestände nicht für Google geöffnet.)

    Wenn Google dieses und ähnliche Bücher verpassen sollte, dann könnte ein Forscher oder eine Forscherin, der bzw. die sich auf Google verlässt, nie an bestimmte wichtige Werke gelangen. Das Kriterium der Wichtigkeit ändert sich von einer Generation zur nächsten, wir können also nicht wissen, was für unsere Nachfahren von Bedeutung sein wird. Vielleicht lernen sie eine Menge aus unseren Harlekin-Romanen, Computer-Bedienungsanleitungen oder Telefonbüchern. Literaturwissenschaftler und Historiker arbeiten heute viel mit Kalendern, Volksbüchern und anderen Arten der "populären" Literatur, obwohl nur wenige dieser Werke aus dem 17. und 18. Jahrhundert erhalten geblieben sind. Sie wurden auf billigem Papier gedruckt, in dünnen Umschlägen verkauft, zerfledderten beim Lesen und wurden von Sammlern und Bibliothekaren ignoriert, die sie nicht als "Literatur" betrachteten. Ein Wissenschaftler am Trinity College in Dublin entdeckte vor kurzem eine Lade voller vergessener Balladen-Bücher, jedes einzelne einmalig, jedes von unschätzbarem Wert für die moderne Wissenschaft, obwohl sie vor zwei Jahrhunderten wertlos erschienen.

  2. Obwohl Google mit den Verträgen mit fünf großen Bibliotheken eine intelligente Strategie verfolgte, kommt deren Gesamtbestand niemals an die Gesamtmenge der Titel in den USA heran. Anders als man vermuten möchte, gibt es zwischen diesen fünf Bibliotheken keine großen Überschneidungen: 60 Prozent der Bücher, die von Google digitalisiert werden, gibt es nur in einer von ihnen. Die wissenschaftlichen Bibliotheken der USA haben insgesamt ca. 543 Millionen Bände. Google hat sich angeblich die Digitalisierung von 15 Millionen Büchern als Anfangsziel gesetzt. In dem Maße, wie Google weitere Verträge mit Bibliotheken abschließt – nach einer jüngsten Zählung nehmen 28 an Google Book Search teil –, wird seine digitale Datenbank repräsentativer. Aber Google hat sich noch nicht in die Spezialsammlungen vorgewagt, wo die wirklich seltenen Werke aufbewahrt werden. Und natürlich liegt die gesamte Weltliteratur – alle Bücher in allen Sprachen der Welt – weit jenseits von Googles Digitalisierungskapazität.

  3. Obwohl zu hoffen bleibt, dass Verlage, Autoren und Google sich einigen werden können, ist es schwierig abzusehen, wie das Copyright-Problem gelöst werden soll. Nach dem Copyright-Gesetz von 1976 und dem Copyright-Verlängerungsgesetz von 1998 sind die meisten nach 1923 publizierten Bücher durch Copyright geschützt, und mittlerweile erstreckt sich dieser Schutz auf die Lebenszeit des Autors plus siebzig Jahre. Für urheberrechtsfreie Bücher wird Google vermutlich den Lesern den ganzen Text zugänglich machen und es ermöglichen, jede Seite zu drucken. Von Copyright-geschützten Büchern wird Google vermutlich nur wenige Zeilen gleichzeitig anzeigen, was nach seiner Auffassung mit den Fair-Use-Bestimmungen vereinbar ist.

    Google mag Verlage und Autoren dazu bringen, ihre Ansprüche auf Bücher, die zwischen 1923 und der jüngsten Vergangenheit publiziert wurden, aufzugeben, doch werden sie auch auf gegenwärtige und zukünftige Copyrights verzichten? 2006 wurden in den USA 219.920 neue Titel veröffentlicht, und die Zahl der neuen, im Handel verfügbaren Bücher ist in den letzten zehn Jahren stetig angewachsen, trotz der zunehmenden Verbreitung elektronischer Publikationen. Wie soll Google mit der laufenden Produktion Schritt halten und gleichzeitig den Bestand von Jahrhunderten digitalisieren? Es ist besser, die Einkaufsbudgets unserer Wissenschaftsbibliotheken zu erhöhen, statt darauf zu vertrauen, dass Google zukünftige Bücher zum Nutzen zukünftiger Generationen archivieren wird. Google definiert seine Aufgabe als Informationsübermittlung – in diesem Moment, heute; es sieht sich nicht der langfristigen Konservierung von Texten verpflichtet.

  4. Unternehmen können in der sich rasch verändernden Umgebung der elektronischen Technologie rasch verschwinden. Google könnte untergehen oder von einer noch größeren Technologie in den Schatten gestellt werden, durch die seine Datenbank so überholt und unzugänglich wird wie viele unserer alten Floppy-Disketten und CD-ROMs. Elektronikunternehmen kommen und gehen. Wissenschaftliche Bibliotheken überdauern Jahrhunderte. Es ist besser, sie zu stärken, als sie für überflüssig zu erklären, denn die Veralterung ist ein Bauteil der elektronischen Medien.

  5. Google wird Fehler machen. Obwohl das Unternehmen Wert auf Qualität und Qualitätskontrolle legt, wird es Bücher auslassen, Seiten übersehen, und in vielfacher Weise die Texte nicht perfekt reproduzieren. Früher haben wir geglaubt, Mikrofilme würde das Problem der Textkonservierung lösen. Inzwischen wissen wir es besser.

  6. Wie auch im Fall des Mikrofilms gibt es keine Garantie dafür, dass die Kopien Googles die Zeit überdauern werden. Dokumente können wegen der Überalterung des Mediums, in dem sie kodiert sind, im Cyberspace verloren gehen. Hardware und Software können in beunruhigendem Tempo "aussterben". Solange die leidigen Probleme der Haltbarkeit von digitalen Werken nicht gelöst sind, sind alle "digital generierten" Texte eine gefährdete Spezies. Die Obsession, ständig neue Medien zu entwickeln, hat die Bemühungen zur Erhaltung der alten behindert. Wir haben 80 Prozent aller Stummfilme und 50 Prozent aller vor dem Zweiten Weltkrieg produzierten Filme verloren. Nichts speichert Text besser als Druckerschwärze auf Papier, besonders Papier, das vor dem 19. Jahrhundert hergestellt wurde, außer auf Pergament geschriebener oder in Stein gemeißelter Text. Das beste Speichersystem, das je erfunden wurde, war das altehrwürdige, vormoderne Buch.

  7. Google plant, viele Versionen ein und desselben Buchs zu digitalisieren, und dabei nach dem Fließband-Prinzip die Bücher zu nehmen, die gerade erscheinen – aber wird es sie alle zugänglich machen? Wenn ja, welches wird an die Spitze der Ergebnisliste gereiht werden? Leser ohne besondere Kenntnisse könnten leicht in die Irre geraten, wenn sie in Tausenden verschiedener Ausgaben der Shakespeare-Dramen suchen, sie werden sich also auf jene Ausgaben verlassen, die Google am leichtesten zugänglich macht. Wird Google die Relevanz-Reihung von Büchern auf gleiche Weise durchführen wie Referenzen auf alles andere, von der Zahnpasta zu Kino-Stars? Google verwendet derzeit einen geheimen Algorithmus, um Webseiten nach ihrer Nutzungshäufigkeit unter den auf sie verweisenden Seiten zu reihen, und es wird vermutlich mit einem ähnlichen Algorithmus die Nachfrage nach Büchern reihen. Nichts weist darauf hin, dass dieser Algorithmus die von Bibliographen vorgegebenen Standards berücksichtigen wird, etwa die erste gedruckte Ausgabe, oder die Ausgabe, die den expliziten Intentionen des Autors am nächsten kommt.

    Google beschäftigt hunderte, vielleicht sogar tausende von Ingenieuren, soweit wir wissen aber keinen einzigen Bibliographen. Googles unbedarfte Haltung gegenüber der Bibliographie ist besonders bedauerlich, da die meisten Texte, wie gesagt, während eines Großteils der Druckgeschichte instabil waren. Keine einzelne Kopie eines Bestsellers aus dem 18. Jahrhundert kann der endlosen Vielfalt von Ausgaben je gerecht werden. Seriöse Wissenschaftler werden viele Ausgaben untersuchen und miteinander vergleichen müssen, und zwar die Originalversionen, nicht die digitalisierten Reproduktionen, die Google nach Kriterien auswählen wird, die vermutlich nichts mit der bibliographischen Wissenschaft zu tun haben werden.

  8. Sogar wenn das digitalisierte Bild auf dem Monitor exakt wiedergegeben sein sollte, werden wichtige Aspekte eines Buches nicht enthalten sein. Dies betrifft zum Beispiel die Größe. Die Erfahrung des Lesens ist bei einem Buch im kleinen Duodez-Format, das dafür gemacht ist, mühelos mit einer Hand gehalten zu werden, eine ganz andere, als das Lesen eines schwergewichtigen Folios von einem Buchständer. Es ist wichtig, das Buch fühlen zu können – die Beschaffenheit des Papiers, die Qualität des Drucks, die Art der Bindung. Die physischen Aspekte eines Buches enthalten Hinweise auf seine Existenz als Teil eines sozio-ökonomischen Systems. Wenn ein Buch Randnotizen enthält, so kann diese viel über seinen Ort im geistigen Leben seiner Leser aussagen.

    Bücher haben auch einen besonderen Geruch. Nach einer kürzlich durchgeführten Umfrage unter französischen Studenten betrachten 43 Prozent den Geruch als eine der wichtigsten Eigenschaften eines gedruckten Buchs – so wichtig, dass sie es ablehnen, geruchslose elektronische Bücher zu kaufen. CaféScribe, ein französischer Online-Verlag, versucht dieser Reaktion entgegen zu wirken, indem er seinen Kunden einen Aufkleber schenkt, der den typischen Geruch älterer Bücher verströmt, wenn er am Computer angebracht wird. Wenn ich ein altes Buch lese, dann halte ich die Seiten gegen das Licht und finde in den Fasern des Papiers kleine Kreise, die von Tropfen stammen, die während der Herstellung von der Hand des Papiermachers gefallen sind, oder Stoffreste von Hemden oder Röcken, die sich während der Herstellung der Pulpe nicht vollständig auflösten. Einmal habe ich den Fingerabdruck eines Druckers im Einband einer Encyclopédie-Ausgabe aus dem 18. Jahrhundert gefunden – ein Zeugnis eines im Druckerhandwerk üblichen Kniffs, denn die Drucker brachten manchmal zuviel Druckerschwärze auf die Lettern, um die Handhabung der Presse leichter zu machen.

    Mir ist freilich klar, dass Überlegungen zu Haptik und Geruch meinem Argument widersprechen zu scheinen. Den meisten Lesern geht es um den Text, nicht um das physische Medium, in dem er eingebettet ist. Wenn ich mich meiner Faszination für Druck und Papier hingebe, dann kann man mir leicht vorwerfen, ich sei zu romantisch oder verhielte mich wie ein altmodischer, extrem Buch-verliebter Gelehrter, der in seinem Zimmer mit seltenen Büchern allein gelassen werden will. Ich bekenne mich schuldig. Ich liebe Lesesäle für seltene Bücher, auch jene, wo man Handschuhe überstreift, bevor man ihre Schätze berührt. Lesesäle für seltene Bücher sind ein wichtiger Bestandteil von wissenschaftlichen Bibliotheken, und zwar jener Bestandteil, zu dem Google am wenigsten Zugang hat. Aber Bibliotheken haben auch Plätze für gewöhnliche Leser, wo diese sich in Bücher vertiefen können – ruhige, angenehme Orte, wo der Kodex in seiner ganzen Individualität erkundet werden kann.

    Das stärkste Argument für das altmodische Buch ist seine Wirkungskraft für gewöhnliche Leser. Dank Google können Wissenschaftler Millionen von Webseiten und elektronischen Texten durchsuchen, navigieren, auswerten, durchsuchen, verlinken, usw. (die Wörter sind je nach Technologie unterschiedlich). Gleichzeitig kann jeder, der etwas Gutes zum Lesen sucht, zu einer gedruckten Ausgabe greifen, sie entspannt durchblättern, und dabei den Zauber des auf Papier gedruckten Wortes erleben. Ein Computer-Monitor erzeugt nie das gleiche Gefühl der Zufriedenheit wie eine gedruckte Seite. Doch das Internet liefert Daten, die in einen klassischen Kodex umgeformt werden können. Durch das Internet ist Print on demand schon zu einer boomenden Branche geworden, und in Zukunft wird es wohl Bücher geben, die man aus Geldautomat-ähnlichen Maschinen ziehen kann: man logt ein, bestellt elektronisch, und ein gedrucktes und gebundenes Buch kommt heraus. Vielleicht wird der Text auf dem Monitor eines Handheld das Auge so ansprechen, wie die Seite eines vor 2000 Jahren hergestellten Kodex.

    Bis dahin sage ich: schützen wir die Bibliotheken. Füllen wir sie mit Druckwerken. Verbessern wir die Lesesäle. Aber stellen wir uns Bibliotheken nicht wie Lagerhallen oder Museen vor. Die meisten wissenschaftlichen Bibliotheken arbeiten zwar mit Büchern, doch sie sind auch Nervenzentren für elektronische Signale. Sie erwerben Datensätze, pflegen digitale Bestände, ermöglichen den Zugang zu elektronischen Zeitschriften und organisieren Informationssysteme, die tief in Forschungslabors und Studierzimmer hineinreichen. Viele dieser Bibliotheken teilen ihren geistigen Reichtum mit dem Rest der Welt, indem sie es Google ermöglichen, ihre gedruckten Bestände zu digitalisieren. Ich sage also auch: lang lebe Google, aber erwarten wir uns nicht, dass es lange genug leben wird, um das altehrwürdige Gebäude mit den korinthischen Säulen zu ersetzen. Als Zitadelle des Lernens und als Plattform für Internet-Abenteuer verdient es die wissenschaftliche Bibliothek immer noch, der Mittelpunkt der Universität zu sein, der die Vergangenheit erhält und Energie für die Zukunft sammelt.


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