Ein Besucher blickt auf das Rechenzentrum des CERN.

8.4.2011 | Von:
Geert Lovink

Die Gesellschaft der Suche

Fragen oder Googeln

Inseln der Vernunft

Mein Interesse an den Konzepten hinter den Suchmaschinen erwachte von neuem, als ich ein Buch mit Interviews des MIT-Professors und Computerkritikers Joseph Weizenbaum las, der berühmt ist für sein automatisches Therapieprogramm Eliza von 1966 und sein Buch Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft von 1976. Weizenbaum starb am 5. März 2008 im Alter von 84 Jahren. Einige Jahre zuvor war Weizenbaum von Boston zurück nach Berlin gezogen, in die Stadt, in der er aufgewachsen war, bevor er 1935 mit seinen Eltern vor den Nazis floh. Die Interviews hat die Münchner Journalistin Gunna Wendt geführt. Einige Rezensenten auf Amazon beschwerten sich über Wendts unkritische Fragen und den freundlichen und oberflächlichen Charakter ihrer eigenen Beiträge. Ich genoss die Einsichten eines der wenigen Kritiker der Computerwissenschaft, der als Insider spricht. Besonders interessant sind Weizenbaums Geschichten über seine Jugend in Berlin, das Exil in den USA und darüber, wie er in den Fünfzigern mit dem Computer in Berührung kam. Das Buch liest sich wie die Summe der Weizenbaumschen Kritik am Computer, nämlich daran, dass der Computer seinen Nutzern einen mechanistischen Blickwinkel aufzwingt. Was mich besonders interessiert hat, war die Art und Weise, wie Weizenbaum seine Argumente als informierter und respektierter Insider entwickelt – eine Position, die der "Netzkritik" ähnelt, die ich mit Pit Schultz im Nettime-Projekt entwickelt habe.

Der Titel und der Untertitel des Buches klingen faszinierend: Wo sind sie, die Inseln der Vernunft im Cyberstrom? Auswege aus der programmierten Gesellschaft. Weizenbaums Glaubenssystem kann man wie folgt zusammenfassen: "Nicht alle Aspekte der Realität sind berechenbar." Weizenbaums Netzkritik ist eine generelle. Er vermeidet es, spezifisch zu werden, und wir müssen das akzeptieren. Seine Bemerkungen zum Internet sind für all jene nichts Neues, denen Weizenbaums Werk bekannt ist: Das Netz ist ein Müllhaufen, ein Massenmedium, das zu 95 Prozent aus Unsinn besteht, und so dem Fernsehen sehr ähnlich, dem sich das Netz unvermeidlich annähert. Die sogenannte "Informationsrevolution" hat sich in eine Flut von Desinformation verkehrt. Der Grund hierfür ist die Abwesenheit eines Redakteurs und überhaupt eines editorischen Prinzips. Das Buch gibt keine Antwort darauf, warum dieses entscheidende Medienprinzip nicht von den ersten Generationen von Computerprogrammierern eingebaut wurde, zu denen Weizenbaum als prominentes Mitglied zählt. Die Antwort liegt vermutlich darin, dass der Computer ursprünglich als Recheninstrument eingesetzt wurde. Die Technodeterministen in der Berliner Sophienstraße und anderswo beharren darauf, dass die mathematische Berechnung die Essenz des Computers ausmacht. Der Ge- oder Missbrauch des Computers für mediale Zwecke war von den Mathematikern nicht vorausgesehen worden, und für die heutige Plumpheit der Schnittstellen und des Informationsmanagements sollten nicht diejenigen verantwortlich gemacht werden, die die ersten Rechner entwarfen. Der Computer war einst eine Kriegsmaschine, daher wird es ein langer Weg sein, den digitalen Rechner in ein universelles menschliches Instrument zu verwandeln, das unseren reichen und diversen Informations- und Kommunikationsabsichten dient.

Bei verschiedenen Gelegenheiten habe ich eine Kritik der "Medienökologie" formuliert, die "nützliche" Informationen für den individuellen Konsum filtern möchte. Hubert Dreyfus ist hier mit seinem Text On the Internet (2001) einer der Hauptschuldigen. Ich glaube nicht, dass es einem Professor, Redakteur oder Programmierer ansteht, für uns zu entscheiden, was Nonsens ist und was nicht. Der Versuch einer solchen Entscheidung sollte von verschiedenen Seiten in Angriff genommen werden und in einer Kultur eingebettet sein, die Meinungsunterschiede ermöglicht und respektiert. Wir sollten diesen Reichtum rühmen und neue Suchtechniken zu einem Teil unserer Kultur machen. Ein Weg dahin könnte über die weitere Revolutionierung der Suchwerkzeuge und die Anhebung der allgemeinen Medienkompetenz führen. Wenn wir einen Buchladen oder eine Bibliothek betreten, dann hat uns unsere Kultur gelehrt, wie man sich in tausenden von Titeln zurechtfindet. Anstatt uns beim Bibliothekar zu beschweren oder die Ladeninhaber zu benachrichtigen, dass sie zu viele Bücher führen, bitten wir um Hilfe oder versuchen, das Problem selbst zu lösen. Weizenbaum wünschte sich, dass wir dem, was wir auf unserem Bildschirm sehen, misstrauen – komme es aus dem Netz oder aus dem Fernsehen. Weizenbaum kann uns aber nicht sagen, wer uns den Ratschlag erteilen soll, wem wir vertrauen können, ob etwas nützlich ist oder nicht, und welchen der Informationen, die wir aufrufen, wir den Vorzug geben sollen. Die Rolle des Vermittlers wird also geopfert, um einen generellen Verdacht kultivieren zu können.

Vergessen wir Weizenbaums Infoangst. Was seine Interviews so interessant macht, ist Weizenbaums Beharren auf der Kunst, die richtige Frage zu stellen. Er warnt vor einem unkritischen Gebrauch des Wortes "Information". "Die Signale im Computer sind keine Informationen. Es sind 'nur' Signale. Und es gibt nur einen Weg, aus Signalen Informationen zu machen, nämlich die Signale zu interpretieren." Hierfür sind wir auf die Arbeit des menschlichen Gehirns angewiesen. Das Problem des Internet ist laut Weizenbaum, dass es uns dazu einlädt, es wie das Orakel von Delphi zu betrachten. Das Internet wird uns die Antworten auf all unsere Fragen und Probleme schon liefern. Das Netz ist aber kein Verkaufsautomat, in den man Geld einwirft und daraufhin das Gewünschte erhält. Der Schlüssel ist eine angemessene Erziehung, die es uns ermöglicht, die richtige Suchanfrage zu formulieren. Alles dreht sich also um die Frage, wie man sich in die Lage versetzt, die richtige Frage zu stellen. Dafür braucht es Erziehung und Expertise. Man erreicht aber nicht den Standard einer höheren Erziehung, indem man die Möglichkeiten verbessert, publizieren zu können. Weizenbaum: "Die Möglichkeit, dass jeder etwas ins Internet stellen kann, bedeutet noch nicht sehr viel. Das willkürliche Hineinwerfen bringt genauso wenig wie das willkürliche Fischen." In diesem Zusammenhang vergleicht Weizenbaum das Internet mit dem CB-Funk. Kommunikation allein wird nicht zu nützlichem und nachhaltigem Wissen führen.

Weizenbaum setzt den unwidersprochenen Glauben an (Suchmaschinen-) Anfragen in Verbindung mit dem Aufkommen des "Problem"-Diskurses. Computer wurden als "allgemeine Problemlöser" entwickelt, und ihre Aufgabe war es, Lösungen für jedwedes Problem zu finden. Die Leute wurden aufgefordert, ihr Leben an den Computer zu delegieren. "Wir haben ein Problem", sagt Weizenbaum, "und das Problem verlangt nach einer Antwort." Aber persönliche und soziale Spannungen können nicht gelöst werden, indem ein Problem benannt wird. Was wir statt Google und Wikipedia brauchen, ist "die Kompetenz, zu hinterfragen und kritisch zu denken". Weizenbaum erklärt das mit einem Verweis auf den Unterschied zwischen Hören und Zuhören. Ein kritisches Verständnis erfordert, dass wir uns zuerst einmal hinsetzen und zuhören. Dann müssen wir lesen, statt nur zu entziffern, und lernen, zu interpretieren und zu verstehen.

Wie zu erwarten, wird das sogenannte Web 3.0 als technokratische Antwort auf Weizenbaums Kritik angepriesen. Anstelle der Algorithmen von Google, die auf Stichwörtern basieren, und von Ergebnissen, denen die Erstellung von Ranglisten zugrunde liegt, werden wir der nächsten Generation von Suchmaschinen wie Powerset, die "natürliche Sprache" verstehen, bald Fragen stellen können. Wir können aber bereits jetzt davon ausgehen, dass Computerlinguisten den Ansatz von Problem und Antwort nicht hinterfragen werden. Sie werden nur zögerlich die Rolle einer "Inhaltspolizei" übernehmen, die entscheidet, was im Internet Mist ist und was nicht. Dasselbe gilt für die Initiativen, die sich dem Semantic Web und ähnlichen Technologien der Künstlichen Intelligenz verschrieben haben. So stecken wir fest in der Ära der Informationsgewinnung via Web. Während das Paradigma von Google in der Analyse von Links und den Ranglisten von Seiten besteht, werden die Suchmaschinen der nächsten Generation zum Beispiel Bilder indizieren. Nun aber nicht mehr mittels digitaler Etiketten, die Nutzer diesen Bildern anhängen, sondern aufgrund der spezifischen "Qualitäten" der Bilder selbst. Willkommen in der Hierarchisierung des Realen. Die kommenden Computerhandbücher werden Programmierfreaks Einführungskurse in Ästhetik geben. Hobbyphotographen, die zu Programmierern geworden sind, werden die neuen Agenten des schlechten Geschmacks sein.


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