Ein Besucher blickt auf das Rechenzentrum des CERN.

8.4.2011 | Von:
Geert Lovink

Die Gesellschaft der Suche

Fragen oder Googeln

Qualität braucht Zeit

Es ist kaum überraschend, dass die schärfsten Kritiker Googles Nordamerikaner sind. Bis jetzt haben die Europäer erstaunlich wenig Ressourcen in die konzeptionelle Erforschung und Kartierung der neuen Medienkultur investiert. Die EU zeigt sich bestenfalls als erster Anwender von technischen Standards und Produkten, die anderswo entwickelt worden sind. Was aber in der Erforschung neuer Medien zählt, ist konzeptionelle Überlegenheit. Technologieforschung allein wird das nicht leisten können, ganz egal, wie viel Geld die EU zukünftig in die Erforschung des Internet stecken wird. Solange die Kluft zwischen der neuen Medienkultur und der Politik, privaten und kulturellen Institutionen reproduziert wird, wird es keine blühende technologische Kultur geben. Kurz gesagt: Wir sollten aufhören, die Oper und andere schönen Künste als Form der Kompensation für die unerträgliche Leichtigkeit des Cyberspace zu betrachten. Außer ihrer Vorstellungskraft, einem gemeinsamen Willen und einem gehörigen Maß an Kreativität könnten die Europäer ihre einzigartige Qualität der Grantigkeit zu einer produktiven Form von Negativität mobilisieren. Die kollektive Leidenschaft, nachzudenken und zu kritisieren, könnte in einer Bewegung der "kritischen Antizipation" nutzbar gemacht werden. Sie könnte das Außenseitersyndrom überwinden helfen, das dadurch entsteht, dass sich viele in die passive Rolle des Nutzers und Konsumenten gedrängt fühlen.

Jaron Lanier schrieb in seinem Nachruf auf Weizenbaum: "Wir würden es nicht zulassen, dass ein Student in der medizinischen Forschung arbeitet, der nichts über Doppelblindversuche, Kontrollgruppen, Placebos und den Abgleich von Ergebnissen gelernt hat. Warum werden in der Computerwissenschaft keine solchen Kriterien verlangt, warum erlauben wir es uns, so nachsichtig mit uns selbst umzugehen? Jeder Student der Computerwissenschaft sollte in Weizenbaumscher Skepsis geschult werden und fortan versuchen, diese wertvolle Disziplin den Nutzern unserer Erfindungen zu vermitteln." (2)

Wir müssen uns fragen, warum die besten und radikalsten Netzkritiker US-Amerikaner sind. Wir können uns nicht länger darauf berufen, dass sie besser informiert sind. Die beiden Beispiele, die ich nennen möchte, die in Weizenbaums Sinne arbeiten, sind Nicholas Carr und Siva Vaidhyanathan. Carr kommt aus der Industrie (Harvard Business Review) und hat sich zum perfekten Kritiker aus einer Insiderperspektive heraus entwickelt. Sein jüngstes Buch The Big Switch beschreibt Googles Strategie, die Infrastruktur des Netzes durch Datenzentren zu zentralisieren und so zu kontrollieren. Computer werden immer kleiner, billiger und schneller. Diese Ökonomie des großen Maßstabs ermöglicht die Auslagerung von Datenspeichern und Anwendungen zu geringen oder gar keinen Kosten. Unternehmen gehen daher dazu über, auf eigene IT-Abteilungen zu verzichten und stattdessen Netzwerkdienste zu nutzen. Diese Entwicklung hat eine durchaus ironische Seite. Denn hatten sich nicht Generationen hipper IT-Gurus über die Vorhersage des einstigen IBM-Chefs Thomas Watson lustig gemacht, der behauptet hatte, die Welt brauche nur fünf Computer? Das aber scheint der Trend zu sein. Anstatt sich weiter zu dezentralisieren, konzentriert sich die Nutzung des Internet in wenigen, Energie verschlingenden Datenzentren.(3) Carrs Spezialität besteht in der amoralischen Beobachtung von Technologie, die den gierigen Charakter der Klasse jener ignoriert, die eben noch von der Dotcom-Blase profitierten, dies nun aber vom Web 2.0 tun. Siva Vaidhyanathans Projekt The Googlization of Everything hat den Ehrgeiz, kritische Google-Forschung zu einem Buch zu synthetisieren, das 2009 erscheinen soll. Bis dahin sammelt Vaidhyanathan auf einem Blog das Rohmaterial.(4)

Einstweilen werden wir uns obsessiv mit der schwindenden Qualität der Antworten auf unsere Suchanfragen beschäftigen – statt uns mit dem grundlegenden Problem zu befassen, nämlich der schlechten Qualität unserer Bildung und der schwindenden Fähigkeit, kritisch zu denken. Ich bin gespannt, ob zukünftige Generationen Weizenbaums "Inseln der Vernunft" verkörpern, oder vielleicht sollte man besser sagen: designen werden. Nötig ist eine Wiederaneignung der Zeit. Im Moment fehlt sie schlicht, um wie ein Flaneur herumzuschlendern. Jede Information, jedes Objekt und jede Erfahrung soll instantan zur Hand sein. Unsere technokulturelle Grundhaltung ist eine der zeitlichen Intoleranz. Unsere Maschinen registrieren Softwareredundanz mit zunehmender Ungeduld und verlangen ständig Updates, fortlaufende Aktualisierung. Wir selbst sind nur zu willig, diesem Imperativ zu gehorchen, weil wir von der Angst vor schwindender Leistung getrieben sind. Die Experten der Benutzerfreundlichkeit beschäftigen sich mit den Bruchteilen von Sekunden, in denen wir entscheiden, ob die Information auf dem Bildschirm dem entspricht, was wir suchen. Wenn wir unzufrieden sind, klicken wir weiter. Glückliche Zufälle erfordern aber Zeit. Wir könnten also die Zufälligkeit preisen, praktizieren die Tugend der Geduld aber kaum. Wenn wir nicht mehr in der Lage sind, zufällig auf Inseln der Vernunft zu geraten, könnten wir uns ebenso gut selbst welche bauen. Zusammen mit Lev Manovich und anderen Kollegen vertrete ich die Auffassung, dass wir neue Wege der Interaktion mit Informationen finden müssen, neue Formen ihrer Repräsentation und neue Weisen, um ihnen Sinn abzugewinnen.

Wie antworten Künstler, Designer und Architekten auf diese Herausforderungen? Hört auf zu suchen. Fangt an zu fragen. Statt uns gegen die "Informationsflut" zu verteidigen, sollten wir der Situation kreativ begegnen. Als Gelegenheit, neue Formen zu erfinden, die unserer informationsreichen Welt angemessen sind.

Zuerst erschienen in Lettre International 81, Sommer 2008
Aus dem Englischen von Ulrich Gutmair.
Dank an Ned Rossiter für editorische Hilfe und Ideen.


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