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Ein Besucher blickt auf das Rechenzentrum des CERN.

8.4.2011 | Von:
Claire Lobet-Maris

Vom Vertrauen zur Spurenauswertung

Eine neue Sicht der Technikfolgenabschätzung

Um welche Untersuchungsprinzipien geht es hier? In unserer TA-Praxis gibt es zwei Untersuchungsprinzipien, die unsere Analyse von technischen Artefakten leiten: Das erste Prinzip bezieht sich auf die Autonomie des Subjekts, das zweite auf die Demokratie, wobei diese zwei Begriffe durch ihren gemeinsamen Ursprung eng miteinander verwandt sind, und jeder eine notwendige (aber nicht hinreichende) Voraussetzung des anderen darstellt. 89 Zunächst kurz zum Begriff der Autonomie. Dieser Begriff mag sehr vage bleiben, wenn wir ihn nicht in Form eines handfesten, pragmatischen Zugangs definieren. Letzteres wird von A. Sen und M. Nussbaum6 und ihrem Begriff des "Vermögens" (capability) geleistet. Die Autoren definieren den Begriff des Vermögens, indem sie auf eine Frage von Aristoteles zurückgreifen: "Welche Tätigkeiten, deren Ausführung für Menschen charakteristisch ist, sind so bedeutend, dass sie ein Leben, das wahrhaft menschlich ist, definieren können?" Die Antwort besteht in der Bestimmung von zehn grundlegenden Vermögen, die das Leben menschlich machen. Diese Vermögen erleichtern das Verständnis der beiden Seiten von "Autonomie" – einerseits als Freiheit vor übermäßigen Einschränkungen (durch den Staat oder durch andere) bei der Konstruktion der eigenen Identität, und andererseits als Kontrolle über die Aspekte (oder manche der Aspekte) der eigenen Identität, die man in die Welt hinausträgt.

Eng mit der Autonomie ist das zweite Untersuchungsprinzip verwandt: Demokratie. Auch dieser Begriff ist sehr breit und damit von geringem praktischen Wert für die Durchführung der Untersuchung. Wir definieren daher nach A. Sen Demokratie auf der Grundlage dreier wesentlicher Formen, in der diese das Leben der Bürger bereichert.
    Erstens ist die politische Freiheit ein Teil der menschlichen Freiheit im Allgemeinen, und die Ausübung von Bürgerrechten und politischen Rechten ist für jede Person ein wesentlicher Bestandteil eines guten Lebens als soziales Wesen. Politische und gesellschaftliche Teilhabe sind von intrinsischem Wert für das Leben und die Wohlfahrt des Menschen. Das Vorenthalten der Teilhabe am politischen Leben einer Gemeinschaft ist ein bedeutender Mangel. Zweitens [...] hat die Demokratie einen bedeutenden instrumentellen Wert, indem sie Menschen, die ihre Bedürfnisse (auch wirtschaftliche Bedürfnisse) ausdrücken und bekräftigen, mehr Gehör und politische Aufmerksamkeit verschaffen. Drittens [...] verschafft die Praxis der Demokratie den Bürgern eine Möglichkeit, voneinander zu lernen, und hilft der Gesellschaft, ihre Werte und Prioritäten zu definieren [...]. In diesem Sinn ist die Demokratie von einer konstruktiven Bedeutung, die über den intrinsischen Wert für das Leben der Bürger und über ihre instrumentelle Bedeutung für politische Entscheidungen hinausgeht.(7)
Nach dieser Auffassung ist die Demokratie gleichermaßen eine Voraussetzung für die Autonomie von Menschen als auch eine Folge dieser Autonomie.

Deep Search-Suchmaschinen zwischen Demokratie und Autonomie

Diese zwei Untersuchungsprinzipien ermöglichen die wichtigsten Fragestellungen in Zusammenhang mit Deep Search-Suchmaschinen zu beleuchten.

Deep Search-Suchmaschinen und Demokratie

Suchmaschinen aus mikropolitischer Sicht zu analysieren bedeutet, dass dieses Artefakt nicht allein als Suchwerkzeug betrachtet wird, sondern als etwas, was in soziale und politische Ordnungen eingebettet ist. Dies wird schnell klar, wenn man im Web Suchen mit verschiedenen Suchmaschinen durchführt. Das Ergebnis ist in jedem einzelnen Fall ein anderes, auch wenn es einige Webseiten gibt, die immer wieder auf den ersten Seiten erscheinen, während andere verborgen bleiben, weil sie nicht im Index stehen oder so niedrig gerankt sind, dass sie kein Nutzer ansieht. Dies ist nicht neutral, und auch nicht Technik, sondern vor allem Politik. Diese politische Sicht der Suchmaschine wird von L. Introna und H. Nissenbaum wie folgt auf den Punkt gebracht:
    Machen wir uns nichts vor: Es geht um politische Fragen. Was die Informations- Suchenden im Web finden können, entscheidet, woraus das Web für sie besteht. Wir befürchten, dass technische Beschränkungen und kommerzielle Interessen in einer Art zusammenwirken, die jene, die sich außerhalb des Mainstreams befinden, ebenso entrechtet, wie jene, die nicht über ausreichende Ressourcen oder Kenntnisse zur Verbesserung ihrer Web-Präsenz verfügen.(8)
Die soziale Formung dieser Suchmaschinen und damit ihre nicht-neutralen Erfordernisse und Eigenschaften wurden von J. Cho und S. Roy sehr gut dargestellt. Ihnen zufolge benutzen die meisten Suchmaschinen
    für die Messung der "Qualität" einer Seite einen Maßstab der "Link-Popularität", die als PageRank bezeichnet wird. Im Großen und Ganzen betrachtet die PageRank-Messung eine Seite dann als "wichtig" oder "qualitätsvoll", wenn sie mit zahlreichen anderen Seiten im Web verlinkt ist. Google setzt zum Beispiel eine Seite dann an die Spitze der Suchergebnisse (vor allen anderen Seiten, welche den Suchbegriff des Nutzers oder der Nutzerin enthalten), wenn sie zu den meisten anderen Seiten im Web verlinkt ist. Die "derzeit populären" Seiten kommen also immer wieder an die Spitze der Ergebnisseiten der wichtigsten Suchmaschinen. Das Problem dieses Ranking nach Popularität ist, dass es eine inhärente Benachteiligung weniger bekannter Seiten darstellt. Wenn die Suchmaschinen ständig populäre Seiten an der Spitze der Suchergebnisse ausweisen, werden mehr Web-Nutzer diese Seiten "entdecken", wodurch ihre Popularität noch weiter zunimmt. Im Gegensatz dazu wird eine zum betreffenden Zeitpunkt nicht populäre Seite von den Suchmaschinen nicht ausgewiesen (oder weit hinten gereiht), womit das Ranking dieser Seite noch weiter sinkt. Dieses Phänomen der "Reichen, die reicher werden", kann insbesondere für neue Qualitäts-Seiten problematisch werden. Selbst dann, wenn eine Seite von hoher Qualität ist, kann sie von Web-Nutzern völlig übersehen werden, einfach weil ihre laufende Popularität sehr gering ist. Diese Situation ist offensichtlich sowohl für die Autoren der Webseite unbefriedigend, als auch für die Web-Nutzer im Allgemeinen.Neue, wertvolle Seiten werden übergangen, nur weil sie keine Chance hatten, von den Menschen überhaupt wahrgenommen zu werden.(9)
Wenn wir diese Suchmaschinen als Filter oder Skripte begreifen, die unseren Zugang zur Information und zum Wissen vermitteln – und damit unsere Sicht auf die Welt –, dann können wir sie nach A. Giddens als Strukturen lesen, die unsere wechselseitigen Beziehungen konditionieren.(10) Als Struktur sind die Suchmaschinen in drei Dimensionen relevant: für die Bedeutung, da sie eine bestimmte Ordnung der Welt implizieren, für die Macht, da sie eine bestimmte Machtverteilung unter den Informations-Akteuren nach sich ziehen, und für die Normen, da sie Wohlverhalten bei der Nutzung und eine entsprechende Einstellung mit einem guten Index und einem guten Ranking belohnen.

Wie wirken sich diese neuen Artefakte auf die Demokratie aus? In der Auseinandersetzung mit Suchmaschinen werden drei demokratische Themenbereiche angesprochen: Gleichberechtigung und Respekt vor Minderheiten, die Vielfalt in dieser neuen Öffentlichkeit, und schließlich die Frage der Transparenz und der Regulierung ihrer Organisation.

Gleichberechtigung bezüglich der Möglichkeit, im Web zu existieren und gefunden zu werden, ist das erste und sichtbarste Thema, das durch den Maßstab der "Link-Popularität", der in vielen Suchmaschinen angewendet wird, angesprochen wird. Er untergräbt die Vielfalt im Web als öffentlichen Raum ebenso, wie die Chancen von Minderheitenstimmen, gehört zu werden.

Die meisten Suchmaschinenanbieter behaupten, dass die von ihnen gelieferten Ergebnisse fair und repräsentativ sind. Google bezieht sich auf eine Art direkte, partizipative Demokratie, welche sicherstelle, dass den Suchenden immer die besten Informationsquellen angeboten würden.
    Google funktioniert, weil es sich bei der Frage, welche Webseiten wertvollen Content anbieten, auf Millionen von Menschen verlässt, die Webseiten veröffentlichen. Anstatt sich auf eine Redaktion zu verlassen, oder nur auf die Frequenz, mit der bestimmte Begriffe auftauchen, reiht Google jede Seite mit einer Bahn brechenden Technologie namens PageRank™. PageRank bewertet alle Seiten, die mit einer Webseite verlinkt sind, und ordnet ihnen einen Wert zu, der zum Teil auf den verlinkten Seiten beruht. Durch die Analyse der gesamten Web-Struktur ist Google in der Lage, festzustellen, welche Seiten von jenen, die am meisten an der von ihnen angebotenen Information interessiert sind, als beste Informationsquellen "gewählt" wurden. Diese Technik verbessert sich durch das Wachstum des Web, da ja jede neue Seite einen neuen Informationsort darstellt und eine neue Stimme, die gezählt wird.(11)
L. Introna and H. Nissenbaum kommen zu dem Schluss, dass "die Suchenden wahrscheinlich große, populäre Seiten finden werden, deren Designer ausreichende technische Kenntnisse mitbringen, um im Ranking-Spiel erfolgreich zu sein."(12) Doch die "guten Absichten" der Suchmaschinenbetreiber im Hinblick auf die Fairness der Messung können sowohl durch ihre kommerziellen Strategien gestört werden, wenn die Top-Positionen verkauft werden, als auch durch die technischen Strategien jener, die ihre Kompetenzen dafür einsetzen, künstlich ein Top-Ranking herbei zu führen.

Damit stellt sich eine weitere wichtige Frage, nämlich jene der "Tyrannei der Mehrheit" und der Normalisierung oder Einzigartigkeit der gesellschaftlichen Vision, die diese zur Folge haben könnte. Die soziale Netzwerktheorie von M. Granovetter (13) unterstreicht die Bedeutung der schwachen Verbindungen für individuellen und gesellschaftlichen Wohlstand. Diese Frage wird durch die starke Konzentration des Sektors und die Dominanz weniger großer Akteure noch akuter.



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