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Ein Besucher blickt auf das Rechenzentrum des CERN.

8.4.2011 | Von:
Claire Lobet-Maris

Vom Vertrauen zur Spurenauswertung

Eine neue Sicht der Technikfolgenabschätzung

Transparenz ist die letzte, aber sicherlich die bedeutendste Frage, um die es hier geht. Die meisten Nutzer wissen nichts davon, wie das Ranking gemacht wird, und betrachten dieses oft als eine wahre Antwort auf ihre Suche und als objektive Darstellung der Welt. Diese Situation ist auf die starken geistigen Eigentumsrechte zurückzuführen, die die Such-Algorithmen schützen, aber auch auf die unzureichende öffentliche Information über die Metrik und Methoden, die von den Betreibern auf ihren Webseiten veröffentlicht wird. Diese Information ist dabei von großer Bedeutung im Hinblick auf das Vertrauen der Menschen in die erhaltene Information, aber auch im Hinblick auf die Rolle, die das Web in einer vernünftigen demokratischen Auseinandersetzung spielen könnte.

Diese kurze Beurteilung von Suchmaschinen führt zur Forderung nach einer besseren Regulierung, die eine faire, demokratische Partizipation gewährleisten kann. Nach den Regulierungstheorien von O.E. Williamson (14) kann eine solche Regulierung in drei verschiedenen Arten vorgenommen werden: als reine Marktregulierung, als hierarchische staatliche Regulierung, und als Netzwerkregulierung, also als Heterarchie.

Untersuchen wir zuerst die Regulierung durch die Dynamik des freien Markts. Dies ist diejenige, die zurzeit gebräuchlich ist, und auch jene, die den größten Betreibern zufolge am besten dazu geeignet ist, Vielfalt der Inhalte und Zufriedenheit der Nutzer zu gewährleisten. Wie L. Introna und H. Nissenbaum aber klar zeigen, sind Web-Suchmaschinen alles andere als ein wirklicher freier Markt, wo Kunden ihre Wahl unter mehreren klaren und lesbaren Alternativen aufgrund von transparenter Information treffen. Die meisten von uns sind Laien und verfügen über keinerlei transparente Informationen über die Funktionsweise der Suchmaschinen und schon gar nicht über die technischen Kenntnisse, die erforderlich sind, um Ranking-Methoden miteinander zu vergleichen. Wie ich bereits bemerkt habe, werden außerdem die Regeln des freien Marktes durch opportunistische Haltungen seitens der Suchmaschinen-Betreiber und tonangebender Webseitenbetreiber unterlaufen. Um diese Auswirkungen zu regulieren, plädieren die Betreiber meist für eine solide Selbstregulierung der Branche in Form eines Verhaltenskodex. Doch diese Form der Regulierung kann stark von mächtigen unternehmerischen und kommerziellen Interessen abhängen und rührt an grundsätzlichen Fragen im Zusammenhang mit der so genannten Privatisierung eines vorgeblich öffentlichen Raums.

Mehr Vertrauen haben einige Nutzer in die sozialen Netzwerke, denen sie angehören und an die sie glauben. Diese Netzwerke spielen die Rolle von Vermittlern und Wächtern zwischen den Nutzern und dem globalen Web. Aber auch hier muss die Frage gestellt werden, wie die Streuungseffekte dieser Strategie das Web als öffentlichen Raum betreffen und eine demokratische Auseinandersetzung zwischen diesen Vermittlungsinstanzen und ihren Klienten schwierig machen. Auch die Frage nach der Gefahr, die vom Rückzug in die eigene Identität für den sozialen Zusammenhalt und die Entwicklung der Gesellschaft ausgeht, stellt sich in diesem Zusammenhang.

Der letzte Regulierungsweg ist der hierarchische durch den demokratischen Staat. Was könnte ein Nationalstaat vor dem Hintergrund einer globalen und internationalen Umgebung tun, die von transnationalen Akteuren dominiert wird? Und sollten öffentliche Akteure in einen privaten Wirtschaftsbereich vordringen? Um diese Fragen zu beantworten, ist es wichtig, die Genfer Erklärung des World Summit on the Information Society (15) in Betracht zu ziehen, in der das Web als globales öffentliches Gut bestimmt wird. Wie Y. Poullet erklärt, bedeutet "öffentlich", "dass etwas allen zugänglich ist [...]. Das gilt auch für den Nutzen aus dem Reichtum des Internet. Und schließlich bedeutet es auch die Herstellung der Möglichkeit, aktiv an der Informationsgesellschaft teilzunehmen."(16)

Zusammenfassend wäre es also notwendig, ein Internet, das ein globales öffentliches Gut sein soll, "zu lenken und zu regulieren". Selbst wenn eine solche öffentliche Regulierung schwierig ist, sollte der Staat doch zumindest eine aktive Rolle dabei spielen, die Muster und Methoden, nach denen Suchmaschinenbetreiber ihre Skripte anlegen, transparent zu machen und damit die Skripte so lesbar wie möglich zu machen. Dies ließe sich in Form verschiedener, machbarer Politiken erreichen: durch eine Zertifizierung, die Suchmaschinen, welche transparente Informationen über ihre Metrik und Ranking-Verfahren bereitstellen, ein öffentliches Prädikat verleiht. Es ließe sich auch in Form einer öffentlichen Suchmaschine verwirklichen, die den Nutzern beim Vergleichen der Ergebnisse bestimmter Suchmaschinen hilft, und sie darüber aufklärt, wie sie ihre Chancen für ein gutes Ranking verbessern können. Diese Politik der Transparenz gibt es bereits in anderen Bereichen, die als öffentliches Gut gelten, aber bereits hochgradig liberalisiert sind, etwa der Elektrizitätsversorgung.

Deep Search und Autonomie

Die andere Seite der Medaille ist die Autonomie der Nutzer als Bürger. Die meisten Suchmaschinen bieten nun neue Tools, mit denen die gewonnenen Informationen kontextualisiert und personalisiert werden können. Einer der Mehrwerte, die von einer Suchmaschine geschaffen werden, sind die Daten, die über die Gewohnheiten der Verbraucher generiert werden, und die jene Profile und Präferenzen definieren, aufgrund derer personalisierte und Kontext-gebundene Information an die Nutzer geliefert wird.

Dies kann als Autonomie-fördernd verstanden werden, aber wie überall gibt es auch hier einen Umkehreffekt. Der Fall von AOL, das 2006 irrtümlich seine ganze Datenbank, die mehr als 36 Millionen Suchanfragen der 650.000 AOL-Nutzer speicherte, online zugänglich machte, erinnert daran. Mit diesem Irrtum entdeckte die Welt die Hinterzimmer der Suchmaschinen. All diese gesammelten Daten dienen dazu, aus dem laufenden Such- und Konsumverhalten eines Ver95 brauchers Profile und Präferenzen zu generieren, die für Nutzer mit ähnlichen Interessen fruchtbar gemacht werden können. Die Anlage solcher Profile und Präferenzen wird immer damit gerechtfertigt, dass sie die Effizienz individueller Suchanfragen steigerten, und damit einen Vorteil für Verbraucher darstellte. Gleichzeitig stellen sie aber einen undurchdringlichen numerischen Käfig dar, der die Freiheit und Selbstbestimmungsmöglichkeiten der Nutzer einschränkt.

Zwei Punkte müssen hier angesprochen werden: zuerst der Mangel an Transparenz bei der Generierung und Verwaltung dieser Profile und Präferenzen, und – damit zusammenhängend – die mangelnden Möglichkeiten der Nutzer, ihre numerischen Spuren zu bestimmen, womit sie zunehmend zu den "Gefangenen" einer Geschichte werden und immer weniger Möglichkeiten haben, die eigene soziale Identität zu kontrollieren.

Diese Frage wird meist im Zusammenhang mit rechtlichen Fragen der Privatsphäre behandelt. In einem jüngst erschienenen Artikel zeigt E. Kessous, dass die herkömmlichen Regulierungen der Privatsphäre bei diesem Thema versagen.(17)

Es lohnt sich, seine Argumentation genauer anzusehen. Für E. Kessous hat diese Regulierung zuerst ein hierarchisches Muster begünstigt, in dem nationale und internationale Rechtsvorschriften und Institutionen die Privatsphäre und die individuellen Freiheiten schützen. Diese öffentliche Regulierung gestaltet sich schwierig und ist angesichts eines globalen Kontexts der Liberalisierung und dem Ausbleiben einer effektiven Regulierung auf globaler Ebene oft wirkungslos oder schwach.

Der zweite Weg ist der des Marktes und beruht auf dem freien Willen und der informierten Zustimmung seitens der Akteure einerseits, sowie Opt-in- und Opt-out-Mechanismen andererseits. Diese Regulierung durch den Markt wirft politische Fragen im Zusammenhang mit dem Gerechtigkeitsbegriff auf, da sie de facto eine soziale Asymmetrie zwischen den haves und have-nots und ihren jeweiligen Möglichkeiten herstellt, freien Willen auszuüben und die Privatsphäre und Autonomie zu schützen. Der Marktmechanismus kann aber auch kontraproduktiv für die Suchmaschinenbetreiber sein, da in deren Profil- und Präferenzsystemen meist eine Bevorzugung des handelnden oder "klickenden" Körpers als Quelle der Wahrheit gegenüber dem Subjekt und seiner rhetorischen Fähigkeit zum Ausdruck kommt. Im Zusammenhang mit Suchen gelten die "klickenden Körper" als objektiver, verlässlicher und informativer als "denkende oder sprechende Personen", und als aufschlussreicher als jene "wirklichen" persönlichen Identitäten, Persönlichkeiten und Lebensformen, über die ein Individuum sprechen könnte. Dieses "Körperparadigma" führt zu einem Paradox innerhalb eines liberalen, auf dem "freien Willen" beruhenden Regulierungssystems.

Der von mir angeregte dritte Weg basiert auf der technisch-politischen Befähigung von Bürgern, indem ihnen die technischen Möglichkeiten zur Verfügung gestellt werden, die es ihnen erlauben, ihre eigene Geschichte und Identität zu schreiben, indem sie ihre numerischen Spuren selbst managen. E. Kessous bezeichnet solche Technologien als "maoistische Reiniger" (18), welche den Menschen die Möglichkeit geben, ihre Profile "zurückzusetzen" und veraltete oder Vorurteils-behaftete Links zu entfernen, um ihre geistigen Rechte und die Umkehrbarkeits-Prinzipien in ihrer sozialen Identität und ihrer Lebensgeschichte wiederherzustellen. Für die Autorin sind hierarchische und Markt-basierte Wege notwendig, um das Recht auf Privatsphäre zu schützen, sie reichen aber nicht aus, um ihre Autonomie und ihr Selbstbestimmungsvermögen wieder herzustellen. Dies erfordert neue technische Innovationen, um eine wirksame Befähigung von Bürgern sicherzustellen.

Schluss

Die globale Wirtschaft bedeutet häufig, dass Nationalstaaten sich in einer ungleichen Konfrontation mit großen, gut organisierten transnationalen Unternehmen befinden. Bedeutet dies, dass es keinen Raum für wirksame Verantwortlichkeit der Nationalstaaten für den Schutz ihrer Bürger gibt? Wie J.E. Stiglitz betont, "hat die Regierung zweifellos einen Platz, sie muss aber auch wissen, wo sie hingehört".(19)
Das Beispiel der Suchmaschinen zeigt, dass es immer noch großen Spielraum für eine aktive Rolle der Nationalstaaten in der Nutzbarmachung der so genannten Informationsgesellschaft im Sinne der Bürger gibt. Diese Rollen betreffen Bildung und Innovation: Bildung etwa in Form einer Förderung von Lernprogrammen, die den Menschen dabei helfen, diese neuen Suchfenster, die ihnen Zugang zu Information und Wissen bieten, besser zu verstehen und zu entschlüsseln. Innovation zum Beispiel durch die Finanzierung von Forschungsprogrammen, die Projekte auf der Grundlage von Suchmaschinen mit "ethischem Mehrwert" unterstützen, aber auch Projekte, welche die Bürger in die Lage versetzen, ihre Spuren zu managen und zu kontrollieren und ihnen damit das Eigentumsrecht und das Menschenrecht auf ihre Identitäten in die Hand gibt.


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